Gesetzentwurf zu Inklusion an Schulen Viel Kritik am Plan des Kultusministeriums

Die Vorschläge des Thüringer Bildungsministeriums für ein neues Schulgesetz sorgen weiter für Kritik. Vorgesehen ist unter anderem, ab dem kommenden Jahr schrittweise alle Kinder mit Förderbedarf im Bereich Lernen, Sprechen und soziale Entwicklung an allgemeinbildenden Schulen zu unterrichten. Die Oppositionsparteien, Verbände wie die Parität und die Lebenshilfe, der Lehrerverband sowie die freien Schulen bemängeln vor allem fehlende Vorgaben und Rahmenbedingungen, wie die Schulen das künftig umsetzen sollen. Gisela Schröter von der Lebenshilfe sagte MDR THÜRINGEN, benötigt würden auf jeden Fall mehr Lehrer und Sonderpädagogen. Die Lebenshilfe fordere deshalb in ihrer Stellungnahme an das Bildungsministerium eine Ausbildungsoffensive oder mehr Zeit für die geplanten Veränderungen.

Wohlfahrtsverband: "170 neue Stellen reichen nicht"

Ein Mädchen im Rollstuhl mit anderen Kindern.
Verbände fordern mehr Pädagogen, kommunale Schulträger verweisen häufig auf Investitionskosten für barrierefreien Umbau. Bildrechte: Colourbox

Für den Landesgeschäftsführer des Paritätischen, Stefan Werner, ist eine inklusive Schule ein wichtiges Anliegen. "Inklusion muss aber gut gemacht und gut gedacht werden und ist teuer", sagte Werner dem MDR. Als offene Fragen benennt er unter anderem das Lehrer-Schüler-Verhältnis, die Klassenstärken und wie die Pädagogen auf die neuen Aufgaben vorbereitet werden. Die bisher angekündigten 170 zusätzlichen Stellen reichten bei Weitem nicht, sagte Werner. Er geht davon aus, dass für die geplanten Veränderungen mindestens zehn Jahre benötigt würden.

Freie Schulen: "Mehr Fragen als Antworten"

Auch die freien Schulen in Thüringen begrüßen grundsätzlich das Vorhaben eines gemeinsamen Schulgesetzes für Förderschulen und Allgemeinbildende Schulen. Der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Marco Eberl sagte MDR THÜRINGEN, der vorgelegte Entwurf bringe aber mehr Fragen als Antworten. Zunächst müsse geklärt werden, wie eine inklusive Schule aussehen solle und welche Rahmenbedingungen dafür seien sind. Dabei müsse der Erfahrungsschatz der freien Schulen genutzt werden, denn sie seien in Thüringen Vorreiter im Bereich des gemeinsamen Unterrichts.  

Scharfe Kritik des Lehrerverbandes

Der Thüringer Lehrerverband bleibt bei seiner Kritik, dass derzeit die Voraussetzungen für ein neues Schulgesetz fehlen. "Die Bedingungen für eine gelingende Inklusion sind noch nicht einmal ansatzweise erfüllt", heißt es in der Stellungnahme des Verbandes, die MDR THÜRINGEN vorliegt. Gefordert werden unter anderem eine konsequente Doppelbesetzung in allen inklusiven Klassen, geeignete Weiterbildungsangebote für die Lehrer sowie ein barrierefreier und behindertengerechter Umbau der Schulgebäude.

Für die Thüringer Oppositionsparteien ist das gemeinsame Schulgesetz vor allem ein "Ideologieprojekt". Der bildungspolitische Sprecher der CDU, Christian Tischner, sagte dem MDR, gemeinsamer Unterricht sei bereits jetzt möglich. An vielen Stellen fehlten aber die Voraussetzungen. Da dürfe nicht noch eine "Baggerschaufel draufgelegt werden", so Tischner. Die bildungspolitische Sprecherin der AfD, Wiebke Muhsal, sagte, ihre Fraktion lehne das inklusive Schulgesetz vollständig ab. Die faktische Abschaffung der Förderschulen sei ein enormer Eingriff in das Recht der Eltern auf die Wahl der Schullaufbahn ihrer Kinder. Inklusion könne nur an speziellen Schwerpunktschulen funktionieren, in denen dann die Voraussetzungen dafür gegeben seien.

Ministerium signalisiert Gesprächsbereitschaft

Bis zum heutigen Sonntag sind Stellungnahmen zu den Gesetzesplänen möglich. Nun sollen die Einwände geprüft werden. Dabei signalisiert das Ministerium Gesprächsbereitschaft: "Sollte sich anhand der Rückmeldungen zeigen, dass die bisherige Planung zu ambitioniert ist, dann wird es daran Änderungen geben" sagte Bildungsministerin Birgit Klaubert. Mit Blick auf die geforderten konkreten Rahmenbedingungen sagte ein Ministeriumssprecher, in Gesetzentwürfen stünden in der Regel keine Haushalts- und Personalmittel, das müsse an anderer Stelle geklärt werden. 

Ein Junge im Rollstuhl nimmt in der fünften Klasse am Unterricht teil
"Haushalts- und Perosnalmittel müssen an anderer Stelle geklärt werden", erklärt das Ministerium. Bildrechte: dpa

Nach dem Arbeitsentwurf ist unter anderem vorgesehen, dass Kinder mit Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung ab dem Schuljahr 2018/2019 nicht mehr an den entsprechenden Förderzentren aufgenommen werden dürfen. Sie sollen stattdessen ausschließlich an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet werden. Derzeit gibt es in Thüringen rund 7.100 Kinder, die entsprechend gefördert werden. Fast die Hälfte wird bereits inklusiv unterrichtet. Die Förderzentren mit den Schwerpunkten körperliche und motorische Entwicklung sowie geistige Entwicklung sollen weitestgehend in der bisherigen Form erhalten bleiben. Nach dem bisherigen Zeitplan soll das Gesetz bis Ende 2017 vom Landtag verabschiedet werden und mit Beginn des Schuljahres 2018/2019 in Kraft treten.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15.01.2017 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2017, 09:29 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

18 Kommentare

16.01.2017 13:08 S.A. 18

Wie sagte Weizsäcker doch einmal so trefflich: "Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann." Auch Thüringen kann sich der Umsetzung der UN-BRK nicht verschließen... Man muss von der Ghettoisierung und Stigmatisierung behinderter Kinder wegkommen...

16.01.2017 09:48 Theo Rettich 17

Da glauben die Sonderschulpädagogen wohl, dass die Gehälter nach oben angepasst werden. Deshalb kommt man mit der fadenscheinigen Begründung, dass Gleichberechtigung und Chancengleichheit etwas damit zu tun hat in einem Raum zu hocken und in einer Stunde den gleichen Unterrichtsstoff zu hören. Die Linksextremen freut so was. Bildung für die Massen war bei denen schon immer Teil des Problems bei der Umstellung auf die proletarische Gesellschaft. Deshalb haben alle Schüler mit der Inklusion defacto weniger Bildung. Von den nicht belernbaren Schülern mit hohem Aggressionspotential ganz zu schweigen. Solche politischen Menschenexperimente zulasten von Kindern sind verabscheuungswürdig und menschenfeindlich.

16.01.2017 09:37 Knuspert 16

Das ist das Problem dieser opportunistischen Berufsgruppen. Einerseits dient man sich gerne unterwürfig als Teppichausleger für die Politik an, andererseits jammert man dann ständig von Überlastung. Es sind keine pädagogischen Wohltaten die die Politik hier sog. Kindern mit Förderbedarf zukommen lassen will, man will sich schlicht die Kosten für Förderschulen mit einem zu teuren Lehrer-Schüler-Schlüssel sparen. Anderswo müssen Schulen die Lehrer für die Inklusionsbetreuung im Monatsturnus bewilligt bekommen, damit es nicht zu teuer wird, denn das Geld reicht eben nicht für alle.

15.01.2017 20:17 Schulbesucher 15

Absolut richtig ist, dass für die jeweiligen Beeinträchtigungen eine Ausbildung nötig. Im Moment sieht es so aus, als sollten die "normalen" Lehrer dies ohne Ausbildung übernehmen. Was soll denn dabei raus kommen außer Dilettantismus? Und das zu Lasten aller Schüler. Es darf eben nichts kosten. Aber das klappt nicht.

15.01.2017 20:04 Sie ziehen den falschen Schluss 14

@15.01.2017 19:03 Morchelchen (13 Den absurdesten Beitrag über "gelebte Inklusion" habe ich im vergangenen Jahr in einem Blog gesehen. Als von einem Kommentator darüber berichtet wurde, dass der Klassenlehrer seiner Tochter am Rande des Nervenzusammenbruches stand. Warum? In dieser regulären Klasse waren zwei blinde Mitschülerinnen mit zu unterrichten.)

Sie bemerken es selbst, nicht wahr: Ihr Kommentar beschreibt in polemischer Weise erstens einen absoluten Ausnahmefall und der ist, zweitens, auch noch eine Illustration schulpolitischen Totalversagens - denn hier wurden natürlich der Schule die, für einen inklusiven Unterricht zwingend notwendigen, Ressourcen nicht zur Verfügung gestellt. Niemand im Land traut einem zeitgenössischen Bildungspolitiker zu recht auch nur über den Weg - allerdings: Mit dem Konzept der Inklusion hat das nichts zu tun. Wenn es überhaupt so geschehen ist und nicht medial inszeniert wurde...

15.01.2017 19:03 Morchelchen 13

Tja, Atze, die meisten Lehrer sagen das auch (hinter vorgehaltener Hand). Doch das machen leider bereits zu viele Mitbürger auch so, anstatt mit offener Kritik dagegen zu halten. Den absurdesten Beitrag über "gelebte Inklusion" habe ich im vergangenen Jahr in einem Blog gesehen. Als von einem Kommentator darüber berichtet wurde, dass der Klassenlehrer seiner Tochter am Rande des Nervenzusammenbruches stand. Warum? In dieser regulären Klasse waren zwei blinde Mitschülerinnen mit zu unterrichten. Entweder die fragten ihn ständig danach, was angeschrieben war oder zu lesen, oder eben ihre Mitschüler. Es herrschte im Unterricht also permanente Unruhe und kein Wunder, ein ständiger Rückstand zum Schuljahresziel. Ich war total erstaunt, da ich immer nur kleine Handicaps vermutet hatte. So drastisch hatte ich mir Inklusion nie vorgestellt - aber der Lehrer und die Eltern der betreffenden Mitschülerinnen und Mitschüler sicher vorher auch nicht...

15.01.2017 18:55 Daran ist gar nichts falsch 12

@15.01.2017 14:15 Spike (5 Das Kinder Schaden nehmen, wenn sie mit Nichtbehinderten beschult werden ist absolut falsch und nicht belegbar. Das Gegenteil ist der Fall. Was ist falsch daran, wenn die 'normalen Kinder' z.B. die Gebärdensprache oder die Brailleschrift lernen. Auch in der gemeinsamen Beschulung mit geistig Behinderten wird das Sozialverhalten der 'Normalen' bedeutend besser.)

Korrekt und daran ist buchstäblich gar nichts falsch. Aber Sie diskutieren das in dem Land, in dem die Aktion T4, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stossen, jahrelang "durchgeführt" werden konnte und in dem jeder autoritätshörige kleinbürgerliche Depp der unbegründeten Ansicht ist, er habe pädagogische Kenntnisse, weil ihn seine Eltern regelmässig durchgeprügelt haben. Und: Diese Klientel hat panische Angst vor dem "sozialen Abstieg", vor dem ihre Kinder durch "Schulische Leistungen" bewahrt werden sollen. Andere Bildungszwecke sind dieser Klientel weitgehend unbekannt.

15.01.2017 18:48 Schon das wird der Lackmus-Test sein 11

@15.01.2017 16:14 Jette44 (8 aber die Bedingungen an der "normalen" Schule, angefangen von den Toiletten, bis zu den Stühlen und Tischen usw., sind genauso wichtig. Ich habe oft mit Schülern einen Rollstuhlfahrer die Treppen hoch und runter getragen, weil die Bedingungen nicht gepasst haben. Damit muss angefangen werden.)

Schon daran wird sich blitzschnell erweisen, ob das politische Establishment i. A. des Kapitals mal wieder die Bürger nach Strich und Faden belogen hat, um Kosteneinsparungen zu "rechtfertigen" und zu verschleiern oder ob das Projekt ernsthaft befördert werden soll. Sie ahnen vermutlich schon, von welcher Annahme ich selbst aus Gründen langjähriger Erfahrung ausgehe. Wir alle werden ja sehen.

15.01.2017 17:39 Atze 10

Die Kinder, die ohne grosse eivene Probleme am Unterricht der Regelschulen teilnehmen können sollen das tun.Hakt es aber schon bei Barrierefreiheit oder kann das Kind dem Unterricht beim besten Willen nicht folgen, ist das auch für das Kind unzumutbar.Anfang der Achtziger wurde in Berlin-Lichtenberg eine Körperbehindertenschule eröffnet, die damals Spitze war und alle Möglichkeiten des Lebens, Lernens, Entspannens und der Freizeit bot.Warum soll so eine komfortable Einrichtung plötzlich nicht mehr gut sein.Die Kinder und Jugendlichen konnten soweit es ging auch an anderen Veranstaltungen teilhaben oder andere Kinder konnten eingeladen werden.Bei dem grosszügigen Bau.Was stellen sich denn die Leute vor? Es geht um das Wohlbefinden der behinderten Kinder, das ist meine Meinung.Wo sind sie gut aufgehoben. Eine Förderschule kann absolut das Optimale sein.

15.01.2017 17:10 Steinbock 9

@5 ... alles "gleichmachen" zu wollen hat nichts mit Gleichberechtigung und Teilhabe zu tun.....