Mathematik und Naturwissenschaften Spezialgymnasien auf der Suche nach Schülern

Die drei Spezialgymnasien für Mathematik und Naturwissenschaften in Thüringen suchen neue Schüler. Die Nachfrage nach den landesweit 120 Plätzen hat den Einrichtungen zufolge spürbar nachgelassen.

Mehrere Jungen und Mädchen, die die Goetheschule in Ilmenau besuchen, führen im Chemieunterricht Experimente durch
Die Schüler lernen in Spezialklassen und wohnen zum Teil in Internaten, die den Gymnasien angeschlossen sind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein möglicher Grund für seit Jahren sinkende Bewerberzahlen: Thüringens Gymnasien wollten leistungsstarke Schüler lieber selbst ausbilden und nicht abgeben, sagte der stellvertretende Schulleiter des Goethegymnasiums in Ilmenau, Robby Krämer. Es werde kaum noch für einen Übertritt geworben. So haben sich in Ilmenau zuletzt nur noch rund drei Dutzend Schüler für die 24 Plätze beworben.

Auch am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Erfurt waren im vergangenen Jahr die Bewerberzahlen gesunken. Beides sind - wie auch das Carl-Zeiss-Gymnasium in Jena - staatliche Schulen, die besonders begabten Schülern ab der neunten Klasse zusätzlichen Unterricht in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern anbieten. Gelernt wird in eigens eingerichteten Klassen, die Schüler wohnen zum Teil in schuleigenen Internaten.

Innovationen aus dem Unterricht

Die Förderung in Spezialklassen zeigt regelmäßig Erfolg: Schüler der neunten bis zwölften Klassen haben an der Goetheschule in Ilmenau zum Beispiel eine Methode entwickelt, Vögel auf Fensterscheiben hinzuweisen. Ein Gitter aus ultraviolettem Licht warnt die Tiere vor der Gefahr. Für Menschen ist es nicht sichtbar, Vögel nehmen das kurzwellige Licht dagegen wahr. Das Fenster ist ein Beitrag der Ilmenauer an der diesjährigen "Lego League", einem weltweit ausgerufenen Technik- und Robotikwettbewerb. Das Gymnasium nimmt regelmäßig und mit Erfolg an Wettbewerben aller Art teil.

Spezielle UV-Licht-Lampen leuchten an einem rechteckigen Rahmen im Biologieunterricht der Goetheschule in Ilmenau
Ilmenauer Schüler haben ein Gitter aus ultraviolettem Licht entwickelt, das Vögel auf Fensterscheiben aufmerksam machen soll. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Angebot ist ein Überbleibsel des DDR-Schulsystems: 1963 waren Spezialgymnasien eingerichtet worden, um den damaligen Fachkräftemangel zu beheben. Heute eröffnen die Spezialschulen besonders Begabten mehr Möglichkeiten als viele reguläre Gymnasien. Der Schulleiter am Georgianum in Hildburghausen, Frank Wagner, wirbt daher für den Übertritt. "Wenn es um die Entwicklung der Persönlichkeit des Schülers geht, können wir nicht annähernd so gut fördern wie es in Ilmenau möglich ist", sagte Wagner.

Für ihn sind die zuletzt sinkenden Bewerberzahlen vor allem eine Folge der allgemein gesunkenen Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts in Thüringen. Speziell in Mathe müsste mehr mit den Kindern geübt werden - und das bereits in der Grundschule. Erst wer die Mathematik sicher beherrsche, könne auch in den Naturwissenschaften glänzen.

Ob Erfurt, Jena oder Ilmenau für einen Schüler in Frage kommt, müssen Schüler und Eltern gemeinsam klären, sagt Robby Krämer von der Goetheschule in Ilmenau. Schließlich sei es schon eine Entscheidung von gewisser Tragweite, ob der oder die 14-Jährige ab der 9. Klasse unter der Woche im schuleigenen Internat leben und lernen möchte. Spezialschüler haben durchschnittlich fünf Wochenstunden mehr Unterricht als die anderen Thüringer Gymnasiasten. Für die Aufnahme müssen sich Schüler bewerben und einem schriftlichen wie mündlichen Auswahlverfahren stellen. Bewerbungsschluss für diesen Sommer ist je nach Schule zwischen Ende Januar und Mitte Februar.

Außenansicht der Goetheschule in Ilmenau im Winter mit Schnee
Die Goetheschule in Ilmenau bietet einen Schwerpunkt in Mathematik und Naturwissenschaften. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2017, 11:20 Uhr

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5 Kommentare

06.01.2017 16:26 Eltern 5

Wir haben lange überlegt, ob wir hier unsere Meinung abgeben. Unser "Jugendlicher" ist derzeit Schüler in einer der Spezialklassen.
Im günstigsten Fall zu bedauern ist (aus unserer Sicht) die Aussage des Herrn Robby Krämer (stellv. Schulleiter) - wenn sie denn tatsächlich so gefallen sein sollte, vor allen gegenüber anderen Lehrkräften und schlichtweg falsch. Immer wieder werden wir (auch andere Eltern) gefragt, wie wir unsere Kinder in diese "Leistungsdichte" schicken könnten, da bei NC-Studienrichtungen Nachteile bestehen. An diesen Spezialschulen spielt Spitzenleistung noch eine Rolle (im Vergleich zu Gymnasialklassen der Mittelmäßigkeit auch im Westen) und dementsprechend ist das Niveau hoch und eben nicht einfach die Punkte 13 bis 15 für den später nötigen Abidurchschnitt für NC-Studenplätze zu bekommen. Das sind berechtigte Sorgen der "verantwortlichen" Eltern, welche dann eben festlegen, ihr Kind bleibt an einem "normalen" Gymnasium um eine bessere Abinote zu erreichen.

05.01.2017 20:12 Mike 4

@Nr. 3
Danke, sehr treffende Feststellungen. Wir als Eltern von 3 Gymnasiasten haben unseren Kindern deutlich gemacht, dass sie ohne Abitur (welches mittlerweile enorm an Qualität verloren hat) kaum eine Chance auf einen mittleren Lebensstandard sichernden Job haben werden. Aber einem meiner Kinder ein Spezial-Gymnasium gönnen zu können fehlt schlicht das Geld, weniger die individuelle schulische Leistung. Ostdeutschland wurde (ohne es vielleicht zu wollen) zum Armenhaus Deutschlands gemacht, durch Lohndumping und staatliche Fehlplanung oder einfach mangelnden Konzept zur nachhaltigen (Wieder-)Vereinigung.

04.01.2017 23:15 Lüder Gleichmann Ilmenau 3

Es gibt eine Ursache für den Mangel an Nachwuchs: Eine quasi gesamte Generation hat das Land verlassen, zumeist die leistungsfähigsten. Damit gingen auch Erbanlagen verloren. Die weniger leistungsfähigen akkumulieren im Osten auf, damit auch ihr Nachwuchs. Der Naturwissenschaftler Charles Darwin definierte dieses Phänomen als Negativauslese. Durch die fiserable Lohnpolitik im Osten wird der Effekt weiter progressieren. Ein Abi einer Spezialklasse der Goetheschule in Ilmenau war so ziemlich die beste Empfehlung für einen Studienplatz an rennomierten Unis und Hochschulen. Auch wenn man es nicht wahrhaben will, die Qualität der MatNat Ausbildung zu DDR Zeiten ist im nachwendischen Bildungssystem nie mehr erreicht worden. Schlicht und einfach gilt: Es sind zuviele Abiturienten mit zu wenig Qualität unterwegs.

04.01.2017 10:55 REXt 2

An@1 , so viel zu den gleichen Bildungschancen in DE! Geld gibt man für unsinnige Projekte aus, aber für die dringende Förderung der Naturwissenschaften fehlt es scheinbar. DE ist dabei sich abzuschaffen!

04.01.2017 09:20 Hinzu kommen seit diesem Schuljahr Gebühren 1

von rund 330 Euro für die Unterbringung im Internat plus Fahrgeld. Auch kein Pappenstiel. Zumal der Betrag bereits ab ca. 30.000 Eur Haushaltsjeahreseinkommen zu zahlen ist.