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Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen

Neustart "Schwalbe" soll den nächsten Sommer machen

von Isabelle Fleck

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Den Betrachtern bleibt fast das Herz stehen. Eine junge Frau schaut sich die neue "Schwalbe" auf der Bühne ein bisschen zu genau an, zieht am Gasgriff und schon macht die "Schwalbe" einen ordentlichen Satz nach vorn. Sie hängt schon halb von der Bühne runter, da stürzen sich die umstehenden Männer auf den gelben Elektroroller und helfen der zarten Dame mit dem 120 Kilo-Gefährt. Das wäre es fast gewesen für den 70.000 Euro teuren Prototypen. Govecs Geschäftsführer Thomas Grübel ist erleichtert, dass nicht mehr passiert ist und sagt: "Selbst Schuld, ich hatte den Schlüssel stecken lassen".

Um 19 Uhr soll sie enthüllt werden. Govecs hat dafür in Berlin einen modernen Veranstaltungssaal auf dem Gelände der Königlichen Porzellan Manufaktur gemietet. Im Innenhof sind kleine orange Verkehrskegel aufgestellt. Hier dürfen die "Premierengäste" nachher eine Runde drehen. An den Wänden im Saal wird der bekannte "Schwalbe"-Schriftzug auf die Wände projiziert. Ein DJ aus München legt auf - es ist cool hier, modern - nichts erinnert an Schrauberwerkstatt und ölige Finger. Ziemlich schnell ist der Saal voll. Hipster, Models, ein paar Fernsehschauspieler, viele hübsche Frauen und coole Jungs. Man kennt sich.

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Das neue Moped heißt schlicht und einfach "Schwalbe". Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen

Die Musik wird lauter, auf einer Videowand fliegen Schwalben durch die Lüfte, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Berlin aus der Luft, ein Pärchen auf einem Roller. Dann zischt die Leinwand nach unten und die Moderatorin auf der Bühne dahinter begrüßt die Gäste. Sie sollen eine Schneise bilden, auf den Fahrstuhl am Ende des Saales ist ein riesiger Scheinwerfer gerichtet. Es dauert einen Moment, dann öffnen sich die Türen und der "Govecs"-Chef fährt durch die Menge, auf die Bühne. Da ist sie also, die neue "Schwalbe". Die Besucher zücken die Smartphones, vor der Bühne drängeln sich die Fotografen.

Vorstellungsrunde:  Thomas Grübel erzählt, dass die "Schwalbe" schlicht "Schwalbe" heißt, optisch an das Original erinnert, aber innen komplett neu sei. Beibehalten wurden die Drahtspeichenfelgen und der markante Gepäckträger. Der Online-Shop zum Reservieren wird auf sein Zeichen freigegeben. Für rund 5.000 Euro soll die neue "Schwalbe" ab kommendem Sommer erhältlich sein - im präsentierten gelb und drei anderen Farben, die noch nicht feststehen.

Mit den fest eingebauten Akkus beträgt die Reichweite rund 100 Kilometer, danach kann der Akku an einer gewöhnlichen Haushaltssteckdose geladen werden. 47 km/h darf man damit fahren - auch wenn es schneller möglich wäre, ist es in der EU mit dem normalen PKW-Führerschein nicht erlaubt. Fahren darf man mit Mofa- oder Autoführerschein. Es gibt fünf Fahr-Modi von "Crawl", einer Unterstützung zum leichteren Schieben, über "Eco" bis zum sportlichen "Power"-Modus.

Im Saal ist es laut. Die Moderatorin will wissen, wer die Simson-"Schwalbe" von früher kennt. Viele der 400 Hände gehen hoch. Wer selber eine hat? Vielleicht zehn Leute. Die meisten Besucher waren wohl noch nicht geboren, als die Produktion der Simson "Schwalbe" in Suhl 1986 eingestellt wurde. Sie kennen das Kultmoped vielleicht von Fotos und sind offen für die neue Variante.

Auf der Seite über dem Trittbrett steht "Bosch". Was es damit auf sich hat, erklärt Martin Holzmann später. Er ist "Head of Light eMobility Systems"- also Ingenieur bei Bosch und hat das "Herz" der neuen "Schwalbe" mit entwickelt.

Sie ist das erste Fahrzeug, in dem diese neu entwickelte Antriebstechnik verbaut ist, die Akkus, das Ladesystem, die Batterien. Laut "Govecs"-Chef Grübel macht die Antriebstechnik einen guten Teil des Preises aus.

Worum es auf der Bühne nicht geht: Es ist der zweite Versuch für eine neu konstruierte Elektro-"Schwalbe".  Den ersten gab es 2011 in Suhl. Die neugegründeten "Elektrofahrzeugwerke", kurz "efw" wollten die "Schwalbe" als Elektro-Fahrzeug auf den Markt bringen. Doch das verzögerte sich immer wieder.

Im Interview erklärt Grübel, 2012 seien "Govecs" und "efw" Standnachbarn auf der Intermot gewesen. Er habe das Interesse der Besucher gesehen, aber auch verfolgt, dass die Markteinführung immer wieder verschoben wurde. "Ich habe mich immer wieder gewundert, warum der nächste Schritt nicht gemacht wird", so Grübel. "Es wäre schade gewesen, die Elektro-'Schwalbe' sterben zu lassen". Die negative Presse sei für eine "so junge Branche im Marktaufbau schlecht." Dann sei er 2013 erstmals auf "efw" zugegangen. Irgendwann hatten sich die Gründer eingestanden, dass sie es selbst nicht schaffen werden. Während "efw" nicht mehr auf Presseanfragen reagierte und in Suhl die Produktionshallen räumte, stieg "Govecs" im Herbst 2014 ein. Erst in diesem Frühjahr kam das raus.

Nach mittlerweile mehr als drei  Jahren Entwicklung ohne Presse-Rummel sind vom "efw"-Konzept  noch etwa zehn Prozent übrig. "Wir sind zu einem frühen Zeitpunkt eingestiegen - das hat eine Zeitersparnis gebracht. Aber wir mussten einen mittleren Millionen-Betrag investieren. Mit einigen 100.000 Euro ist es im komplexen Zweiradbereich nicht getan", sagt Grübel. Ein Prototyp kostet etwa 70.000 Euro. Vier Stück gibt es derzeit.

"Govecs" stellt Weiterentwicklung der E-Schwalbe vor So sieht die neue "Schwalbe" aus

Löst bei manchen Betrachtern ein "hui" aus. Andere finden sie "ffui": Die neue Schwalbe der Firma Govecs. Machen Sie sich hier Ihr eigenes Bild.

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In Berlin präsentierte die Firma "Govecs" am 26. September die neue Schwalbe. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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In Berlin präsentierte die Firma "Govecs" am 26. September die neue Schwalbe. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Govecs hat das alte Konzept der Suhler "Elektrofahrzeugwerke" (efw) übernommen. In die Weiterentwicklung sind in den vergangenen drei Jahren mehrere Millionen Euro investiert worden. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Ab 2017 sollen die Elektroroller in Serie produziert werden und für rund 5.000 Euro erhältlich sein. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Die Schwalbe darf knapp 50 km/h fahren. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Hier ist Govecs-Geschäftsführer Thomas Grübel zu sehen. Er fährt die Schwalbe durchs Publikum auf die Bühne zur Präsentation. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Zudem erklärt er MDR-Reporterin Isabelle Fleck, was an der neuen Schwalbe so besonders ist. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Zum Beispiel die modernen Scheibenbremsen. Die gibt es in Zukunft auch mit ABS. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Oder der neue Antrieb: Er kommt von Bosch und wird in der neuen Schwalbe erstmals verbaut. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Martin Holzmann von der Robert Bosch GmbH erklärt bei der Präsentation, wie dieser Antrieb genau funktioniert. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Der Gepäckträger bleibt im altbekanntem Design. Hier kann später der Helm befestigt werden. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Und dies ist die Aussicht auf das futuristische Cockpit der neuen Schwalbe. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Das Display zeigt, wie schnell man unterwegs ist. Zudem kann dort der Ladestand der Batterie und die verbleibende Reichweite abgelesen werden. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Und hinten gibt es ein kleines Staufach mit Ladekabel. Es ist größer als bei der früheren Schwalbe, aber zu klein für einen Helm. Dann hätte die Schwalbe ihre Form verloren. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Und hier der Beweis: Die neue Schwalbe heißt tatsächlich einfach "nur" Schwalbe. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Neben der gelben Version gibt es noch drei weitere Prototypen. Am Abend wurde auch die weiße Schwalbe präsentiert. Die Gäste durften eine Probe-Runde drehen. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen
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Im Interview erzählt "Govecs"-Chef Thomas Grübel, wie es zu dem Projekt Elektro-"Schwalbe" gekommen ist. Bildrechte: MDR/Mathias Heerwagen

Im nächsten Jahr sollen die "Schwalben" erhältlich sein. Doch wie viele Sommer haben wir das schon gehört? "Wir sollen es nicht wieder schlecht enden lassen", bekräftigt Grübel.  Und tatsächlich ist "Govecs" in einer besseren Situation: "Wir haben mehr Erfahrung, wir haben 20 Leute im Engineering. Manche von denen bauen seit Jahrzehnten Zweiräder, konstruieren, entwickeln sie. Das jetzige Team baut seit sieben Jahren einige Tausend Elektro-Roller." Dadurch sei der Blick "realistischer", schätzt er ein.

"Wir haben auch Fehler gemacht. 2010/2011 waren harte Jahre. Doch man lernt mit jedem Fahrzeug dazu und wir haben schon viele produziert. Das hilft uns jetzt auch bei der 'Schwalbe'", so Grübel. Jeder im Team habe "Lust gehabt, mitzumachen. Wir mussten die Ingenieure nicht besonders motivieren."

Nach 30 Jahren Pause soll es nun also wieder eine "Schwalbe" geben - mit Elektroantrieb diesmal. Ob er die Fahrer der traditionellen "Schwalbe" mit seinem Konzept überzeugen kann,  weiß Grübel nicht. "Wir müssen sie erst mal drauf kriegen", sagt er. Für wen es knattern und riechen muss, ist sie wohl nichts. Aber für die coolen Stadtbewohner sicher schon. Geplant seien auch Sharing-Projekte, wie "Govecs" sie schon mit anderen seiner Elektro-Rollern anbietet. Gespräche laufen, so Grübel. In Berlin soll im Frühjahr 2017 ein erster "Govecs"-Shop eröffnen, in dem es die "Schwalbe" zu kaufen gibt.

Grübel besitzt selber eine knatternde Simson-"Schwalbe" in grün und hat für seine Diplomarbeit einen Roller "auf Elektro gedreht". Immer wieder sei er auch in Thüringen gewesen und habe sich Ideen geholt. Von "verbrannter Erde" hat er nichts beobachtet. Vielmehr seien die Menschen interessiert, dass es diesmal klappe. Und diese zweite elektrische "Schwalbe" kein Nesthocker bleibe.

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2016, 07:59 Uhr

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5 Kommentare

28.09.2016 13:07 Nordlicht 5

Ich selbst fahre seit 10 Jahren eine 51/1er Schwalbe und ich liebe sie...meistens - denn immer wieder und trotz nachgerüsteter Vape streikt oft die Technik. Vieles kann man mit dem nötigsten an Werkzeug vor Ort wieder flott machen aber dennoch ist und bleibt das Original ein zeitintensives Hobby wenn es zuverlässig laufen soll, nicht zuletzt dadurch da einem an Ersatzteilen viel Billigschrott angeboten wird. Meine bislang 80.000 Km haben mich im Laufe der Jahre inkl. Anschaffungspreis ( und der war damals billig im Vergleich zu dem was heute aufgerufen wird ) gute
5000 Euro gekostet zzgl.(!) Sprit. Mehrere neue Motoren und Zylinder, diverse Überholungen von Lagern, Bremsen, Bowdenzügen, Vergaser, Dichtungswechsel und natürlich viele Stunden Arbeit nicht zu vergessen...
Einen Großteil von eingesetztem Geld, Flucherei und Schweiß kann einem die E-Schwalbe ersparen. Über die Jahre sicher nicht teurer als das Original wenn sie im Alltag bewegt wird und die Qualität der Bausteile passt.

28.09.2016 12:55 Uwe "Menix" Männel 4

Ich freue mich wenn die E-Schwally endlich wirklich auf den Markt kommt!Sie sieht gut aus,wirkt modern,vor allem hat sie Stil,erinnert stark an das Original von Simson,welches ich auch besaß.Kann mir gut vorstellen,dass Leute,die bisher Vespa oä kaufen und fahren,wie auch ich,zur E-Schwalbe greifen.Das sie kein Low Budget Scooter und Massenprodukt sein soll und wird,ist mir klar.Vespa,Harley-Davidson,bei Autos Beetle,Mini,FIAT 500 usw werden oft gekauft,wegen deren Form und Retroanleihen.Trotz der höheren Preise!Also toi toi toi für die E-Schwally!

28.09.2016 10:07 Antje 3

Wie bei allen Innovationen.... Der Start in den Markt ist eine Herausforderung.
Eine Reichweite von 250km benötigt kein Schwalbefahrer, daher sind 100km zunächst absolut ok.
Max. Geschwindigkeit - bin mit meiner blauen Schwalbe früher 65km/h gefahren. Warum das heute nicht mehr sein darf?! Kenne die EU-Gesetze dazu jetzt nicht.
Preis - ist natürlich eine Hausnummer!
Frage - wer soll die Zielgruppe auf Dauer sein? Um effektiv produzieren zu können sollte das doch schon eine größere Masse sein.
Grundsätzlich - es gibt doch bereits Elektroroller auf dem Markt. Wo ist das Problem der Weiterentwicklung?

27.09.2016 00:48 der Uwe 2

5000€ , 100km Reichweite? Im Beitrag steht nichts von einem evtl." Notakku", wenn man das Aufladen doch irgendwie " verpasst" hat. Unterm Strich: Kult schön und gut, aber das macht eine sehr geringe Kundschaft aus, vor allem durch den Preis. Sollte es durch Weiterentwicklung der Akkus nicht gelingen die Reichweite auf 250 km zu erhöhen und durch Serieneffizienz den Preis auf ca. 1000- 1500 € zu reduzieren, kann man getrost von einer Totgeburt sprechen. Es ist nicht massgebend, wieviel "Kultsammler" im ersten Jahr eine Schwalbe "ordern", sondern, wie die Mehrheit, dieses Fahrzeug als alternativeres/preiswerteres "Verkehrsmittel " annimmt. Diese Eigenschaften assoziierten die bisherigen Kunden auch mit "SCHWALBE".

27.09.2016 00:45 Anonym 1

Sorry, aber die ist hässlich und langsam. Schade das soetwas den Namen Schwalbe trägt.
Kann mir nicht vorstellen das der Roller erfolgreich ist.