Aufbruch 1990

Reiner E. Pilz : "Das modernste CD-Werk der Welt"

Er machte weltweit Schlagzeilen. 1989 gelang es dem bayerischen Fabrikanten Reiner Pilz, das erste deutsch-deutsche Joint-Venture zu gründen. Gemeinsam mit dem DDR-Elektronik-Kombinat Robotron plante er im Thüringer Wald ein modernes CD-Werk. Pilz wurde zum Vorzeigeunternehmer des Aufbau Osts, umgarnt und gelobt von der Politik. Doch die goldene Ära währte nur kurz.

Die Geschichte von Reiner Pilz beginnt im Osten. 1961 flüchtet er von Zwickau aus nach Bayern über die innerdeutsche Grenze. Im Westen arbeitet er sich auf dem Bau hoch. Er gründet bald eine eigene Firma. Bei Großprojekten in Saudi-Arabien macht er sich einen Namen im Baugeschäft. Das Geschäft läuft offenbar prächtig. Pilz gelangt zu Wohlstand und er will mehr. 1983 revolutioniert ein neues Produkt den Musikmarkt: Die mit Laser abgetastete Compact Disc wird geboren. Noch scheuen viele Unternehmen den Einstieg in die als kompliziert geltende CD-Fertigung. Pilz erkennt seine Chance und wagt den Sprung in den verheißungsvollen neuen Markt. Mit seinem in wenigen Monaten gebauten Werk im bayerischen Kranzberg hat er Erfolg. Pilz gilt in Deutschland bald als einer der wichtigsten Hersteller von Compact Discs. Mit günstigen Preisen kann er neben kleinen Plattenfirmen auch Branchenriesen wie EMI oder Bertelsmann als Abnehmer seiner Scheiben gewinnen. Außerdem gründet Pilz eine eigene Musikfirma.

Der glanzvolle Aufstieg

Reiner Pilz hält zwei CDs hoch
Aufsteiger: Reiner Pilz

Im Jahr 1988 nimmt er Verhandlungen mit dem Ost-Berliner Außenhandelsministerium auf. Die DDR will den Anschluss nicht verpassen, sie plant eine eigene CD-Produktion. Der Klassenfeind soll helfen. Im Dezember 1989 mitten in den Wendewirren steht der Entschluss. Während Helmut Kohl seinen triumphalen Auftritt in Dresden inmitten der Fahnen schwenkenden Massen genießt, vereinbaren die DDR und Pilz ihr Projekt. Zusammen mit dem DDR-Kombinat Robotron soll Pilz ein großes Werk in Thüringen errichten, die Kosten betragen fast 300 Millionen West-Mark. Pilz übernimmt ein Drittel des Werkes und der Verantwortung. Der Weg ist frei für eine der modernsten CD-Produktionen der Welt – mitten im Thüringer Wald.

Ein halbes Jahr später, im August 1990, segnen Treuhandanstalt und Bayern die Finanzierung ab. Auch Hürden vor Ort werden genommen. Zunächst lehnt die Stadt Suhl den vorgesehenen Standort für die Fabrik ab. Das Werk könnte den Betrieb der nahe gelegenen weltbekannten Schießsportanlage stören. Für einen Augenblick scheint das gesamte Projekt zu platzen. Doch der Bürgermeister vom nahe gelegenen Albrechts, einem Dorf mit knapp eintausend Einwohnern, springt in die Bresche und lockt mit einem Wiesengrundstück. Später wird Suhl das Dorf eingemeindet. Im August 1991 beginnt der Bau. Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann (FDP) kommt nach Thüringen und setzt den Grundstein für die Pilz-Robotron GmbH. 30 Millionen CDs und 140 Millionen CD-Verpackungen soll das Werk in Bälde herstellen. Möllemann ist optimistisch. Baustellen wie die von Albrechts seien "deutliche Zeichen für die zunehmenden Aufwärtstendenzen". Thüringens Ministerpräsident Josef Duchac (CDU) pflichtet ihm bei. Der Aufschwung erhalte nun Konturen, es zeige sich eine "positiven Grundstimmung im Lande".

"Deutliche Zeichen für die zunehmenden Aufwärtstendenzen."

Jürgen Möllemann (Bundeswirtschaftsminister, FDP)

1992 ist es so weit. Das Werk startet den Probebetrieb. 230 Mitarbeiter nehmen schrittweise ihre Arbeit auf. Die meisten stammen aus der Region, die mit zunehmender Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Der Unternehmer Pilz hat sie zunächst in seinem Stammwerk in Kranzberg auf ihre Aufgaben vorbereiten lassen. Am 5. Mai 1993 startet das Werk offiziell seine Produktion. Wieder ist die Politprominenz vor Ort. Bundeswissenschaftsminister Matthias Wissmann (CDU) und Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) geben die Produktion frei. Alles ist noch gut.

"Ein leuchtendes Beispiel für den Aufbau Ost."

Bernhard Vogel (Ministerpräsident Thüringens, CDU)

Es ist scheinbar die Glanzzeit von Reiner Pilz, 1.200 Mitarbeiter beschäftigen er und seine drei Söhne in ihren verschiedenen Firmen. Rasant und unbemerkt jedoch geraten die Geschäfte des Aufsteigers immer mehr zu einem Desaster. Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Reiner Pilz ist bereits 1993 nahezu pleite.

Die großen Probleme

Im Jahr 1990 verschwindet nicht nur der DDR-Staat. Auch die volkseigenen Kombinate geraten unter Druck. Robotron wird von der bundesdeutschen Treuhandanstalt übernommen. Retten kann sie den Dresdner Elektronikriesen nicht. Trotzdem soll sie für das Vorzeigeprojekt in Albrechts in dreistelliger Millionenhöhe bürgen, angeblich auf Druck aus Bonn. Kurz darauf, noch vor der Eröffnung des neuen CD-Werkes, geht Robotron in Liquidation. Reiner Pilz steht ohne seinen einstigen VEB-Partner da. Er ist nun allein verantwortlich und übernimmt sämtliche Anteile an dem Unternehmen CDA. Vielleicht ist der Reiz, als populärer Aufbau-Pionier im Osten zu gelten, zu groß. Später wird er sagen, er sei gedrängt worden, das einmal angefangene Projekt weiter zu führen. Die Politik habe es so gewollt. Dabei hätten die Banken ihm abgeraten.

"Das war mein größter Fehler. Die haben mich hängen lassen."

Reiner E. Pilz (MDR 2009)

Gleichzeitig verändert sich die Lage im gesamten Osteuropa. Märkte brechen ein. Die Konkurrenz bei der CD-Herstellung wächst. Hinzu kommen offenbar Absatzprobleme bei der für Computer ausgelegten Speicher-CD-ROM. Bereits nach einem Vierteljahr verordnet Pilz seinem Werk eine Zwangspause. Er kann Löhne nicht mehr pünktlich zahlen. Er begründet das mit "saisonbedingten Absatzschwierigkeiten für die modernen Musikträger".

Die Geldsorgen nehmen zu. Pilz braucht neue Kredite, um die Thüringer Produktion am Laufen zu halten. Das Wirtschaftsministerium ist alarmiert. In Erfurt dämmert es langsam: Das Werk steht vor der Pleite. Doch ein Konkurs wäre ein politischer Skandal. Steuermillionen in unglaublicher Menge sind bereits geflossen. Also muss eilig ein Konzept für eine Sanierung her. Die Beamten in den Ministerien klügeln gemeinsam mit der landeseigenen Aufbaubank ein Konzept aus: Die Thüringer Industriebeteiligungsgesellschaft, ebenfalls ein Landesunternehmen, soll das CD-Werk übernehmen. Mit dem Nutzen, die Pleite wird abgewendet, nötiges Geld kommt vom Steuerzahler. Wieder sollen dreistellige Millionenbeträge aus Fördertöpfen genommen werden.

Im Oktober 1993 ist das Aus für Pilz und seine Söhne zumindest in Thüringen nicht mehr abzuwenden. Auf Druck der Banken müssen sie ihre Firmenanteile abtreten. Pilz verliert den Geschäftsführerposten. Das Land Thüringen übernimmt das komplette Werk. Dem einstigen Vorzeigeunternehmer verbleibt lediglich die Aufgabe, für den Verkauf des angeschlagenen Betriebes zu sorgen. Pilz steht vor dem persönlichen Ruin. Es folgt der Konkurs seiner Kranzberger Firmengruppe. Und es kommt schlimmer. Längst ist er im Visier der deutschen Justiz. 1995 wird er verhaftet. Die ruhmreiche Ära Pilz ist vorbei.

In Suhl-Albrechts wird inzwischen nach Investoren gesucht. Eine internationale Gruppe, CMI, interessiert sich für das Werk. Im letzten Moment versucht CMI den Preis von 60 Millionen Mark zu drücken, die Banken lehnen ab. Gleichzeitig kündigen sie ihre Kredite für das CD-Werk. Das Unternehmen ist sofort pleite. Plötzlich hat damit auch ein Großteil der Lagerbestände keinen Wert mehr. Lizenzverträge mit den Inhabern der Musikrechte legen nämlich in der Regel fest, dass die Verwertungsrechte erlöschen, sobald eine Firma in Konkurs geht.

"Mit dem Untergang von Pilz hat man mein Lebenswerk zerstört. Trotzdem bin ich noch irgendwie stolz auf das Werk, das war damals eines der modernsten Werke gewesen und arbeitet noch heute."

Reiner E. Pilz (MDR 2009)

Mutiger Musterinvestor oder Betrüger?

Im Herbst 1995 sitzt Pilz im Landshuter Gefängnis in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Unterschlagung und Konkursdelikte vor. Es folgt ein Mammutprozess. Prominente Zeugen sagen aus, darunter Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel und Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU). Nach 86 Verhandlungstagen verurteilt das Landgericht Landshut Pilz als Millionenbetrüger zu sechs Jahren Haft. Mehr als zwei Dutzend Fälle von Betrug und Anstiftung zur Untreue legt es ihm zur Last. Das Gericht geht mit dem Angeklagten nicht zimperlich um. Selbstherrlich und selbstgerecht sei er, skrupellos und dreist. Insbesondere die Tatsache, dass der Angeklagte keinerlei Reue zeigt, lässt bei den Richtern jeden Anflug von Milde verschwinden. Pilz reagiert mit Gegenangriffen. Keinesfalls will er die Anschuldigungen auf sich sitzen lassen. Er spricht von Mutmaßungen und Unterstellungen, Schuld am Firmenzusammenbruch hätten andere: Banken und Politiker. Er selbst sei ein Opfer von Machenschaften. Eine seiner Theorien lautet, dass das Land Thüringen die Suhler Firma bewusst in den Bankrott getrieben habe. Damit wollte das Land die eigene eigentlich rechtswidrige Beteiligung an dem CD-Werk beenden.

Die Richter weisen im Gegenzug nach, dass Pilz bereits Anfang der 90er-Jahre durch Finanzmanipulationen, die Löcher in seinen Betrieben zu stopfen versuchte. Für den Bau einer Anlage in den USA beispielsweise habe er von den Banken über zwölf Millionen Mark erhalten. Die tatsächlichen Kosten hätten aber nur bei knapp acht Millionen gelegen. Vier Millionen also, die verschwunden seien. Außerdem verweisen sie auf das teure Privatleben von Pilz. Für die millionenteure Sanierung seines Schlosses in Notzing in Bayern habe er einen großen Teil eines 22-Millionen-Mark-Kredits genutzt, den ihm Banken für den Bau eines Lagers im Werk Kranzberg gewährten. Auch das Anwesen in Bardolino am Gardasee kostet. Die sechs Jahre Haft will Pilz nicht hinnehmen. Die Sache landet vor dem Bundesgerichtshof. Der entscheidet im Herbst 1999: Pilz muss seine Strafe antreten.

Und auch aus Thüringen droht Pilz juristischer Ärger. Das Thüringer Wirtschaftsministerium wirft ihm Subventionsbetrug vor. Pilz soll die Baukosten für das CD-Werk zu hoch veranschlagt haben, und damit eine zweistellige Millionensumme an Fördermitteln eingestrichen haben. Die Vorwürfe reichen in die Wirren der friedlichen Revolution zurück. Damals sollen Pilz und seine Geschäftsführer bei der "Bezirksverwaltungsbehörde Suhl" die Fördermittel beantragt haben, im Wissen, dass die Baukosten deutlich niedriger liegen würden als angegeben. Ein weiterer Riesen-Prozess folgt, das Gericht verurteilt Pilz zu sieben Jahren Haft. Der BGH verwirft das Urteil. In der Folge schlägt der ruinierte Ex-Unternehmer zu. Er will beweisen, dass das Land Thüringen, den Konkurs seiner Firma wissentlich herbeigeführt hat. Doch die Thüringer Justiz stellt ihre Ermittlungen dazu ein. Kurzerhand zeigt Pilz den dafür verantwortlichen Staatsanwalt und einen Amtsrichter an. Die Anzeige wird zurückgewiesen.

Fast schon Nebensache: Die CD-Produktion in Suhl

Die Produktion in Suhl läuft trotz aller Schlagzeilen kontinuierlich weiter. Das Werk bringt Gewinne. Doch schon droht neuer Ärger. Denn die Übernahme der Firma durch das Land war offenbar nicht mit der EU-Kommission abgesprochen und widerspricht dem europäischen Wettbewerbsrecht. Die Beamten in Brüssel verlangen einen Auszahlungsstopp für die öffentlichen Gelder.

Die Thüringer Landesregierung reagiert. Sie gründet neue Firmen, die die Inhalte der alten jeweils aufkaufen. So will sie Spuren verwischen. Am Ende steht in Suhl das gleiche Werk wie ehedem. Die Betreiberfirma heißt zwar kurz CDA wie einst, doch ausgeschrieben handelt es sich um eine neue Firma: die CDA Datenträger Albrechts GmbH. Die EU-Wettbewerbshüter in Brüssel bleiben hartnäckig. Im Jahr 2000 fordern sie wegen des Verstoßes gegen Subventionsbestimmungen die Rückzahlung sämtlicher gewährter Förderungen – insgesamt 400 Millionen DM. Die Rechtsstreitigkeiten dauern bis heute an. Es geht um Beihilfen, Gläubigerforderungen und immer wieder um die Verantwortung des Landes Thüringen. Unsicher scheint, wann die juristischen Prozesse beiseite gelegt werden. Sicher ist bislang nur, dass das CD-Werk in Suhl, was einst als Markstein des Aufbaus Ost gefeiert wurde, den Steuerzahler gigantische Summen gekostet hat.

"Ich bin heute noch immer stolz. Ich finde es beschämend, wenn gesagt wird, alles sei nur noch kriminell gewesen."

Reiner E. Pilz (MDR 2009)

Zuletzt aktualisiert: 04. August 2010, 10:53 Uhr

Die Biografie des Reiner E. Pilz

Reiner E. Pilz, geboren während des Krieges in Zwickau, 1961 Flucht in den Westen, arbeitet als Mittelständler im Glas- und Fassadenbau, internationale Bau-Aufträge, steigt in den 80er-Jahren ins CD-Geschäft ein, leitet Firmengruppe vom bayerischern Kranzberg aus, 1989 Teilhaber und später Besitzer des ersten deutsch-deutschen Joint-Venture - einer CD-Prouktionsstätte in Suhl, gerät in Konkurs, strafrechtliche Verurteilung.

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