Aufbruch 1990

Werner Henning : Für ein vereintes Eichsfeld

Am 21. Januar 1990 sammelten sich rund 50.000 Eichsfelder zur symbolischen Massenflucht. Mit Koffern und Umzugsgepäck zogen sie in Verkleidungen über die Grenze bei Teistungen zu einem Parkplatz bei Duderstadt im Westen. Die Demonstranten einte der Protest gegen die alten Machthaber, ihre Losung lautete: "SED wählen heißt Koffer packen".

Die Eichsfelder wollten den Anschluss an das Bundesgebiet am liebsten sofort. Unterstützt wurden sie vom neuen Heiligenstädter Kreisratsvorsitzenden Werner Hennig. Der CDU-Politiker wollte das Eichsfeld lieber Niedersachsen zuschlagen, als bei der nächsten Wahl im März einen Rückfall in das alte System zu erleben.

"CDU, du hast Ruh"

Im Oktober 1989 wird der Abteilungsleiter Werner Henning im Eichsfelder Bekleidungswerk von einem Lehrling angesprochen. Die junge Frau hat gerade die erste Montagsdemonstration in Heiligenstadt miterlebt. Sie ist beeindruckt, aber auch in Sorge. Die Lage ist wie überall in der DDR gespannt. Niemand weiß, was kommen wird. Die junge Frau fordert von Werner Henning, dass auch er sich einbringen muss. Schließlich sei er doch in der Gegend bekannt - als einer, der Texte verfassen kann und der Menschen mit Problemen hilft.

Werner Henning
Der Eichsfelder CDU-Landrat Dr. Werner Henning

Am 30. Oktober 1989 zieht es Henning nun zur Montagsdemo. Das Erlebnis beeindruckt ihn. In Geismar, wo er wohnt, erzählt er im Gemeindesaal von den Vorgängen in der Kreisstadt. Kurz darauf ziehen hunderte Menschen zum Wallfahrtsort auf den Hülfensberg. Der liegt eigentlich in der Sperrzone und darf nicht betreten werden. Doch die neue Euphorie kennt keine Grenzen. Nach dem Gottesdienst zieht die Menschenmenge mit Blasmusik hinauf zum Heiligtum. Der Einsiedler Pater Erwin wundert sich über den überraschenden Besuch.

Fortan spricht Werner Henning auf den Montagsdemos. "Meine Texte waren wie Predigten. Als Germanist wollte ich vor allem den aufklärerischen Geist von Lessing vermitteln." Hennings Name ist nun in aller Munde. Als der gesamte Rat des Kreises Heiligenstadt zurücktritt, fragt ihn seine Partei, ob er als Kandidat zur Verfügung stünde. Henning ist seit seiner Abiturzeit bei der DDR-CDU, ohne Funktionen. "CDU, du hast Ruh", war sein Motiv, in die Blockpartei einzutreten. Nun soll er ein politisches Amt übernehmen.

"Das war so absurd, da sagte ich Ja."

Werner Henning, 2010

Am 7. Dezember wird Henning mit 33 Jahren "mit Gottes Hilfe" erster CDU-Kreisratsvorsitzender der untergehenden DDR. Sein Gegner von der SED hatte kurz vorher seine Kandidatur zurückgezogen. Schon am Tag darauf sitzt Henning in seinem Dienstzimmer. Vor ihm auf dem Schreibtisch stehen mehrere Telefone. Henning sieht sie an und fragt sich, wann der erste Anruf kommt. Jemand müsse ihm doch sagen, was zu machen sei. Doch die Telefone schweigen, es ruft keiner an. Henning rauft sich die Haare.

"Ich war ziemlich unglücklich."

Werner Henning, 2010

Die Arbeit beginnt

Kurz darauf tritt ein Offizier der DDR-Grenztruppen ein. Die Lage im Sperrgebiet sei unkontrollierbar. Die Menschen wollen zusätzliche Übergänge in den Westen. Am liebsten in jedem Dorf entlang des Todesstreifens. Henning entscheidet: "Ja wir machen auf."

Die Grenze wird ein bestimmendes Thema seiner ersten Amtswochen. Durch die innerdeutsche Teilung ist das Eichsfeld in Ost und West geteilt. Nun ist die Chance gekommen, dass die alten gemeinsamen Traditionen wiederbelebt werden. Der neue Kreisratsvorsitzende macht es sich zur Aufgabe, das Eichsfeld zu vereinen. Er plant, dass sich die beiden DDR-Kreise Heiligenstadt und Worbis sofort dem Bundesland Niedersachsen anschließen. Damit wären das Unter-Eichsfeld im Westen und das östliche Ober-Eichsfeld wieder vereint.

"Heute erscheint eine solche Forderung nahezu absurd. Aber damals war im Grunde alles möglich."

Werner Henning, 2010

Henning geht es nicht um einen separaten Staat im Staate. Persönlich, so schreibt er an den Rat des Bezirkes, trete er für die Vereinigung beider deutschen Staaten ein, weil er zutiefst davon überzeugt sei, dass wieder zusammenwachsen muss, was zusammengehört. Jedoch befürchtet er, dass bei den anstehenden Volkskammerwahlen im März eine neue sozialistische Regierung an die Macht kommen könnte und damit die deutsche Einheit in Frage gestellt wäre.

"In Vergangenheit und Gegenwart haben die Eichsfelder stets zueinander gestanden und aus dieser geschichtlichen Tradition ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, das Eichsfeld als eine staatliche Einheit zu betrachten."

Werner Henning, in einem Schreiben vom 9. Januar 1990 an den Rat des Bezirkes Erfurt

Henning sucht Unterstützung im Westen. Oft ist er bei Rita Süßmuth zu Gast, die im nahegelegenen Göttingen ihren Wahlkreis hat. Sie verschafft ihm weitere Kontakte. Henning spricht mit Helmut Kohl und dem Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht.

Die Einheit kommt

Daneben muss Werner Henning als Kreisratsvorsitzender vor allem das tägliche öffentliche Leben managen. Handel und Versorgung liegen brach. Fleischer etwa klagen darüber, dass sie zu wenig Fleisch anbieten können. Ein Grund ist auch, dass Menschen aus dem Westen ihre D-Mark im Osten zu Schwarzmarktkursen von 1:10 tauschen können und dann die Läden leer kaufen. Daneben muss der Schulbetrieb am Laufen gehalten werden, die Grenzübergänge gesichert bleiben.

Doch Hennings Herzensache blieb das Eichsfeld. Im März 1990 bereitet der Kreisrat einen offiziellen Beschluss vor, der "die umgehende Aufnahme von Verhandlungen mit der BRD für einen Betritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes vorsieht". Nur wenn die Regierung der DDR nach den Wahlen erkennen lasse, dass die Einheit schnell vollzogen werden könne, würden die Verhandlungen gegenstandslos, meint Henning.

Die Geschehnisse nehmen ihren Lauf. Anfang April werden alle Grenzübergänge im Eichsfeld durchgehend geöffnet. Zwei Monate später, am 1. Juli, beendet der letzte Grenzposten seinen Dienst, der Todesstreifen verschwindet. Die deutsche Wirtschafts- und Währungsunion tritt in Kraft. Doch Henning bleibt ungeduldig. Er fordert nun eine Volksabstimmung für die Zukunft des Eichsfeldes. Nach vollendeter staatlicher Einheit soll das thüringische Obereichsfeld selbst entscheiden, ob das Gebiet künftig zu Niedersachsen oder zu Thüringen gehören soll.

Henning will Garantien, dass das Eichsfeld nach der Landesgründung Thüringens nicht auf verschiedene Kreise aufgeteilt und damit "weiter zerstückelt" wird. Schrittweise sollen die Kreise Worbis, Heiligenstadt und die Eichsfeld-Dörfer im Kreis Mühlhausen zusammengeführt werden. Durchsetzen kann sich Henning nicht. Mit dem neuen Bundesland Thüringen bleibt das Eichsfeld aufgeteilt auf die verschiedenen Alt-Kreise der DDR. Auch der Anschluss an das Niedereichsfeld im Westen ist vom Tisch. Erst mit der Gebietsreform von 1994 entsteht aus dem Verbund von Worbis und Heiligenstadt zumindest ein vereinter Eichsfeldkreis, wenn auch nur auf Thüringer Seite. Werner Henning steht an der Spitze des neuen Kreises. Bis heute ist er Landrat für das Eichsfeld.

"Wir sind zunächst Eichsfelder und gehören als solche zum Freistaat Thüringen. Wir sind eben keine Rundum-Thüringer, auch heute nicht. Wir haben keine Aversionen gegen Thüringen, unser Bewusstsein als Eichsfelder beruht auf jahrhundertelange Tradition."

Werner Henning, 2010

In der Rückschau steht Henning zu seinen Forderungen von 1990. "Uns war es eben ernst. In den großen Dingen, in Gefühlssachen, lagen wir Eichsfelder gleich." Die Zeit sei nicht vergleichbar mit heute gewesen.

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2010, 12:01 Uhr

Biographie: Werner Henning

Werner Henning stammt aus dem Eichsfeld. Am 1. Oktober 1956 wird er in Kella, einem Dorf mitten an der deutsch-deutschen Grenze geboren. Sein Abitur legt er in Wernigerode ab. Henning wird Mitglied der DDR-CDU. Er leistet seinen Grundwehrdienst und nimmt 1977 in Halle ein Lehrerstudium für Deutsch und Musik auf. Er promoviert zum Spätwerk Lessings, arbeitet im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar und kehrt zurück in die Eichsfelder Heimat nach Geismar. Er ist mitverantwortlich für den Aufbau des Literaturmuseums "Theodor Storm" in Heiligenstadt 1988. 1989 arbeitet er im Eichsfelder Bekleidungswerk, ist Leiter der Materialwirtschaft. In dieser Position erlebt er die Wende. Im Dezember wird er Vorsitzender des Kreisrates Heiligenstadt, im März 1990 Volkskammer-Kandidat für die DDR-CDU und im Mai darauf Landrat. Mit der Gebietsreform 1994 wird Henning Landrat des neu gebildeten Eichsfeldkreises, einen Posten, den er bis heute inne hat.

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