Aufbruch 1990

Joachim Linck (1940 - 2013) : "Prediger für Demokratie und Rechtsstaat"

Er hat, wie er selbst sagt, ein Landesparlament samt Verwaltung aus dem Nichts heraus aus dem Boden gestampft und zum Laufen gebracht. Und es war für ihn "die größte berufliche Chance und Herausforderung" und "die glücklichste berufliche Entscheidung" seines Lebens. Von 1992 bis 2005 war Joachim Linck Landtagsdirektor in Thüringen.

Am Abend des 9. November 1989 war Joachim Linck auf der Autobahn 61 Richtung Bingen unterwegs. Als der Jurist des rheinland-pfälzischen Landtages im Autoradio die Nachricht vom Mauerfall hörte, kamen ihm die Tränen. Nationale Gefühle oder gar nationaler Überschwang seien bei ihm nur wenig ausgeprägt gewesen, bekennt er. Trotzdem habe er so sehr vor Freude weinen müssen, dass er mehrmals auf den Seitenstreifen gefahren sei, um sich die Tränen wegzuwischen. Obwohl an diesem Abend noch nicht absehbar war, wie schnell es zu einer Wiedervereinigung kommen würde und von "Aufbauhelfern" überhaupt noch nicht die Rede war, stand für Linck angeblich sofort "felsenfest": "Ich werde 'in den Osten' gehen und mich dort für den Aufbau der parlamentarischen Demokratie und von rechtsstaatlichen Strukturen engagieren." Schon am nächsten Tag sei er deshalb zu seinem Dienstherrn geeilt, um seine "Chancen auszuloten, ob ich als Aufbauhelfer in den Osten abgeordnet werden könnte."

So beschreibt Linck in seinen Erinnerungen "Wie ein Landtag laufen lernte. Erinnerungen eines westdeutschen Aufbauhelfers in Thüringen" den Beginn seines Engagements im Osten. Doch Linck musste sich zunächst noch gedulden. Im Dezember 1989 befasste sich zunächst der rheinland-pfälzische Landtag mit der neuen Situation in Deutschland. Eine Partnerschaft zwischen dem Bundesland und dem wiederzugründenden Thüringen wurde angestrebt. Denn zwischen beiden Ländern bestanden historische Verbindungen. Der Kurfürstlich-Mainzische Erfurter Staat wurde lange Zeit im Auftrag der Erzbischöfe von Mainz verwaltet. In den nächsten vier Jahren schickte das Land 1.380 Aufbauhelfer nach Thüringen und stellte rund 33 Millionen D-Mark als Projekthilfe zur Verfügung.

"Übergangszeiten in einem stark hinkenden Rechtsstaat, wie in der damaligen Zeit im wilden Osten, sind eben die Stunde der Rambos und gerade nicht der hilfsbereiten Menschenfreunde."

Joachim Linck, ehemaliger Landtagsdirektor

Linck will den Landtag aufbauen

Im September 1990 wandte sich der Regierungsbevollmächtigte für den Bezirk Erfurt, Josef Duchac, an den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und bat um Hilfe beim Aufbau von Ministerien und Landtagsverwaltung. Das war die Chance für Linck: Er sollte den Thüringer Landtag aufbauen. Konkurrenten hatte er nicht zu fürchten. Seine Kollegen hätten nur geringes Interesse gezeigt, nach Thüringen abgeordnet zu werden, sagt er. Es habe sogar erhebliche Vorbehalte gegeben. Nicht bei Linck. Er habe den Auftrag als "ein gewisses Abenteuer" und eine "fast missionarische Aufgabe" gesehen, um "Demokratie und Rechtsstaat zu ‚predigen’". Sich selbst sah er als "tatkräftigen, optimistischen und in Theorie und Praxis des Parlamentswesens gleichsam versierten Mann".

Wahl zwischen SED-Parteischule und Rat des Bezirkes

Am 25. September 1990 machte sich Linck Richtung Osten auf. Mit einem alten VW Käfer holperte er auf der Autobahn Richtung Erfurt. Innerhalb von vier Wochen mussten die räumlichen und personellen Voraussetzungen geschaffen werden, damit der neugewählte Landtag mit seiner Arbeit beginnen konnte. Der Aufbaustab für den Landtag bestand aus sechs Ostdeutschen und zwei Westdeutschen. Lincks erste Aufgaben: eine vorläufige Rumpfverfassung, eine Geschäftsordnung für den Landtag sowie ein Abgeordnetengesetz ausarbeiten. Die Rumpfverfassung schrieb Linck innerhalb eines Wochenendes. Sie wurde akzeptiert. Außerdem mussten ein Plenarsaal für den neuen Landtag gefunden und Computer, Telefone und Kopierer angeschafft werden. Der rheinland-pfälzische Landtag spendierte einen ausgemusterten, "doch schon sehr in die Jahre gekommenen" Opel. Das wichtigste an dem "peinlichen Mitbringsel", so Linck, sei allerdings der Inhalt des Kofferraumes gewesen: Dort stapelten sich Vorlagen, Materialen und Muster für die Parlamentsarbeit. Für das Landtagsgebäude standen die frühere SED-Bezirksparteischule und der frühere Sitz des Rates des Bezirkes zur Auswahl. Linck: "Aus rein historisch-politischer Sicht hatte man die Entscheidung zwischen Pest und Cholera." Letztendlich wurde die Bezirksverwaltung zum Parlamentsitz. Doch der Zustand der "ziemlich verschlampten Räumlichkeiten" ließ zu wünschen übrig. Nicht nur die Fenster seien undicht gewesen. Auch die Stromversorgung habe gelegentlich ausgesetzt, erzählt Linck. Deshalb wurde ein Stromaggregat im Innenhof aufgestellt. Das Haus war voller Überraschungen: "Im Keller des Behördenhauses fand ich einen durch Holzlatten abgeteilten Verschlag mit einigen wenigen Regalen vor, in dem eine herzensgute, überaus freundliche Frau mit ihren wenigen Büchern ohne jedes natürliche Licht vegetierte."

"Der Rat des Bezirkes war zu einem nicht unerheblichen Teil ähnlich autonom organisiert wie die Kombinate in der DDR. So gab es in dem Behördenhaus unter anderem folgende Einrichtungen: eine Sauna (übrigens ein düsteres, pilzverkeimtes, dunkles Loch), eine Krankenstation mit Schwester, einen Frisör, eine Sparkasse und ein Lebensmittelgeschäft."

Joachim Linck, ehemaliger Landtagsdirektor

"Peinlicher Fehler" zum Start

Nach den Landtagswahlen war Linck maßgeblich daran beteiligt, das parlamentarische Geschäft anzukurbeln. Im ersten halben Jahr saß er stets im Plenum hinter dem Vorstand, um mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dabei unterlief ihm gleich am Anfang "ein peinlicher Fehler", unter dem er "lange gelitten habe": Bei der Wahl des Landtagspräsidenten wurden falsche Stimmzettel ausgegeben. Außerdem betreute Linck die ersten Sitzungen aller Ausschüsse persönlich. Rückblickend bekennt der Aufbauhelfer, dass er die Sitzungen des "Ältestenrates" nicht nur vorbereitet, sondern auch auf dessen "Beratungen und Beschlussfassungen maßgeblich Einfluss" genommen habe. Lincks Ziel war, die "parlamentarischen Chaostage der demokratischen Volkskammer" sich nicht wiederholen zu lassen. Im letzten DDR-Parlament habe "ein unkoordiniertes Chaos einer demokratisch legitimierten Laienspielerschar" geherrscht. In Thüringen sollte dagegen Ordnung herrschen.

"Bei den meisten Abgeordneten mit Blockparteivergangenheit war noch nicht angekommen und verinnerlicht, dass mit der Geltung des Grundgesetzes in der ehemaligen DDR gewaltenteilende Strukturen eingeführt wurden und insbesondere eine Beamtenschaft, die verfassungs- und beamtenrechtlich keiner Partei, sondern unparteilich dem Gemeinwohl verpflichtet war."

Joachim Linck, ehemaliger Landtagsdirektor

Erfurt befand sich zu dieser Zeit in Goldgräberstimmung. Hotelzimmer seien kaum zu bekommen gewesen und wenn doch, mussten für schlechte Zimmer astronomische Preise bezahlt werden. Für einen 20 Quadratmeter großen Wohncontainer wurden stolze 2.000 D-Mark verlangt. "Dusche, Toilette und Kochgelegenheit waren in einem kleinen Kabuff auf engstem Raum zusammengepfercht." Linck erinnert sich an eine "kaum sanierungsfähige Bruchbude", in der er zunächst geschlafen habe. Die Heizung ließ sich nicht abstellen. Die Toilette war entsetzlich: "Aber was war das für ein Loch!" Später fand er Unterkunft in einem aufgegebenen Puff. Der Vorteil für Linck: Die Wohnung hatte ein Telefon. Der Nachteil: Viele frühere Gäste des Etablissements hatten noch die Nummer und riefen in den späteren Abendstunden an und erkundigten sich neben gewöhnlichen Angeboten auch nach "bizarren Varianten", die Lincks "Horizont über das menschliche Liebesleben erheblich erweiterten".

Auch "ausgesprochene Nieten" müssen eingestellt werden

Linck machte sich an die Arbeit, eine "preußisch auf Effizienz und Sparsamkeit gepolte Verwaltung" aufzubauen. Dabei musste er zahlreiche Personalentscheidungen treffen. Geeignetes Personal für die Landtagsverwaltung war äußerst schwer zu finden. Denn die meisten "Ossis" waren juristisch nicht genügend qualifiziert. Und gute "Wessis" waren rar. Linck musste in den sauren Apfel beißen: "Bei der heutigen Arbeitsmarktlage für Juristen wäre mancher damaliger Bewerber nicht eingestellt worden. Ist aber ein Beamter erst einmal ernannt, dann muss er aus beamtenrechtlicher Sicht schon die berühmten silbernen Löffel stehlen, um ihn wieder loswerden zu können. Immerhin hatte ich das große Glück, zwei ausgesprochene Nieten wieder los zu werden, die uns von außen aufgedrückt worden waren." Manche Personalentscheidungen erledigten sich auch durch die spätere Stasi-Überprüfung. Mit "zirka zwölf Fällen" hatte Linck zu tun. Ein früherer IM fand in der PDS-Fraktion Unterschlupf.

Linck kennt die Klischees. Einerseits bedient er sie, wenn er in seinen "Erinnerungen" konsequent von Ossis und Wessis schreibt und ihnen jeweils "bestimmte Eigenschaften" zuspricht: "Die männlichen Ossis liebten in der Wendezeit sehr verbreitet ihre Jeansanzüge oder die beigen Hosen mit grauer Windjacke (Blouson) sowie die grauen Schuhe oder Sandalen. Für vornehme oder offizielle Anlässe waren fliederfarbene Anzüge der Renner." Auch die Wessis kommen bei Linck nicht immer gut weg. Er hat die "raffgierigen Heuschrecken und Absahner" erlebt, die in den neuen Ländern "ein- und über die Ossis herfielen". Und er spricht von der "Buschzulage", als "traurigen Beweis" und "beschämendes Beispiel". Zuschläge für in den Osten abgeordnete Beamte seien nicht nur rechtswidrig, "sondern politisch mehr als eine unsensible Stillosigkeit" gewesen. Damit sei der "Niedergang von Ethos im deutschen Beamtentum" gefördert worden, schimpft Linck noch heute. "Manche westdeutsche Verwaltungen "entsorgten sogar unfähige oder missliebige Mitarbeiter in den Osten."

"Eine Parlamentsverwaltung agiert nicht auf der Bühne, sondern schiebt im Hintergrund möglichst unsichtbar die Kulissen."

Joachim Linck, ehemaliger Landtagsdirektor

Freund und Feind

Blick in den Thüringer Landtag während einer Sitzung im Dezember 1994
Blick in den Thüringer Landtag während einer Sitzung im Dezember 1994

Auf seine Wegfährten blickt Linck schonungslos zurück: Den CDU-Fraktionsvorsitzenden Jörg Schwäblein bezeichnet er konsequent als "meinen speziellen Freund". Linck, der selbst CDU-Mitglied ist, hatte mit der Fraktion zunehmende Probleme: "Das ursprünglich so enge, freundschaftliche und produktive Band zwischen mir und den Abgeordneten der CDU zerfaserte mehr und mehr und stand schließlich vor der Zerreißprobe." Landtagspräsident Gottfried Müller lernte er als "selbstbewussten Ossi" kennen. "Klare Werteorientierung, ein weites Herz, Toleranz, Gelassenheit und einen hintergründigen Humor" machte Linck bei ihm aus. Thüringens ersten Ministerpräsidenten Josef Duchac erlebte Linck als einen "bescheidenen, unprätentiösen, liebenswürdigen Mann, der sich seiner Wissenslücken im Regierungsgeschäft sehr bewusst und für jede ehrliche Hilfe dankbar war." Über die PDS-Parlamentarierin Tamara Thierbach merkte Linck an: "Sie war in ihrer Penetranz und mangelnden Offenheit für Argumente seitens der Verwaltung oft nur schwer zu ertragen." Außerdem habe die Frau mit einer Stimme genervt, "in deren Klang und Modulation sich das ganze Leid dieser Welt zu kumulieren schien."

Trotz aller Widrigkeiten entschied sich Linck, in Thüringen zu bleiben. Er wollte keine Wochenend-Ehe und bat seine Frau, mit nach Erfurt zu kommen. Als er schließlich in Erfurt nach einem Grundstück suchte, sei er von manchen Erfurtern "wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt" worden. In dieser Zeit, die Linck die "Schnäppchenzeit" nennt, sei es zur missbräuchlichen Verschleuderung kommunalen Vermögens an alte Seilschaften in Erfurt gekommen. Er selbst habe nur nach größten Mühen ein Baugrundstück gefunden.

"Als Aufbauhelfer empfand ich meine Aufgabe durchaus als eine Art weltliche Mission zur Verbreitung von Demokratie und Rechtsstaat, wobei zugleich die dafür erforderlichen staatlichen Strukturen zu schaffen waren."

Joachim Linck, ehemaliger Landtagsdirektor

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2010, 09:54 Uhr

Literaturtipp:

Joachim Linck: Wie ein Landtag laufen lernte: Erinnerungen eines westdeutschen Aufbauhelfers in Thüringen. Böhlau-Verlag 2010, 230 Seiten.

Biographie

Prof. Dr. Joachim Linck kam im September 1990 aus Mainz nach Erfurt und hat die Verwaltung des Thüringer Landtages mit aufgebaut. Ab 1992 war er bis zu seiner Pensionierung 2005 dessen erster Direktor. Als Honorarprofessor lehrte er im Bereich Politikwissenschaft an der Universität Jena. Linck starb Anfang 2013.

© 2014 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK