Aufbruch 1990

Ingo Schulze : Aufbruch mit dem "Altenburger Wochenblatt"

"Was wir jetzt nicht selbst in die Hand nehmen, bleibt liegen" ("Altenburger Wochenblatt", Erstausgabe, Februar 1990)

Einer der Erfolge der Demonstrationen war die neue Pressefreiheit, meint der Schriftsteller Ingo Schulze rückblickend über die Wendezeit. Am 16. Februar 1990 erschien die erste Ausgabe seines "Altenburger Wochenblatts". Anderthalb Jahre berichtete das Blatt über das, was die Menschen der Region bewegte. Unabhängig und kritisch begleitete die AWo die neue Zeit. Vieles, was Ingo Schulze in den zwei Nachwendejahren erlebte, verarbeitet er später in seinen weltbekannten Büchern.

"In der DDR habe ich gar keine Zeitung gelesen."

Ingo Schulze, 2010

Vom Theater ins Mediengeschäft

Im Jahr 1988 ist Ingo Schulze 25 Jahre alt. Er hat sein philologisches Studium in Jena abgeschlossen und bekommt eine Stelle als Dramaturg am Landestheater Altenburg. Er genießt die geistigen Freiräume. Kurz darauf kommt die Wende, Schulze wird politisch aktiv. Die Geschehnisse des Herbstes ergreifen ihn. Er engagiert sich beim Neuen Forum, wird dessen Sprecher für Altenburg. Gemeinsam mit seinen Freunden gibt er eine Schrift namens "klartext" heraus. Schulze setzt sich auseinander, mit dem was in der DDR geschehen ist und was nun kommen kann. Ihn beschäftigen die Menschen, was das DDR-Regime aus ihnen gemacht hat, und was sie nun erwartet. "Aber die Verbitterung, die sich in uns eingefressen hat, für die wir jetzt erst die Tränen finden, weil wir 'sonst verrückt geworden' wären oder über die Grenze hätten gehen müssen - diese Verbitterung bleibt", meint er, als sich die SED im Dezember 1989 beim Volk für das Vergangene entschuldigt.

"Es war eine Idee der Freunde. Wir wollten etwas Richtiges machen. Etwas für Demokratie."

Ingo Schulze, 2010

Die Auseinandersetzung mit der neuen Zeit lässt Schulze an seinem Job zweifeln. Die Arbeit am Theater empfindet er immer mehr als langweilig. Alte Parteikader haben die Leitung des Hauses übernommen. "Das alles brauchte wohl noch etwas Zeit", meint Schulze rückblickend. Also verlässt er das Theater. Er hört auf die Idee der Freunde und gründet eine eigene Zeitung. Viel gehört nicht dazu: eine Handvoll engagierter Mitstreiter – manche mit journalistischer Erfahrung, ein Büro in der Frauengasse 13 unterhalb des Altenburger Schlosses, ein Telefonanschluss und eine "etwas ältere" Schreibmaschine. Schulze trägt den Großteil der Verantwortung: er besitzt die Hälfte der neuen Zeitung. Zur Sicherheit borgt er sich bei seiner Mutter ein kleines Startkapital von 10.000 Mark.

Die Arbeit beginnt. Themen gibt es zuhauf: Ringsum im Land wandelt sich die Gesellschaft. Was wird die Zukunft bringen? Niemand kann es ahnen. Die neue Zeitung will es auf den Punkt bringen und über lokale Missstände berichten: Probleme im Gesundheitswesen, Umweltschäden am Teersee in Rositz, katastrophale Zustände der Bausubstanz in Altenburg, unzureichende Müllentsorgung, fehlende Tankstellen, unzumutbare Abgasbelastung und und und ... Vielleicht noch Fußball, Rechtsfälle des Alltags, Heimatgeschichte und Skatnotizen – der Blick auf das Schöne dürfe nicht fehlen, sonst "wird man ja gemütskrank".

Gleich zu Beginn kommen unter den Redakteuren Diskussionen auf. Soll die Zeitung Anzeigen aufnehmen, ja oder nein? Das Blatt soll informieren, zum Nachdenken anregen - aber marktwirtschaftliche Zwecke erfüllen? Doch überleben will es auch. Und Anzeigen bringen Geld. Der ökonomische Zwang ist groß. Am Ende klagt Ingo Schulze: "Statt Artikel zu schreiben, klingelten wir oftmals wegen Anzeigen".

"Lokales kam einfach zu seinem Recht"

Ingo Schulze im "Altenburger Wochenblatt"

Die erste Ausgabe erscheint am 16. Februar 1990, 20.000 Exemplare des neuen "Altenburger Wochenblatts", 90 Pfennige das Stück. Die Zeitungen verkaufen die sechs Mitarbeiter aus "dem Heck des guten, alten Trabis". Starthilfe bekommen die Redakteure aus der Altenburger Partnerstadt Offenburg: Oberbürgermeister Wolfgang Bruder wirbt auf dem Altenburger Markt für die neue Zeitung. Die Erstausgabe konfrontiert ihre Leserschaft unmissverständlich mit den Zielen der neuen Zeitung: kritisch kommentierend will sie die demokratische Umwälzung begleiten. Und damit auch zwangsläufig in Fettnäpfchen treten, wie eine Karikatur auf Seite 1 verdeutlicht. Beeinflussung von außen soll es nicht geben, die Zeitung beschreibt sich als unabhängig. Lediglich der finanzielle Druck wird sich in den kommenden Monaten verschärfen.

"Wir wollten so etwas sein wie der SPIEGEL oder die ZEIT, eben nur für den Altenburger Raum – das war so die Messlatte...aber eigentlich hatten wir keine Zeit groß darüber nachzudenken."

Ingo Schulze, 2010

Die Zeitung greift sofort ein heißes Thema der Region auf. Was soll aus Altenburg künftig werden? Bleibt die einstige Kreisstadt des Bezirkes Leipzig sächsisch oder wird sie Thüringen zugeschlagen. Historisch gesehen wäre beides eine korrekte Option. Der Anschluss an den Großraum Leipzig wäre wirtschaftlich sinnvoller. Doch viele Altenburger empfinden sich offenbar als Thüringer. Schulze selbst hat zu diesem Thema, wie er gesteht, "keine große Meinung". Die AWo ruft die Leser zum Diskutieren auf und gibt selbst bissige Kommentare. Vielleicht sollte das einstige Herzogtum Sachsen-Altenburg wiedererweckt werden? Letztlich entscheidet der Kreistag: Gegen das überwiegende Votum einer allgemeinen Bürgerbefragung wird er Altenburg Thüringen anschließen.

PDS-Abgeordneter bei Volkskammersitzung am 22.07.1990
MDR FERNSEHEN

Das Problem Altenburg

Dr. Dieter Gleisberg (FDP) stellt die Frage, ob es demokratisch ist, Volksbefragungen durchzuführen, deren Ergebnisse von den Kreistagen, u.a. in Altenburg, ignoriert werden.

22.07.1990, 20:00 Uhr | 05:08 min

"Überstundenzahlen, die einem gewerkschaftlichen Herzkollaps gleichkamen"

Die Zeitung wird bekannter. Jede Ausgabe beschäftigt sich mit einem regionalen Problem. Überschriften und Artikel lassen die dröge Ausstrahlung der DDR-Medien vergessen. "Die Zeitbombe tickt" schreibt die AWo zu einem Umweltproblem in Wintersdorf. "Wird es mit dem neuen Geld jetzt anders werden?", fragt sie provokant, nachdem die DDR-Bürger die ersehnte DM in den Händen halten. Das Blatt ist kritisch, erklärt den Menschen der braunkohlenverseuchten Gegend was Smog ist, wagt den Blick über den Tellerrand auf den Golfkrieg, interviewt prominente Politiker. Doch die AWo will auch unterhalten. Der Artikel "Westauto oder Trabant" etwa beschäftigt sich mit den Problemen, die Fahrer der Rennpappe beim Einfädeln auf westdeutschen Autobahnen "im Kampf mit den Brummis" haben.

Mehr und mehr gelingt das schwierige Anzeigengeschäft: Getränkehändler der Region, Taxifirmen, Banken, Pflegeheime inserieren. Im Frühjahr 1991 erhält die Zeitung einen lukrativen Werbevertrag mit einer Firma aus Baden-Württemberg - 20.000 Mark auf einen Schlag. Endlich kann sich die Redaktion eine Fotoausrüstung beschaffen und einen Verkaufsbus, Marke Volkswagen. Die Süddeutschen bleiben den Altenburgern wohlgesonnen: Kurz darauf bekommt Schulze eine elektrische Schreibmaschine, dann ein Reportergerät und schließlich einen Computer inklusive Laserdrucker. Statt mit Bleisatz arbeitet die Redaktion nun mit Apple.

"Es hat Spaß gemacht. Solange es gut geht, macht die Arbeit als Geschäftsmann großen Spaß, wenn es abwärts geht, erfasst einen Panik: die Scham, pleite zu gehen, das hat mich fast verrückt gemacht."

Ingo Schulze, 2010

Trotz des Erfolges zweifelt Schulze immer wieder. Nach einigen Monaten wird er vollständiger Besitzer der Zeitung. Er fühlt sich verantwortlich für seine Mitarbeiter, umso mehr, da sie Freunde sind. Immer wieder überfällt ihn insgeheim Panik, droht ihn die Verantwortung zu verschlingen. Oft denkt er nun an die alte Zeit am Theater mit Kultur, Literatur und Westfernsehen am späten Abend zurück. Wehmut beschleicht ihn. Kaum nimmt er noch ein Buch zur Hand. Außerdem ist er ernüchtert von der allgemeinen politischen Entwicklung. Schulze hat die Idee von einer reformierten DDR, doch die Wahlen im März 1990 zeigen eine andere Stimmungslage der Ostdeutschen. Schulze gesteht rückblickend seine "große Sprachlosigkeit".

"Wir haben versucht, uns einzumischen. Teilweise haben wir Leuten geglaubt, denen wir nicht hätten glauben sollen. Es sind uns Fehler unterlaufen. Die Lokalpolitik hätten wir kritischer begleiten müssen."

Ingo Schulze, 2010

Das Zeitungsgeschäft wird immer schwieriger. Die Menschen kaufen lieber BILD oder die Regionalausgabe der "Leipziger Volkszeitung". Nun werden Anzeigen immer wichtiger, sie bringen die Einnahmen, die Schulze für das Überleben des Geschäftes braucht. Er gibt eine weitere Schrift heraus – den kostenlosen Anzeiger, in einer Auflage von 120.000 Stück jede Woche. Zu Hochzeiten beschäftigt Schulze 18 Mitarbeiter. Die Redakteure arbeiten unermüdlich. Ein Geschehnis jagt das andere, die Monate nach dem Mauerfall sind ereignisreich, kurzweilig. Dreizehn Zeitungsseiten je Woche seien zu wenig, meinen die Macher. Doch sie arbeiten bereits am Limit. Kaum haben sie noch einen freien Tag. Außerdem bringt die AWo nicht den erhofften Umsatz. 7.000 Exemplare erscheinen nur noch wöchentlich.

"Nicht selten liefen uns die Ereignisse davon, nicht selten wussten wir nicht, was wir sagen sollten."

"Altenburger Wochenblatt"

Die Zeitung kämpft mit ihren finanziellen Nöten von Monat zu Monat. Am Mittwoch, dem 2. Oktober 1991 erscheint die letzte Ausgabe der AWo. Die Entscheidung fällt offensichtlich schwer. Ingo Schulze beschreibt noch einmal den Altenburger Weg des politischen Ungehorsams in gedruckter Form von der Litfasssäule an der einstigen Staatsbank über das erste Flugblatt und dem Aufruf zur Demonstration. Er resümiert, dass vieles in der Nachwendezeit nicht so geworden ist, wie er und seine Mitstreiter es sich erwünscht hätten. Am Ende dankt Ingo Schulze all jenen, die die Zeitung unterstützt haben, besonders denen, die das Blatt kauften.

"Unser einziges Kapital war die Sympathie vieler Leute und die selbstlose Mithilfe von Freunden, Verwandten und Bekannten."

"Altenburger Wochenblatt"

Der kostenlose Anzeiger erscheint weiter. Schulze verabschiedet sich auch von diesem Projekt. Er verkauft seine Anteile. Er verzichtet darauf, die Firma zu führen, für Angestellte verantwortlich zu sein mit der beständigen Frage, wie lange es noch weitergeht.

Der Aufstieg als Schriftsteller

Das Leben als Zeitungsmacher lässt Schulze nicht los. 1993 geht er nach Sankt Petersburg. Dort gibt er im Auftrag eines Privatmannes den ersten kostenlosen Anzeiger heraus – "Priwjet Peterburg". Schulzes Russisch hält sich in Grenzen, mit Englisch klappt es besser. Die Zeitung hat großen Erfolg – sie überlebt bis heute. Doch Schulze hat andere Ziele. Nach einem halben Jahr kehrt er nach Deutschland zurück.

Ingo Schulze lässt sich in Berlin nieder und schreibt Erzählungen und Romane. Viele seiner Geschichten handeln von den Menschen in Altenburg, die Erlebnisse der Nachwendezeit prägen die Handlungen. Mit dem Roman "Simple Storys" gelingt Schulze 1998 der internationale Durchbruch. In karger präziser Sprache lässt er Menschen von ihren Schicksalen nach dem Mauerfall erzählen. 2005 erscheint Schulzes Briefroman "Neue Leben". Darin beschreibt der Hauptheld, dessen Biografie große Ähnlichkeit mit der des Autors hat, seine Erlebnisse als Schriftsteller und Zeitungsredakteur in der DDR und der Wendezeit. Die Kritiker loben Schulze für seine Werke überschwänglich. Vielen gilt er als "Schriftsteller der Wende", was der Autor selbst kommentiert mit: "Für mich wird 1989/1990 zu einem immer wichtigeren Datum" (taz).

Die Zeit beim Altenburger Wochenblatt hat bei Ingo Schulze anhaltende Spuren hinterlassen.
Rückblickend meint er, "für meine Erfahrungen war es das wichtigste Jahr für mich – aber auch das dunkelste. Wie mache ich Zeitung? Wie finanziere ich das? Ich habe mich reingestürzt und dabei von nichts eine Ahnung gehabt. Ich machte viele Fehler, die mir noch heute peinlich sind." (Schulze, MDR 2010)

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2010, 11:48 Uhr

Biographie

Ingo Schulze wurde am 15. Dezember 1962 in Dresden geboren. Nach dem Abitur leistete er seinen Grundwehrdienst in der Nationalen Volksarmee, studierte danach in Jena Germanistik, Altgriechisch und Latein. Von 1988 bis Anfang 1990 arbeitete Schulze als Schauspieldramaturg am Landestheater Altenburg. Er gründete das "Altenburger Wochenblatt" und den "Anzeiger". Auch bei seinem halbjährigen Aufenthalt in St. Petersburg gründete er eine Zeitung, die kostenlose "Priwjet Peterburg". Danach zog er nach Berlin, wo er mit Frau und zwei Töchtern lebt. Schulze veröffentlicht seither Erzählungen und Romane. Sein Debüt gab er mit "33 Augenblicke des Glücks". Danach erschien sein Bestseller "Simple Storys", der in viele Sprachen übersetzt wurde. 2005 beendete er "Neues Leben". In dem Buch schildert ein Enrico Türmer, der dem Autor in seine Biografie ähnelt, sein Leben in der DDR und zur Wendezeit.

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