Aufbruch 1990

Josef Duchač : "Ich habe eine für die DDR normale Geschichte"

Im Herbst 1989 wird Josef Duchač in Gotha Kreis-Chef der CDU. Kurze Zeit später rückt er in den Vorstand der DDR-Christdemokraten auf. Damit ist der Startschuss für eine Karriere gefallen, die Duchač an die Spitze Thüringens bringt. Nach Jahrzehnten als Mitglied der Blockpartei wird er nun in einem neuen System Ministerpräsident. Lange bleibt er nicht im Amt.

Duchač wird kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges in Bad Schlag im heutigen Tschechien geboren. Nach Krieg und Vertreibung findet die Familie 1945 eine neue Heimat in Thüringen. Duchač studiert Wirtschaftswissenschaften und wird Chemieingenieur für Plaste- und Elasteverarbeitung. Schon früh wird er Mitglied einer Partei - der CDU, die in der DDR als Blockpartei im Einklang mit der herrschenden SED agiert. In den 1980er-Jahren wechselt Duchač in die Kommunalpolitik. Beim Rat des Kreises Gotha ist er zuständig für Wohnungswirtschaft. Hier arbeitet er bis zur Wende.

Josef Duchac, Thüringens Ministerpräsident, am Schreibtisch seines Arbeitszimmers zu Hause, im Einfamilienhaus am Stadtrand von Gotha.
Josef Duchac im Jahr 1991

In der Wendezeit bleibt er wie viele seiner Parteifreunde der CDU treu und gelangt umgehend in ein Führungsamt. Lothar de Maizière, der neue und letzte DDR-Ministerpräsident, verhilft ihm dazu. Anfang August 1990 wählt er den Gothaer als Landesssprecher für das neu zu bildende Land Thüringen. In dieser Funktion überrascht Duchač mit seiner Entscheidung, noch vor dem Beschluss der DDR-Regierung die Staatshaftung für den Verkauf von Grundstücken zur Beschleunigung von Gewerbeansiedlungen zu übernehmen. Er gilt vielen als ein "Mann des Ausgleichs". Im Oktober finden die ersten Thüringer Landtagswahlen im wiedervereinigten Deutschland statt. Die CDU wird mit großem Abstand stärkste Partei vor der SPD. Duchač setzt sich gegen seinen Kontrahenten Friedhelm Farthmann durch, einen SPD-Politiker aus Nordrhein-Westfalen. Am 08. November 1990 wird Duchač als Ministerpräsident vereidigt. Die Regierung, eine Koalition aus CDU und FDP, kann bald Erfolge feiern. Einer Umfrage von Infas zufolge fühlen sich ein Jahr später 95 Prozent der Thüringer wohl in ihrer Heimat. Die Landesregierung wertet das nicht nur als die typische thüringische Bodenständigkeit, sondern auch als Vertrauen in die wirtschaftliche Zukunft des Bundeslandes.

"Für Thüringen beginnt jetzt die Zeit, in der die Menschen endlich wieder selbst über ihr Land bestimmen können."

Josef Duchač, 1990

Duchač hält im relativ finanzschwachen Thüringen die Förderung von Industrie und Arbeitsplätzen als die wichtigste Aufgabe. Daneben muss das Land rasch und dringend eine funktionierende rechtsstaatliche Verwaltung aufbauen. Mitte des Jahres 1991 zieht Duchač Bilanz. Insgesamt gebe es "unübersehbare" Erfolge. Hunderte Unternehmen seien in der kurzen Nachwendezeit privatisiert worden, zehntausende neue Gewerbe angemeldet. Als besonders erfolgreich sieht Duchač die Zusammenarbeit mit der Treuhandanstalt. Stolz ist Duchač auf die Ansiedlung des Opel-Werkes in Eisenach und die Rettung von Jenoptik. Zehntausende Arbeitsplätze seien in teilweise konkursreifen Unternehmen geschaffen worden. Die bürgernahe Verwaltung werde schrittweise aufgebaut. Für erschreckend hält Duchač dagegen den sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit insgesamt auf zweistellige Höhe. Das sei das "größte soziale Problem im Land". In Sondershausen etwa droht 10.000 Mitarbeitern der Mitteldeutschen Kali AG die Entlassung, Duchač fordert vom Bund einen Sozialplan. Unter seiner Führung legt die Landesregierung ein Programm auf, das mit einem Volumen von 75 Millionen Mark vor allem den benachteiligten Bevölkerungsgruppen zugute kommen soll. Zusätzlich fordert der Ministerpräsident den Bundestag auf, das Kurzarbeiter- und Altersübergangsgeld in Ostdeutschland bis Mitte 1992 zu verlängern. Besonderen Wert legt Duchač auf die Entwicklung des Mittelstandes und des Tourismus. Dafür müsse der Verkehr ausgebaut werden. Duchač tritt für den Neubau der Bahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke Nürnberg-Erfurt-Leipzig ein, außerdem bewirbt sich das Land um eine Transrapid-Strecke Berlin-Erfurt-Frankfurt.

"Er ist keiner, der anregt, sich aufregt, keiner, mit dem sich streiten ließe."

"Der Spiegel", 1991

Führungsschwäche und Vergangenheit - der rasche Fall

Neben Duchačs Engagement für den wirtschaftlichen Aufschwung bleibt ein für die Nachwendezeit wichtiger Bereich außen vor - die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und der seiner Partei. Immer wieder fordern führende CDU-Politiker Thüringens, wie Kultusministerin Christine Lieberknecht und Landtagspräsident Gottfried Müller, eine Selbstreinigung auch für die Christdemokraten. Doch die Thüringer CDU hält die eigene parteiinterne Aufarbeitung offenbar nicht für wesentlich oder für "politischen Selbstmord". Anfang 1991 verkündet der neue Landeschef der CDU, Willibald Böck, dass die Partei "jung, dynamisch und kerngesund" sei. Ganz so einfach ist der Weg von Blockpartei zu einer "demokratischen Volkspartei" nicht. Und so erstaunt es nicht, dass die Zweifel innerhalb der CDU-Reihen allmählich zunehmen. Immer wieder gerät insbesondere Josef Duchač in Kritik. Allzu eng soll er sich in der DDR mit den Staatsorganen eingelassen haben. Auch jetzt noch würde er Weggefährten von einst ohne besondere Fachkenntnis mit einflussreichen Posten bedenken. Die Medien bringen fortwährend neue Details. "Der Spiegel" wirft Duchač vor, dass er noch im Mai 1989 für die DDR-Kommunalwahlen agitierte und den Urnengang im Sinne der SED als "staatsbürgerliche Pflicht" bezeichnete. Und auch sonst handelt sich Duchač immer mehr Kritik ein. Vor allem seine Führungsschwäche und eine "Neigung zum Provinzialismus" (dpa) werden Duchač angekreidet. Doch den Stein ins Rollen bringt ausgerechnet seine Vorliebe zum Theater.

"Ich kann jedem Thüringer offen und ehrlich ins Gesicht sehen."

Josef Duchač, 1991

Im Herbst 1991 wird öffentlich, dass Duchač in der DDR als "Clown Ferdinand" in Stasi-Erholungsheimen aufgetreten war. Noch zum 40. Jahrestag der DDR deklamierte er System verherrlichende Gedichte. Für die politischen Gegner von Duchač ist das der Beweis, wie tief Duchač in den SED-Staatsapparat verstrickt war. Im Landtag muss er sich zur Wehr setzen. Fast eine halbe Stunde dauert seine Rechtfertigungsrede. Zeugen bezichtigen ihn daraufhin der Lüge, Duchač kann nichts mehr erwidern. Der Nachrichtenagentur Reuters sagt er: "Ich habe nie ein Geheimnis aus meiner Biographie gemacht". Er sei zwar zu DDR-Zeiten in eine Kampfgruppe eingetreten, habe sie aber kurze Zeit später wieder verlassen. Auch die Auftritte, die er als Mitglied einer Folkloregruppe in Ferienheimen der Staatssicherheit absolviert habe, müssten anders bewertet werden. "Als ich das ein paar Mal gemacht habe, bekam ich Hausverbot."

Kurz darauf attackiert die Junge Union den Ministerpräsidenten. Sie fordert öffentlich den Rücktritt Duchačs wegen seiner Verstrickung in den DDR-Apparat. Der nächste Eklat kommt im Dezember 1991. Auf dem Bundesparteitag der CDU in Dresden greifen die beiden sächsischen Minister Arnold Vaatz und Heinz Eggert Duchač hart an. Zwar seien Auftritte in Stasi-Einrichtungen nicht so schlimm wie das Verfassen von Spitzelberichten, meinen sie. Fraglich sei jedoch, wie viel eigentlich dazu gehört, um ein Stasi-Heim betreten zu können. Duchač widersetzt sich vorläufig der Kritik.

"Ich trete nicht zurück, und den Druck halte ich noch ganz gut aus."

Josef Duchač, Dezember 1991

Ein paar Tage später übersteht er mit seiner CDU/FDP-Landesregierung einen Misstrauensantrag der SPD. Die Opposition aus SPD, PDS und Bündnis90 kann ihn nicht zu Fall bringen. Es scheint, als habe Duchač das Schlimmste überstanden. Doch einen knappen Monat später, im Januar 1992 zwingen ihn die eigenen Parteikollegen zum Rücktritt. Zunächst ist es nur eine beunruhigende Nachricht eines CDU-Kreisverbandes. Die Parteifreunde aus Jena fordern in einem "Jenaer Brief" den Rücktritt Duchačs wegen seiner politischen Vergangenheit. Zwei Tage später, Duchač weilt für Thüringer Produkte werbend auf der Grünen Woche in Berlin, erfährt er, dass drei seiner Minister seinetwegen zurücktreten wollen, darunter auch Kultusministerin Christine Lieberknecht. Bereits vor der Wende hatte sie Reformen in der Blockpartei gefordert, sie gilt nun als Drahtzieherin im Kampf gegen sogenannte Partei-Altlasten. Ihrer Meinung nach ist die Situation unter Duchač "völlig desolat". Duchač fliegt von Berlin umgehend nach Erfurt, doch die Fraktion ist bereits umgestimmt. Die Mehrheit stimmt gegen ihn, Duchač genießt kein Vertrauen mehr in den eigenen Reihen.

Der stets auf Kompromiss bedachte Ministerpräsident wirkt angeschlagen, die "Rebellenführerin" Lieberknecht würdigt er keines Blickes. Duchač gibt auf und nimmt damit 15 Monate nach Amtsantritt seinen Hut. Die Nachricht wird von der Bundes-CDU und vor allem von den Reformern innerhalb der Partei mit Erleichterung aufgenommen. Der Thüringer CDU-Fraktionschef Jörg Schwäblein meint abschließend: Duchač sei ein "Arbeitstier" gewesen, hätte sich aber "schlecht verkauft und seine Richtlinienkompetenz nicht genutzt, um parteiinterne Querelen schnell zu beenden".

Duchač ist nicht der einzige prominente Christdemokrat, der sein Amt verliert. Bereits Monate vor ihm stürzt der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Gerd Gies - auch ihm wird seine jahrelange Karriere in der DDR-Blockpartei zum Verhängnis. Mit Duchačs Rückzug beginnt ein schwieriges Jahr für die Thüringer CDU. Gleich zwei Minister, darunter auch Landesparteichef Willibald Böck, verlassen kurz darauf nach Schmiergeldaffären die Regierung. Dafür kommt mit tatkräftiger Unterstützung von Helmut Kohl und der Bundes-CDU ein Politpensionär aus dem Westen. Der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel löst Duchač im Amt ab und bringt die Thüringer CDU wieder auf Kurs.

"Josef Duchač hat als erster Ministerpräsident des neu gebildeten Landes Thüringen einen großen Beitrag für den Aufbau des Landes geleistet."

Dieter Althaus, Ministerpräsident Thüringens 2003-2009

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2010, 17:54 Uhr

Biographie

Josef Duchač wurde am 19. Februar 1938 im heutigen Jablonec nad Nisou, Tschechien, als Sudetendeutscher geboren. Nach dem Krieg wird die Familie vertrieben, in Gotha findet sie eine neue Heimat. Nach dem Abitur arbeitet Duchac bei der Post und im Gummiwerk Waltershausen. Er studiert Wirtschaftswissenschaften und Kunststoffverarbeitung. 1964 schließt er als Chemieingenieur ab, 1973 wird er Diplomingenieur für Wirtschaft. Bereits 1957 engagiert sich Duchac politisch, er tritt in die Blockpartei CDU ein. Von 1986 bis Herbst 1989 arbeitet er beim Rat des Kreises Gotha, Bereich Wohnungswirtschaft. Danach wird er Betriebsleiter des Gummiwerkes Waltershausen. Er wird Kreischef der CDU für Gotha, im Dezember rückt er in den Parteivorstand in der DDR auf. Anfang August 1990 wird er Landessprecher für die neu zu bildenden Länder der ehemaligen DDR. Bei den Landtagswahlen am 14.10.1990 in Thüringen gewinnt die CDU mit 45,5 % vor der SPD. Unter Duchacs Führung wird die erste Landesregierung aus CDU und FDP gebildet. Nach einem überstandenen Misstrauensvotum wirft Duchac im Januar 1992 das Handtuch. Duchac ist seit 1960 verheiratet und Vater einer Tochter.

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