Aufbruch 1990

Werner Leich : Thüringen: Heimat und Mutterland

Thüringen war nie tot. Obwohl das Land 1952 in drei Bezirke aufgeteilt wurde, existierte es in der Thüringischen Landeskirche weiter. Kein Wunder, dass der Landesbischof später eifrig um die Wiedergründung des Landes und die Wiedervereinigung Deutschlands bemüht war.

Im strengen Sinne ist Werner Leich kein Thüringer. Er wurde 1927 in Mühlhausen geboren. Die Stadt war preußisch. Doch Leich war in Thüringen familiär verwurzelt und er selbst wurde zum Bischof der Evangelischen Landeskirche Thüringen, als es Thüringen längst nicht mehr gab. Das Land war 1952 in die drei Bezirke Erfurt, Gera und Suhl aufgeteilt worden. Dem passte sich die Kirche nie an. In der evangelischen Kirche bestanden die alten Landesgrenzen der Thüringer Fürstentümer fort: Die Gebiete um Altenburg, die inzwischen zum Bezirk Leipzig gehörten, wurden vom Eisenacher Bischofssitz aus verwaltet. Erfurt und Suhl, die früheren preußischen Enklaven, gehörten zur Kirchenprovinz Sachsen. Ebenso gehörten die Gebiete um Nordhausen und eben Mühlhausen nicht zur Thüringer Kirche.

Auch wenn Leich in der DDR gewissermaßen der "letzte Thüringer" war, war ihm diese Identität nur eingeschränkt klar. Jahre später bekannte er: "Was die Bindung an die Thüringer Heimat bedeutet, wurde mir allerdings erst in der Zeit der 'Wende' richtig bewusst. Die ehemalige DDR führte einen zähen Kampf. Als 'sozialistische Heimat' wollte sie in die Herzen der Menschen eindringen." "Heimatgefühle", so Leich, "lassen sich nicht durch Weltanschauungen verordnen." Und weiter: "Das wieder zusammenwachsende Deutschland braucht die Heimatländer, wenn es zum Vaterland werden will. Sie sind die Mutterländer, ohne die ein Vaterland nicht bestehen kann."

Die Trennung überwinden

Leich ist ein konservativer Patriot. Das machte ihn nicht unumstritten. Aber Leich kannte das ungeteilte Deutschland. Er hatte im Westen studiert und war in den Osten zurückgekehrt. Mit der Teilung – auch der kirchlichen – konnte er sich nie abfinden. "Für mich", so erklärte er in einem Interview, "ist die Trennung immer etwas Unnatürliches gewesen, das ich als etwas Vorübergehendes angesehen habe - freilich nicht als etwas, das schnell vorübergehen würde."

Nach dem Fall der Mauer im November 1989 zeigte sich der Landesbischof allerdings zunächst zurückhaltend. Er trat nicht vehement öffentlich für eine rasche Wiedervereinigung ein. Aber er wollte die Möglichkeiten wahren: Als Ende November 1989 Schriftsteller, Kirchenvertreter und Oppositionelle den Aufruf "Für unser Land" veröffentlichten, der auf der "Eigenständigkeit der DDR" beharrte, warnte Leich vor einer Unterzeichnung. Der Aufruf sei nicht gründlich diskutiert und stütze möglicherweise verfallende Machtstrukturen. Stattdessen müsse es über Zwischenschritte zu einer Annäherung der beiden deutschen Staaten kommen. Letztendlich müsse die Trennung überwunden werden.

Späth will Thüringen nicht unterstützen

Der Kirchenmann versuchte, bei der Annäherung praktische Hilfe zu leisten. Dabei verknüpfte er von Anfang an die Wiedervereinigung Deutschlands mit der Wiedergründung des Landes Thüringen. Leich organisierte dafür im Westen Hilfe. Bereits im Dezember 1989 traf er sich in Hermsdorf mit dem hessischen Ministerpräsidenten Walter Wallmann, um über die "Hessenhilfe" für Thüringen zu sprechen. Ziel war eine Partnerschaft zwischen den beiden Ländern, die auch auf der jahrhundertealten Verbundenheit aufbauen sollte. Auch die langjährige Partnerschaft zwischen der Thüringischen und der Württembergischen Kirche versuchte Leich zu nutzen: Im Februar 1990 reiste er nach Stuttgart, um mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth über eine mögliche staatliche Partnerschaft zu sprechen. Doch Späth winkte ab. Sein Land hatte sich bereits auf Sachsen festgelegt.

"Das Glücklichste aber war das Weihnachtsfest 1989. Ich habe damals in kleinen thüringischen Gemeinden Gottesdienste gehalten, weil die Pfarrer dort überlastet waren, da sie verschiedene Gottesdienste am Heiligabend halten mussten. Als wir in die westlichen Gebiete unserer Landeskirche fuhren, die alle an der Grenze lagen, kamen uns ganze Kolonnen von Autos entgegen. Die Menschen hupten und freuten sich. An den Kreuzungen in den kleinen Dörfern hatten die Einwohner Stände aufgebaut, haben Plätzchen und Glühwein angeboten. Das war so eine echte Volksstimmung: Wir sind wieder vereint. Das waren für mich die glücklichsten Momente."

Werner Leich, Altbischof

Leich soll vermitteln - wird aber nicht mehr gebraucht

Die Vermittlerrolle, die Leich in der DDR erlernt hatte, wurde auch in den Zeiten des Umbruchs gebraucht. Ende März 1990, nach den freien Volkskammerwahlen, bat der Runde Tisch des Bezirkes Erfurt den Landesbischof, zu einem "Runden Tisch Thüringen" einzuladen. Ziel war es, alle regionalen politischen Kräfte der drei Bezirke zu bündeln und die Verwaltungsstruktur des Landes Thüringen vorzubereiten. Leich erklärte sich bereit, die Rolle des Einladenden zu übernehmen. Anfang April informierte er seinen Landeskirchenrat über das Vorhaben. Am 18. April sollte die erste Sitzung des "Runden Tisches Thüringen" im Paul-Schneider-Gemeindezentrum in Weimar stattfinden. Leich hatte bereits die Details geplant: Die Geschäftsordnung des Zentralen Runden Tisches in Berlin sollte übernommen werden. Das bedeutete, dass die Kirche das Gespräch lediglich moderiert. Oberkirchenräte aus den drei Bezirken sollten eingeladen werden. Auch seine Rolle hatte Leich bereits definiert: "Der Landesbischof lädt zum Runden Tisch ein, eröffnet und zieht sich dann aus der Struktur des Runden Tisches zurück. Er steht zur Verfügung für besondere Anfragen und Aufgaben."

Doch mit den Volkskammerwahlen erschien die Arbeit eines Runden Tisches den großen Parteien nicht mehr verhältnismäßig. Die geplante Einladung zu einem "Runden Tisch Thüringen" durch den Bischof wurde am 11. April kurzfristig zurückgezogen. Der Runde Tisch Erfurt protokollierte: "Grund ist die Aussage des Landesvorsitzenden der CDU [Uwe Ehrich, Anm d. Red.] gegenüber Herrn Landesbischof Dr. Leich im Namen der Allianz: Die künftige Regierung werde allen Runden Tischen die Legitimation entziehen und den Bezirken Regierungsbevollmächtigte an die Seite stellen. Von mehreren Seiten wurde das missbilligt. Weder der Runde Tisch des Bezirkes noch ein Runder Tisch Thüringen sind durch die Regierung in Berlin zu legitimieren. Hier liegt eine Verwechslung der Ebenen vor bzw. eine unzulässige Übertragung des Wahlergebnisses für die Volkskammer auf die Landes- und Kommunalebene." Der Bischof zog sich wieder zurück. In einem Brief an den Landesvorsitzenden der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands schrieb er kurze Zeit später: "Mittlerweile ist es deutlich geworden, dass ein Runder Tisch für das Land Thüringen nicht zustande kommt, weil sich die Parteien der Allianz für Deutschland einem solchen Anliegen verschließen. Sicherlich gibt es mehrere Wege, die Entstehung eines Landes Thüringen vorzubereiten. Gewiss ist mir auch, dass die Hauptverantwortung nun die Parteien und Bürgerbewegungen tragen, die sich zur Wahl stellen." Statt eines "Runden Tisches" trat am 15. Mai ein "Politisch-Beratender Ausschuss zur Bildung des Landes Thüringen" zusammen. Er sollte die Landesbildung "strukturell und technisch-organisatorisch" vorbereiten. Doch damit hatte der Landesbischof nichts mehr zu tun.

Der Bischof widmete sich nun den Gemeinden, die sich ebenfalls im Umbruch befanden. In seinem Hirtenbrief an die Gemeinden zum Pfingstfest 1990 versuchte Leich, auf die besondere Situation im Land einzugehen. Er sprach von einer "Übergangs- und Wartezeit", die Erleichterung und Last zugleich sei. "Eine radikale Umstellung steht bevor. Zwischen der gescheiterten Planwirtschaft und der sozialen Marktwirtschaft gibt es keinen Mittelweg. Alles muss neu begonnen werden." Ein langsames Hinüberwachsen in die neue Lebenshaltung gebe es nicht. Der Bischof sprach deshalb von Vertrauen und Hoffnung, um diese Herausforderungen zu bewältigen.

Glocken-Streit zur Wiedervereinigung

Doch Leichs Einheitskurs war nicht unumstritten. Dies zeigte sich kurz vor der Wiedervereinigung. Der Bischof, der sich "von Herzen" über die Einheit freute, bat im September seine Pastorinnen und Pfarrer, in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober die Kirchenglocken zu läuten. Die Glocken, so schrieb er in einem Rundbrief, würden "den Übergang in eine andere Epoche der Geschichte begleiten und zum Gebet für den künftigen Weg unseres Volkes rufen." Leich begründete die Bitte mit der besonderen Bedeutung des Tages der Deutschen Einheit: "Er markiert sichtbar das Ende der Nachkriegszeit und der Teilung unseres Vaterlandes. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen in der dann ehemaligen DDR würde es nicht verstehen, wenn wir einen solchen Tag geringer ansehen als den Neujahrstag." Der Bitte des Bischofs folgte eine lange öffentliche Debatte. Die Stimmung in den evangelischen Kirchen war eher gegen das Läuten. Die Glocken, so die Gegner, dürften nicht zu politischen Anlässen, sondern nur zur Ehre Gottes und dem Ruf zum Gebet geläutet werden.

Leich ließ sich nicht beirren. In seinem "Hirtenwort" an die Gemeinden zum Tag der Deutschen Einheit blickte der Bischof zurück und voraus: "Wir haben oft Angst gehabt. Gott hat uns aufgerichtet. Wir wollten in einem Unrechtsstaat Reformen durchsetzen. Gott hat uns mehr geschenkt, als wir erwartet haben: Die friedliche Revolution, die Freiheit und eine offene Zukunft. Wer wollte dafür heute Gott nicht von Herzen danken!"

Den 3. Oktober erlebte der Bischof während eines Festtages auf der Wartburg: "Es war großartig", erinnert er sich: "Als dann zum ersten Mal die Nationalhymne, die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit ihrem tiefen und schönen Text gesungen wurde, musste ich einige Male schlucken, bevor ich mit voller Stimme einfallen konnte. Ich schäme mich nicht, das zuzugeben."

"Nicht geblieben ist für mich die Stimmung, die damals vorhanden war: 'Wir sind ein Volk', dass also das Gemeinwohl des Volkes über den Einzelinteressen der Menschen und der Parteien steht. Das war damals sehr ausgeprägt. Aber das hat sich dann leider schnell verflüchtigt, indem die Parteien mehr Stärke und auch mehr Einfluss gewonnen haben. Dann hat auch die Enttäuschung vieler Menschen um sich gegriffen, da sie nichts mehr verändern konnten. Damals, mit dem ursprünglichen Ruf 'Wir sind das Volk' und später 'Wir sind ein Volk', war so eine Stimmung da: Wir können, wenn wir alle Zusammenstehen, bestimmen, was in unserem Volk geschieht. Das ist heute leider nicht mehr so."

Werner Leich, Altbischof

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2010, 16:10 Uhr

Biographie

Werner Leich wurde am 31. Januar 1927 in Mühlhausen geboren. Er besuchte die "Nationalpolitische Erziehungsanstalt" in Schulpforta und das Gymnasium "Ernestinum" in Gotha. Im Zweiten Weltkrieg diente er zunächst als Luftwaffenhelfer und später als Soldat an der Ostfront. Nach Kriegsende studierte er Theologie in Marburg und Heidelberg. Anschließend kehrte er nach Thüringen zurück. Leich wurde Vikar in Angelroda bei Arnstadt. Später wurde er Pfarrer in Wurzbach (Kreis Lobenstein). Anschließend trat er die Stelle des Superintendenten in Lobenstein an. 1978 wurde er Landesbischof in Thüringen. Von 1986 bis 1990 war er Vorsitzender des DDR-Kirchenbundes. 1991 ging Leich in den Ruhestand. Er lebt in Eisenach.

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