Sandskulptur mit den US-Präsidentschaftskandidaten Clinton und Trump
Sandskulptur mit den US-Präsidentschaftskandidaten Clinton und Trump Bildrechte: dpa

US-Präsidentschaftswahlkampf Sehnsucht nach einem starken Land

Eine Weltmacht wählt ihre Präsidentin oder ihren Präsidenten. Hillary Clinton oder Donald Trump. Die Kandidaten machen diesen Wahlkampf zu etwas Besonderem. Clinton ist bei den Demokraten umstritten, und Trump könnte die Republikaner spalten.

von Regina Lang

Sandskulptur mit den US-Präsidentschaftskandidaten Clinton und Trump
Sandskulptur mit den US-Präsidentschaftskandidaten Clinton und Trump Bildrechte: dpa

Bizarr - so charakterisieren viele Amerikaner die Wahl. Und das passt ja auch. Hillary Clinton, Ex-Außenministerin, Ex-First Lady und Senatorin gegen Donald Trump, Immobilienunternehmer, Millionär, politischer Newcomer. Unterschiedlicher könnten die Bewerber kaum sein. Auf der einen Seite die erfahrene, beherrschte Politikerin, auf der anderen Seite der provokante Quereinsteiger, der Massen begeistert. Die amerikanischen Medien graben eine Skandalgeschichte nach der anderen aus. E-Mails, Steuern, Frauen. Die Gespräche, auf die sich dieser Artikel stützt, haben vor der Veröffentlichung des frauenfeindlichen Videos, aber nach der Steueraffäre stattgefunden.

Donald Trump, was ist der Mann mit der blonden Tolle für einer? Wie schafft er es, die Leute zu mobilisieren?  

Enthusiasmus, das ist die häufigste Antwort. Trump reißt mit, Trump ist leidenschaftlich, Trump will etwas ändern. Trumps emotionales Aufputschmittel heißt "Make America great again". Kurz, bündig, wirksam.

Wirksam bei konservativen Weißen, die eine bunte Gesellschaft mit Menschen aus allen möglichen Ländern, allen möglichen Religionen, allen möglichen sexuellen Vorlieben nicht wollen, weil sie mit ihrem Alltag nichts zu tun hat. Der Millionär Trump, dessen Lebensstil Galaxien von diesem Alltag entfernt ist, er trifft den Ton.

Wie es Trump sagt

"Trump spricht mit den Leuten, wie mit einem guten Kumpel", beschreibt Adam Jensen aus Iowa-City das Phänomen. "Wenn man sich gut kennt, spricht man anders miteinander." Der freundliche 38-Jährige ist einer unserer Gesprächspartner bei einem Besuch der Republikanischen Partei in Iowa-City. Bei der Wahl kandidiert er für ein politisches Amt in der Stadt. Er begrüßt uns auf Deutsch - seine Großeltern stammen aus Erfurt, er war in Deutschland stationiert. Ich frage nach: Die Amerikaner seien im Allgemeinen so höflich, wie passe Trumps rauer Ton für ihn dazu? Für Adam ist das kein Widerspruch: "Bei einem Gespräch unter Buddys kommt es auf Höflichkeiten und politische Korrektheit nicht so an."

Trump nennt Clinton durchgängig "Crooked Hillary" - Betrügerin Hillary. Ich frage nach, wie unsere Gastgeber Trumps abwertende Äußerungen sehen. Die Antwort der regionalen Parteivorsitzenden Cindy Golding kommt prompt: "Ja, er hat Frauen verbal verletzt, aber diese Frauen haben ihn vorher auch verletzt." Belege dafür nennt sie nicht. In der Stunde, in der wir mit Cindy und Adam reden, veröffentlicht die Washington Post ein Video aus dem Jahr 2005, in dem sich Trump vulgär und sexistisch über Frauen äußert. Das Video sorgt für so viel Wirbel, dass sich Trump später über Facebook entschuldigt. Viele prominente Republikaner rücken deswegen von ihm ab. Aber das ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nicht bekannt.

Was Trump sagt

 "Er sagt laut, was wir denken und uns nicht getraut haben zu sagen." Was genau ist das? Die Immigranten beispielsweise, die ohne gültige Papiere in die Staaten kommen, sagt Cindy. "Trump ist nicht gegen Immigranten, nur gegen solche, die kommen und gegen das Gesetz verstoßen." Cindy hat sechs Kinder und 17 Enkelkinder, ist topfit, erfolgreiche Unternehmerin und die Vorsitzende der regionalen Republikaner. Ihr sind die gemeinsamen konservativen Werte das Wichtigste: "Wir setzen auf die Kraft und Leistung jedes einzelnen, die Demokraten wollen alles staatlich regeln." Sie erzählt von einem Wohltätigkeitsdinner, bei dem sie mit Hillary Clinton am Tisch saß. Ihrer Mine nach zu urteilen, muss es eine echte Zumutung gewesen sein. "Meine Freundin hat mich immer geknufft, damit ich nichts gegen Clinton sage. Hillary und ich, wir sitzen komplett an unterschiedlichen Enden des politischen Spektrums."

Ähnlich hat es mir eine Erstwählerin aus Farmville in Virginia erzählt: "Ich bin Christin, für mich ist die Wahl klar, ich kann über bestimmte Werte nicht hinwegsehen." Das Recht auf Leben, die Ablehnung von Abtreibung. In den USA ist das bei manchen Gruppen das wichtigste politische Thema überhaupt. 

Cindy Golding und ihre Parteikollegin Kim Reem sagen, Trump sei der ideale Präsident. Er werde die beste Lösung für alle Probleme finden. Seine fehlende politische Erfahrung? Das mache nichts, winkt Cindy ab. Clinton habe zwar die Erfahrung, aber dürftige Erfolge. Trump sei erfolgreicher Geschäftsmann, er werde die richtige Person für die Lösung jedes Problems finden. Das sei einfach ein anderer Führungsstil. "Ich vertraue ihm." Die anderen drei Mitglieder der GOP, der großen alten Partei, wie die Republikanische Partei auch genannt wird, nicken zustimmend. Sie sitzen am Konferenztisch in einem schmucklosen Raum mit lilafarbenen Wänden und haben genug vom anderen Ende des politischen Spektrums. Zweimal Obama, es reicht jetzt. Es muss ein Wandel her.

Was dahinter steht

Make America great again. Ist das mächtigste Land der Welt nicht mehr groß und stark? Die Wirtschaftsdaten und die Stellung in der Welt deuten nicht darauf hin. Was steckt dahinter? Auf unserer Reise haben wir mit vielen Menschen gesprochen, Bürgern auf der Straße, Wissenschaftlern, Studenten, Vertreter anderer Parteien. Nick Johnson, ein 82-jähriger Demokrat aus Iowa-City, der noch immer politisch aktiv ist, sagt: "Der Satz steht für die 50er Jahre - die große Zeit." Als die weißen Amerikaner noch das Sagen hatten, die Frauen noch Hausfrauen waren und überhaupt die Welt in Ordnung war, nicht so kompliziert und unüberschaubar wie jetzt. Die Veränderungen in der Industrie, in der Landwirtschaft hätten viele Menschen arm gemacht und keiner habe sich darum gekümmert.

Derek Chollet vom German Marshall Fund in Washington interpretiert den Slogan als Ausdruck der Sehnsucht nach dem starken Mann. Und er sieht ihn als Code: "Trump macht damit rassistische Argumente populär." Diese Verknüpfung wird oft genannt, auch Eric Langenbacher von der Universität in Washington sagt: "Wenn Sie die amerikanische Politik verstehen wollen, müssen Sie sich die Rassenfrage anschauen. Alles geht zurück auf Rassismus." Dazu passt Trumps Ankündigung, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu lassen.

Wie wird es vermittelt

Bevor wir nach Iowa reisen, treffen wir in Washington Nick Trainer, er ist Ausbildungsleiter des Republican National Committee, und damit zuständig für die politischen Schulungen aller ehrenamtlichen Wahlhelfer der Republikaner. Tausende sind freiwillig unterwegs, klingeln an Haustüren, schreiben Briefe, rufen wildfremde Menschen, um sie als Wähler für ihre Partei zu gewinnen. Die Demokraten machen das genauso wie die Republikaner. Das System ist komplett anders als in Deutschland. Die Parteien bekommen ganz legal Daten, die bei uns geschützt sind. Wahlkampf mit Big Data. Es gibt ein "National Voterfile", in dem alle Umfrageergebnisse und Informationen von den Wahlbüros eingespeichert werden, täglich wird es aktualisiert. So wissen die Parteien immer, wer sich als Wähler registriert. Sie bekommen die Adressen, das Alter, die Berufe. Das Team von Nick Trainer gibt all die Informationen in die Datenbank ein, und dazu alles, was bekannt ist: Was der potenzielle Wähler beispielsweise bei einem der Telefonate mit Wahlwerbern erzählt hat, ob er gesundheitliche Probleme hat, der Enkel in Afghanistan stationiert ist, et cetera. Ein ziemlich umfangreiches Profil von sehr vielen Menschen.

Diese Daten werden in einer App gesammelt. Kim Reem, die Vorsitzende der Republikanischen Frauenorganisation in Iowa-City, zeigt mir die App. Egal, wo sie gerade ist, wenn sie Zeit hat, kann sie auf Klingeltour gehen. Die App gibt ihr eine Liste mit möglichen "Targets", also Zielen in der Nähe. Die App sagt ihr auch, worüber sie mit den Leuten am besten sprechen kann.

Wie geht sie vor, ich bin neugierig. "Ich frage, wie es ihnen geht, was das größte Problem ist, das sie bewegt. Ich lasse die Leute erzählen", sagt Kim. Das ist genau die Strategie, die Nick Trainer vorgibt. Nicht streiten, keine politischen Botschaften vermitteln, den Leuten keine Argumente um die Ohren hauen. Seine Botschaft ist eine andere: "Deine Meinung ist ok, was kann ich als Republikaner für Dich tun? Wenn sich die Leute dann öffnen, dann kann ich etwas sagen." Dann schickt der Besucher vielleicht ein paar Tage später einen Brief mit derselben Botschaft. Noch ein paar Tage später ruft er dann vielleicht an. Dann ist es schon, als ob man mit Buddys spricht.

Iowa ist einer der Swing-Staaten, mal geht der Sieg bei Wahlen an die Republikaner, zuletzt zweimal an die Demokraten. Momentan schlagen die Umfragen in Richtung Republikaner aus. Für Cindy und Kim ein deutliches Zeichen.

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2016, 07:48 Uhr

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3 Kommentare

09.10.2016 17:04 Realist2014 3

@Nr.2: Vergessen Sie nicht die 28 % Linken-Wähler in Thüringen zu erwähnen!

09.10.2016 15:53 Shazia Celik 2

Clinton als Freundin des Großkapitals und der Eliten oder Trump als restlos durchgeknallter Großkapitalist mit rassistischen Ansichten und keinerlei Selbstbeherrschung. Beides nicht schön, wobei man sich ernsthaft fragen muss, wie sicher eine Welt sein kann, in der der mächtigste Mann der Welt ein rassistischer Choleriker ist, der es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und seine Meinung wechselt wie andere Leute ihre Unterwäsche. Ich möchte angesichts von 20 % AFD-Wählern in Ostdeutschland trotzdem davor warnen, sich zu sehr über die "dummen Amis" erheben zu wollen, die bald die Wahl zwischen dem großen und dem größtmöglichen Übel haben.