Kinderbücher in einem Regal
Lesen ist für Kinder sehr wichtig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorlesetag Zehn Prozent der Thüringer Viertklässler haben Leseschwäche

Für viele lesebegeisterte Eltern ist sie ein Ritual - die Einschlaf-Geschichte im oder am Kinderbett. Gemeinsam zur Ruhe kommen, den Abend ausklingen lassen und durch Wörter in phantastische Welten reisen. Doch Experten beobachten, dass in immer mehr Haushalten Kinderbücher fehlen - Bücher beliebter Autoren wie Hans Christian Andersen, Michael Ende, Cornelia Funke, den Gebrüdern Grimm, Erich Kästner oder Astrid Lindgren sind den Kindern kaum bekannt.

von Corinna Ritter

Kinderbücher in einem Regal
Lesen ist für Kinder sehr wichtig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Thüringen haben zehn Prozent der Viertklässler eine Leseschwäche. Ihnen fällt das Zuhören schwer. Mit dem Vorlesetag am Freitag wollen Thüringer Politiker, unter anderem auch Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke), die Neugier auf Bücher wecken.

"Wenn Kinder nicht mit Büchern aufwachsen, haben sie es schwer gut lesen und schreiben zu lernen", sagt Nancy Lehmann, Leiterin des Lehrinstituts für Orthografie und Sprachkompetenz (L.O.S.) in Erfurt zum Vorlesetag. Die Lehrerin testet, ob Kinder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben. Vor zehn Jahren hat sie etwa in Sömmerda 60 Kinder in kleinen Gruppen von vier bis acht Kindern oder Einzelunterricht gefördert, in diesem Jahr sind es bereits 100 Kinder. Und das liegt nicht nur daran, dass das Förderinstitut über die Jahre bekannter geworden ist.

Jeder zehnte Viertklässler erfüllt die Mindeststandards nicht

Schüler lernen 2012 im Mathematik-Unterricht
Im Deutschunterricht können Kinder das Lesen und Schreiben festigen. Bildrechte: dpa

Einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen im Auftrag der Kultusministerkonferenz zufolge können etwa zehn Prozent der Thüringer Viertklässler nicht ausreichend lesen und zuhören. Damit sind sie etwas besser als der bundesweite Durchschnitt. Einen Grund dafür sieht Lehmann darin, dass es zu wenig Deutschunterricht gibt. Somit könnten die Lehrer - vor allem aufgrund von großen Schulklassen - das Lesen und Schreiben zu wenig üben und festigen. "Eltern können das nicht leisten", sagt die Institutsleiterin. Die Kinder sollten möglichst zehn Minuten täglich laut lesen - je nach Vermögen Silben, dann Wörter und dann einfache Sätze. Dabei würden große Buchstaben das Lesen erleichtern. Ihr Motivations-Tipp für Lesemuffel: Lieblingsbücher in verteilten Rollen lesen.

Analphabetismus bei Erwerbstätigen weiter auf hohem Niveau

Menschen sitzen im Alphabetisierungskurs
Analphabeten sind laut Experten in der Schule "irgendwie durchgerutscht". Bildrechte: IMAGO

In Thüringen leben rund 200.000 funktionale Analphabeten, schätzt Angelika Mede, Fachreferentin Alphabetisierung und Grundbildung beim Thüringer Volkshochschulverband. Sie könnten nicht ausreichend lesen und schreiben, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. In der Schule seien die Betroffenen irgendwie durchgerutscht. Mende hat so manche Leidensgeschichte gehört. Solange Helfer da sind, etwa um den Beipackzettel von Medikamenten oder Behördenschreiben zu verstehen, und sich auch der Berufsalltag nicht ändert, kämen die Betroffenen zurecht. "Brenzlig werde es, wenn sie selbst aktiv werden müssten", sagte Angelika Mende.

Landesausgaben für die Grundbildung sollen steigen

Geldmünzen
260.00 Euro sind in dem Haushaltsentwurf 2018/2019 zur Förderung der Alphabetisierung geplant. Bildrechte: Colourbox.de

Mit dem Modellprojekt AlphaKommunal Transfer sollen zunächst in Jena, dem Landkreis Saalfeld-Rudolstadt und dem Unstrut-Hainich-Kreis mehr Teilnehmer für Grundbildungskurse gewonnen werden. Nach Angaben des Volkshochschulverbandes haben 2016 etwa 500 Teilnehmer einen Förderkurs an einer der 23 Thüringer Volkshochschulen besucht. Auch hier sind Lehrer Mangelware.

Die Landesregierung hat in diesem Jahr 208.000 Euro zur Förderung der Alphabetisierung ausgegeben. Davon erhielten die Thüringer Volkshochschulen nach Angaben des Bildungsministeriums rund 201.000 Euro für die Lernzentren Lesen und Schreiben, Fortbildungen und Fachtagungen. Im Entwurf zum Landeshaushalt 2018/2019 sind 260.000 Euro geplant. Wie die auf die Volkshochschulen und freie Träger der Erwachsenenbildung aufgeteilt werden, soll sich in den nächsten Tagen entscheiden. Für Angelika Mende von der Koordinierungsstelle für Analphabetismus und Grundbildung müsste es mindestens doppelt so viel sein.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. November 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. November 2017, 20:10 Uhr

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8 Kommentare

19.11.2017 16:28 Pfingstrose 8

Man sollte als Eltern schon die Kinder im Kleinkindalter mit abendlichen Geschichten konfrontieren. Viele Eltern sind teilweise mit sich selbst beschäftigt und haben für ihre Zwerge keine Zeit ihnen ein Gute Nachtgeschichte vorzulesen oder mit ihnen noch einmal im schulpflichtigen Alter lesen zu üben. Da geht Computer, TV und vielesmehr vor. Und die Kinder bleiben auf der Strecke.

18.11.2017 15:36 Dorfbewohner 7

“Part 6

Das Problem scheint epigenetisch veranlagt, viele Thüringer schaffen es gerade mal so die kurzen Zeilen der Bildzeitung zu lesen, was dann immer bei den Kommentaren durch dumpfe Stammtischparolen und gesellschaftspolitisches Unwissen auffällt…”

Zitat im Auszug:“epigenetisch”: ““Wikimedia-Begriffsklärungsseite epigenetisch - epigenetisch (griech. epigenesis „nachträgliche Entstehung“ steht für Epigenetik, eine Fachrichtung der Biologie, die sich mit der Vererbung von nicht von Genen festgelegten Eigenschaften befasst””.

Vielen Dank für die fachlich exzellente Diagnose, schade, dass es leider “viele Thüringer” betrifft.

Werde aus Scham meine Herkunft und Wohnort verleugnen müssen.

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