Politikberater im Interview Wie schlagen sich die Wahlkämpfer digital?

Plakate, Spots, Haustürwahlkampf, Stände in der Fußgängerzone - und jetzt auch noch virtuelle Stände im Internet: Die Parteien bauen auch ihre digitalen Wahlkampfaktivitäten aus. Wie intensiv und gut machen sie es, fragten wir den Politikberater Martin Fuchs.

Unser Ministerpräsident ist ja sehr aktiv auf Twitter. Wie stellt er sich Ihnen dar, wie wirkt er auf Sie?

Bodo Ramelows Facebook- und Twitter-Accounts sind Privataccounts. Es gibt da schon die Trennung, was er selbst macht und nicht die Staatskanzlei dahintersteht. Ich finde, er ist authentisch, weil er hier so auftritt, wie er als Ministerpräsident auftritt. Er ist extrem dialogorientiert, er ist extrem emotional, das stößt einige Menschen vor den Kopf, aber das ist seine Art. Er verstellt sich dort nicht, er macht dort auch Fehler, aber ich glaube, das wird ihm helfen, weil das mobilisiert die eigenen Leute, wenn man dem politischen Gegner auch mal contra gibt. Was ich nicht mehr sehen kann sind diese total gekünstelten Accounts, wo alles nur toll ist und positiv, denn das ist nicht das Leben. Und für Journalisten sind Accounts wie der von Bodo Ramelow ein gefundenes Fressen, denn daraus kann man sich wunderbar Artikel stricken, die für Reichweite und Aufmerksamkeit sorgen.

Wird denn auch von der Community akzeptiert, wenn er sich mit Aluhut-Trägern oder Oppositionschef Mike Mohring anlegt?

Social Media macht man um die eigenen Leute zu mobilisieren und er möchte keinen einzigen CDU-Wähler überzeugen. Die finden natürlich alles schlecht, was er tut. Die will er auch gar nicht erreichen, sondern die 27 bis 35 Prozent Potential der LINKEN-Wähler. Da findet auch nicht jeder alles toll, was er tut, aber ich glaube, das Gros der Menschen, die ihn auch wählen, findet das richtig. Und die anderen 70 Prozent sind Beifang, die braucht er wiederum nur, um Diskurs zu erzeugen, um Öffentlichkeit zu erzeugen, aber nicht, um sich in der Community beliebt zu machen.

Welchen Trend sehen sie insgesamt gerade im Netz?

Ich sehe drei Trends zur Bundestagswahl:
Erstens, es geht in Richtung Echtzeit-Wahlkampf, alle großen Parteien haben Livestreaming-Angebote, bei denen man Leute kostenfrei teilhaben lassen kann an Aktionen. Man kann Echtzeit den Wahlkampf verfolgen, das war bisher so nicht möglich.
Zweitens, es geht Richtung Heterogenisierung, es gibt nicht mehr nur eine oder zwei Plattformen, sondern bis zu 20 Plattformen, auf denen eine Volkspartei aktiv sein muss. Von Dating-Plattformen für Schwule bis zu Instagram, Pinterest und so weiter.
Drittens wandert Kommunikation immer stärker ab in geschlossene Bereiche. Das heißt in Messenger-Dienste wie WhatsApp oder andere Messenger oder sehr gehypte Netzwerke wie Snapchat, wo die Öffentlichkeit, Journalisten, Analysten gar nicht mehr reinschauen können.

Ist direkte Ansprache der Wähler das Zauberwort?

Vom direkten Kontakt auf Augenhöhe mit den Politikern leben die sozialen Medien in diesem Bereich. Da liegen die Potentiale. Die meisten Politiker haben allerdings noch nicht verstanden, dass das hier keine Einbahnstraße ist, sondern ein dialogisches Miteinander.

Sind denn alle Parteien und Politiker unter ihren richtigen Namen unterwegs, also sind sie ehrlich?

Alle Politiker treten natürlich unter ihrem Namen auf, weil sie wieder erkannt werden wollen. Was ich allerdings schon beobachte ist, das Spitzenpolitiker den Eindruck erwecken dass sie selbst auf sozialen Netzwerken unterwegs sind, wo aber natürlich ein Team dahinter steht. Martin Schulz zum Beispiel macht das sehr intensiv, er schreibt immer "ich", aber er hat das gar nicht gesendet, sondern das macht sein Team. Ich als Berater sage immer, man kann nicht alles selbst machen, man braucht ein Team, auch für die Öffentlichkeitsarbeit, aber dann muss das transparent sein. Christian Lindner von der FDP als Gegenbeispiel hat eine klare Kennzeichnung, welche Postings von ihm kommen und welche von seinem Team. Dann weiß die Öffentlichkeit immer gleich, vom wem es kommt.

Ist diese Ehrlichkeit erfolgreich und warum?

Kein Mensch erwartet von einem Politiker, dass er 24 Stunden sieben Tage die Woche in den Sozialen Medien aktiv ist. Aber sie erwarten Ehrlichkeit, mit wem sie gerade kommunizieren, mit dem Praktikanten oder dem Kandidaten selber. Das wird, soweit ich das mitbekomme, auch honoriert.

Was sind die No-Gos, was sollten Politiker möglichst vermeiden?

Da gibt es eine ganze Reihe. Eins ist, die Medien nur in Wahlkampfzeiten zu nutzen, das erlebe ich ganz, ganz oft. Dass die Accounts in der Legislaturperiode einschlafen, nicht mehr genutzt werden. Ich sehe aber die größten Potentiale, Menschen zu begeistern und an Parteien und Politiker zu binden, zwischen den Wahlen. Da kann man zwischen der großen Berichterstattung den Leuten zeigen, was man eigentlich tut für das Land, welche Themen man bespricht. Dafür ist Social Media perfekt geeignet. Viele machen das halt nur in Wahlkampfzeiten und das kann nicht funktionieren.
Zweitens, dass man keinen Dialog pflegt sondern nur raus sendet, was man gerne kommuniziert haben möchte.  
Und drittens, dass Informationen nicht aufbereitet werden. Da wird manchmal eine Pressemitteilung geschrieben und eins zu eins ins Internet gekübelt. Auf Twitter, Facebook, wo auch immer. Und die muss natürlich schon auf das Netzwerk angepasst werden, aufbereitet, mit einem kurzen Video zu Beispiel. Das macht zwar Arbeit, ist aber erforderlich, um der Kultur des Netzes dann auch zu entsprechen.

Die Parteien nutzen immer mehr Technik und Wählerdaten, um beim Haustürwahlkampf gezielt Anhänger anzusprechen. Jüngstes Beispiel eine App aus Jena, die CDU-Wahlkampfhelfern sogar per GPS den Weg zeigt. Bringt das was?

Haustürwahlkämpfe sind seit vielen Jahrzehnten ein uraltes Instrument der Wählermobilisierung. Und seit vielen Jahren bieten Parteien Apps an. Was die Agentur aus Jena mit "Connect 17" für die CDU gebaut hat verbindet beides sehr innovativ. Sie haben Daten gesammelt und aggregiert, die zwar schon vorlagen, die jetzt aber in der Form eine neue Qualität haben. Die CDU-Wahlkämpfer, die sich diese App herunterladen wissen deshalb nicht nur straßen-, sondern sogar hausgenau, wo die Wahrscheinlichkeit besteht, einen CDU Wähler zu finden und wo man am effizientesten jemanden anspricht. Und dann hat diese App noch ein besonderes Gimmick: erstmals hat die Partei darin einen Rückkanal. Das heißt jeder Wahlkämpfer kann der Parteizentrale sofort zurückgeben, das und das wurde ich heute total oft gefragt, macht da mal was bei Facebook dazu, weil ich das Gefühl habe, dass da eine große Nachfrage existiert.

So etwas gab es bisher nicht. Die Partei hat so einen direkten Kanal zum Wahlhelfer, kann zum Beispiel ein Tagesmotto formulieren, "heute alle Personen zum Mindestlohn ansprechen". Und dann hat die App "Connect 17" auch noch einen spielerischen Ansatz: für jede Tür, die der Wahlkämpfer besucht hat, bekommt er Punkte. Und kann sich dann mit anderen Helfern vergleichen, das motiviert ungemein. Ich würde schon sagen, das ist die Killer-Applikation der CDU. Allein das reicht schon, da müssen die gar nicht mehr viel Online machen. Natürlich haben SPD und LINKE etwas Ähnliches, aber in der Breite und den Funktionalitäten ist das schon einzigartig.

Ist Ihnen aus Thüringen noch etwas anderes im Social Media Bereich aufgefallen?

Die Opposition hat ihre digitale Kommunikation extrem aufgebaut. Die CDU-Landtagsfraktion hat im Vergleich zu anderen Fraktionen in Deutschland eine sehr starke Videokommunikation.

Geht der Wahlkampf im Netz nach dem 24. September weiter oder schläft das wieder ein?

In den Netzwerken gibt es ja einen kontinuierlichen Wahlkampf, mal besser, mal schlechter. Ich habe die Hoffnung, dass er jetzt nicht einschläft, sondern dass man die Leute, die man jetzt begeistert hat, die zum Beispiel in die SPD eingetreten sind, dass man versucht, die in die Parteiarbeit zu integrieren.  

Um aus dem virtuellen Dialog dann eine reale Mitgliedschaft zu machen?

Die Mitgliedschaft wäre das Allerbeste. Aber ich denke, die Zukunft besteht darin, den Menschen Angebote zu machen für einen leichten Zugang zur Partei, ohne dass sie Mitglied werden müssen.

Martin Fuchs www.martin-fuchs.org
Twitter @wahl_beobachter
#Wahlplakatefromhell

Wie digital aktiv sind Thüringer Wahlkämpfer?

Als ein Indiz haben wir nachgeschaut, welche Bundestags-Direktkandidaten auf Twitter aktiv sind. Gefunden haben wir die sechs Spitzenkandidaten und 18 weitere Bewerber. Ihre Aktivität reicht von mehreren Tweets am Tag bis zu Pause seit Oktober 2016.
Nach Parteien sortiert sind sechs Grünen-Kandidaten auf Twitter sowie fünf von der SPD, je vier von CDU und Linke und drei AfD-Kandidaten. Bei der FDP, die bundesweit den Slogan "Digital first, Bedenken second" plakatiert, twittert Spitzenkandidat Thomas Kemmerich, aber auch Direktkandidat Ronald Krügel.
Bei kleineren Parteien oder parteilosen Bewerbern haben wir nur die Einzelkandidatin Marion Schneider im Wahlkreis Jena, Sömmerda, Weimarer Land mit einem Twitter-Account gefunden.

Hier die Übersicht der Twitter-Accounts Thüringer Direktkandidaten bei der Bundestagswahl (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Spitzenkandidaten


@manfred_grund (CDU)
@MartinaRenner (Linke)
@schneidercar (Carsten Schneider, SPD)
@stbrandner (Stephan Brandner, AfD)
@GoeringEckardt (Katrin Göring-Eckardt, Grüne)
@KemmerichThL (Thomas Kemmerich, FDP)

Weitere Direktkandidaten


@ChristianHirte (CDU)
@SCLemme (Steffen-Claudio Lemme, SPD)
@a_hundert (Andreas Hundertmark, Grüne)
@matschie (Christoph Matschie, SPD)
@TSchipanski (Tankred Schipanski, CDU)
@matschlegel (Matthias Schlegel, Grüne)
@RalfKalich (Linke)
@KaufmannAfD (Michael Kaufmann, AfD)
@StephanieErben (Grüne)
@frank_tempel (Linke)
@lier_e (Elisabeth Kaiser, SPD)
@andreas_leps (Grüne)
@MarkHauptmann (CDU) 
@Harzerkas (Steffen Harzer, Linke)
@ChristophZ93 (Christoph Zimmermann, SPD)
@Ludwig_AfD (Torsten Ludwig, AfD)
@RobertoKobelt (Grüne)
@SchneiderWk191 (Marion Schneider, Einzelkandidatin, Jena-SÖM, WE-Land)
@RonaldKruegel (FDP)
@LarsCSchroeder (Lars Christian SchröderFDP)

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags hieß es, Thomas L. Kemmerich sei der einzige twitternde FDP-Kandidat in Thüringen. Dabei sind auch die Direktkandidaten Ronald Krügel und Lars Christian Schröder auf Twitter aktiv. Wir haben den Fehler korrigiert.

Über dieses Thema berichtet MDR THÜRINGEN auch im Programm: MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22.08.2017 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2017, 12:40 Uhr

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