Europa- und Kommunalwahlen 2014 Erlebnisse als Wahlhelferin: "Kann ich das hier mal ablegen?"

Als eine von rund 3.000 Wahlhelfern hat MDR-Reporterin Michaela Schenk den Wahlsonntag in einem Wahllokal in Thüringen* verbracht. Aus ihrer Sicht eine sehr empfehlenswerte Erfahrung, beispielsweise für alle, die schon mal (legal) Wahlplakate entfernen wollten.

von Michaela Schenk

"Kann ich das hier mal ablegen?" "Das" ist knapp 60 Zentimeter groß und schaut uns mit großen Augen an. Ein Säugling, vielleicht sechs Monate alt, wird vor uns auf dem Tisch platziert. Die Mutter selbst hat jetzt alle Hände mit dem Wahlakt zu tun: Vier unterschiedliche Wahlzettel in vier unterschiedliche Wahlurnen. EU, Stadtrat, Ortsteil und Ortsteilrat. "Orientieren Sie sich an den Farben! Hier kommt der Helle rein, Ja, da der dicke Blaue, der dunkle ganz rechts und hier der Gelbe." "Prima, Danke, Auf Wiedersehen!"

So geht das fast pausenlos zwischen kurz nach acht bis 18 Uhr. Aber nicht immer so reibungslos wie bei dieser jungen Frau. Denn hier im Wahlbezirk wird nicht Kinderwagen, sondern überwiegend Rollator geschoben. Hier brauchen viele Wähler Geh- und Sehhilfe. Die blassen Farben der Wahlzettel aber sind nur schwer zu unterscheiden. Wer denkt sich so etwas aus? Um Fehlwürfe zu verhindern, hilft manchmal nur beherztes Handeln: Die eigene Hand muss schneller sein, um den Einwurf zu blocken. "Halt! Bitte diesen Wahlzettel hier herein!" Erleichterung auf beiden Seiten. Stimme gerettet.

Über 400 Mal gelangt die richtige Farbe in die richtige Urne. Über 400 Wähler geben ihre Stimmen ab. Das sind gerade einmal 30 Prozent der hier Wahlberechtigten. "Das ist mies", sagt Frau J. Das Desinteresse lässt sie als Wahlvorstand in diesem Wahllokal nicht kalt. Es ist ihre x-te Wahl in diesem Bezirk. Die 54-Jährige kennt hier viele der Gesichter und doch kein Erbarmen, wenn Ehepaare gemeinsam in der Wahlkabine verschwinden. "Junger Mann, das geht nicht! Die Wahl ist frei, aber doch geheim!" Mit resoluter Höflichkeit bringt Frau J. selbst ältere Herren zum Rückzug. Die städtische Angestellte ist routiniert im Umgang mit schwierigen Situationen. Frau J. arbeitet im Ordnungsamt.

Mit der Schere an die Wahlplakate

In unserem zehnköpfigen Team steht das Verhältnis fifty-fifty zwischen Erst-Wahlhelfern und Erfahrenen. Ein bunter Haufen von Frauen und Männern und Jahrgängen. Wahlvorstände wie Frau J. sind da ein Segen. Klare Ansagen am frühen Morgen, als aus dem Seniorentreff mit dem Aufstellen der Wahlkabinen und Versiegeln der Urnengefäße ein Wahllokal wird. Klare Ansage, als sie uns eine Schere in die Hand drückt: "Sie und Herr K. sorgen jetzt dafür, dass im Umkreis von 100 Metern um unser Wahllokal keine Wahlwerbung mehr zu sehen ist." Was keine Leiter braucht, hat keine Chance. Eine interessante Erfahrung in der hellen Morgensonne.

Der Wahlgang verlangt bis zuletzt volle Konzentration. "Hier den hellen Zettel, hier den dicken Blauen ..." Die im Wahlraum ausgehängten Muster-Wahlzettel wirken wenig. Der Wahlakt braucht seine Zeit, und viele der Wähler nehmen sie sich. Einige besetzen die Wahlkabine für fast eine halbe Stunde. Der Durchschnitt liegt bei sieben Minuten. Wir fangen das Rechnen an. Wenn tatsächlich alle Wahlberechtigten kämen, würde die Zeit nicht reichen! Geht das nicht einfacher? Vielleicht in ein paar Jahren schon. Herr K. plädiert für einen fest installierten Wahl-o-mat in den Wohnungen. Wählen vom Sofa aus. Vorausgesetzt, die Datenleitungen sind sicher….

Das große Auszählen beginnt

Um 18 Uhr ist für die Wähler von heute Schluss. Der Raum könnte Frischluft gebrauchen. Doch die Türen werden erst einmal verriegelt. Die Auszählung beginnt. "Eins, zwei, drei, vier ... zehn." EU, Ortsteilbürgermeister, Stadtrat, Ortsteilrat. Die Reihung ist festgelegt. "Eins, zwei, drei, vier... zehn." Immer wieder Zehnerstapel, Stapel nach Parteien, teilweise mehrfach gezählt, Stapel der ungültigen Stimmen, schließlich mehrere hundert einzelne Kandidatennamen. Jeder Zettel unter langsam müder werdenden Blicken. "Ihr liegt gut in der Zeit". Aus dem Mund von Frau J. ist das ein Maximallob. Sie hatte uns am Morgen eröffnet, dass keiner vor 24 Uhr nach Hause kann. Wir verabschieden uns schließlich um kurz vor 23:30 Uhr. Die letzte macht das Licht aus. Frau J. macht sich noch einmal auf den Weg zum zentralen Wahlbüro, ihren Kleinwagen voll bepackt mit den Kisten der ausgezählten, verschnürten und versiegelten Wahlzettel-Pakete und Protokolle. Bis Frau J. nach Hause kommt, ist es nach 0 Uhr. In wenigen Stunden will sie wieder im Büro sein.


*Wahlhelfer sind verpflichtet, das Wahlgeheimnis zu wahren. Deshalb fehlen präzisere Angaben zum Einsatzort der Autorin.

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2014, 08:55 Uhr

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1 Kommentar

26.05.2014 17:15 Tamico 1

Auch ich hatte das große (Glück) 10 Stunden in einem Wahllokal anwesend seien zu dürfen, Erschreckendes mußte ich feststellen! Unsere Volksvertreter und Regierenden werden nur noch von der Hälfte unserer Einwohner gewählt, von dieser Hälfte sind 2 Drittel Ü65! Junge Bürgerinnen und Bürger kann man an seinen 10 Fingern ab zählen und die Schicht zwischen 25 und 45 hält dich sehr zurück!