Porträt Der Weg des Bodo Ramelow

von Ludwig Kendzia

Es ist der Abend des 22. Mai 2005. In der Erfurter Wohnung von Bodo Ramelow wird frisch gekochter Spargel auf den Tisch gestellt. Nebenbei läuft der Fernseher mit der Live-Übertragung der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Ein schwarzer Tag für die deutsche Sozialdemokratie: Die SPD verliert ausgerechnet in einer ihrer Hochburgen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) verkündet noch am Abend, dass er im Bundestag die Vertrauensfrage stellen und damit Neuwahlen anberaumen wird. Das war es mit dem Spargelessen im Hause Ramelow. "Es war Nachts um eins, der Spargel war kalt und ich hatte meine Koffer für Berlin gepackt", erinnert sich Ramelow heute in einem MDR THÜRINGEN-Gespräch.

Wahlkampf-Organisator der PDS

Denn der Linke-Spitzenmann aus Thüringen hatte ein Jahr zuvor seine Partei erfolgreich wieder in den Landtag gebracht. Die Berliner Parteizentrale der damals noch existierenden PDS wurde auf Ramelow aufmerksam. Er sollte den anstehenden, für 2006 geplanten Bundestagswahlkampf organisieren. Doch mit der NRW-Wahl kam alles anders. Ramelow stemmte den Wahlkampf 2005 und schaffte das politische Kunststück einer Fusion von PDS und WASG zur Partei Die Linke. Damit hatte sich der am 16. Februar 1956 im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck geborene Ramelow sein innerparteiliches Denkmal gesetzt.

Schon früh sei er sozial geprägt worden, sagt er. Aufgewachsen ohne den Vater, der früh starb, sei soziales Mitdenken in der Familie geboten gewesen. Der Protestant Ramelow macht eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wird Vertriebsleiter in einem Handelsunternehmen und findet seine berufliche Bestimmung bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherung (HBV). 1990 kommt der Aufbauhelfer Ramelow aus Hessen nach Thüringen. Doch es dauert noch neun Jahre, bis er seinen Weg in die Politik findet. Er zieht 1999 für die SED-Nachfolgepartei PDS in den Thüringer Landtag ein.

Er attackiert, polemisiert, spitzt zu

Ramelow polarisiert schnell. Er ist einer der wenigen Thüringer Parlamentarier, der die freie Rede beherrscht. Er attackiert, polemisiert und spitzt zu. Erst kürzlich, am 18. Juli 2014 bei der Erwiderung auf die letzte Regierungserklärung von CDU-Regierungschefin Christine Lieberknecht im Landtag liefert er sich ein Wortgefecht mit CDU-Fraktionschef Mike Mohring:

Ramelow: "Das kommt mir so vor, wie Mike Mohring zu Herrn Matschie sagt, mit ihm sei Margot Honecker in die Schule zurückgekehrt... Ich finde das empörend. Sie schämen sich ja nicht einmal, sie twittern das noch..."

Mohring: "Du hast es nicht verstanden, Junge."

Ramelow: "Ihr Junge bin ich nicht!"

2009 schon einmal kurz davor, Regierungschef zu werden

Doch Ramelow musste auch einstecken. Im November 2009, drei Monate nach der Landtagwahl, tritt der damalige SPD-Landeschef Christoph Matschie vor die Kameras und verkündet nach einer Vorstandssitzung, dass seine Partei Koalitionsverhandlungen mit der CDU aufnehmen werde. Eine der bittersten Stunden in der politischen Laufbahn von Ramelow. Er hatte Zugeständnis um Zugeständnis in Richtung Matschie gemacht, um eine rot-rote Koalition hinzubekommen. Am Ende sollten die Sozialdemokraten sogar einen eigenen Ministerpräsidenten-Kandidaten bestimmen dürfen, obwohl sie der kleinere Partner waren. Alles half nichts.

Bodo Ramelow (Die Linke) legt am 05.12.2014 im Landtag in Erfurt (Thüringen) vor der Fahne des Freistaates Thüringen den Amtseid ab.
Ramelow legt am 5. Dezember 2014 im Thüringer Landtag den Amtseid als Ministerpräsident ab. Bildrechte: dpa

Das hat sich 2014 geändert. Der Koalitionsvertrag zwischen Linke, SPD und Grünen steht. Trotz aller Debatten in der Linken um den Begriff des DDR-Unrechtsstaat und Ramelows Idee, das KPD-Verbot aufzuheben. Eine Aktion, die an der Linken-Basis sicher nicht schlecht angekommen ist, aber in der Bundes- und Landesspitze für kollektives Kopfschütteln sorgte. Grundtenor: Wir wollen eine rot-rot-grüne Regierung unter Führung eines ersten linken Ministerpräsidenten installieren und die Hauptfigur versteigt sich in einem Interview im "Neuen Deutschland" in Wiederbelebungsversuche einer seit 60 Jahren verbotenen Partei. Diese teilweise politischen Harakiri-Aktionen gehören auch zu Ramelow Biographie. Freunde bescheinigen ihm ein hohes Maß Empathie, aber auch Unberechenbarkeit und cholerische Ausbrüchen. 

Nach seiner Wahl am 5. Dezember zum Ministerpräsidenten wird sich das Leben für ihn und seine dritte Ehefrau, der Italienerin Germana Alberti vom Hofe, ändern. Trotzdem, so sagte er es dem MDR vor der Wahl, wolle er sich kleine Freiheiten erhalten. Besonders das Wandern mit seinem Jack Russel Terrier "Attila". Zeit für das gemütliche Spargelessen wird aber möglicherweise weniger haben.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2014, 14:57 Uhr