Bodo Ramelow gewählt
Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner

Reportage von der Wahl Bodo Ramelows "Kein historischer Tag" im Thüringer Landtag

Der gebürtige Niedersachse Bodo Ramelow hat es als erster Linke-Politiker geschafft, Ministerpräsident einer rot-rot-grünen Koalition zu werden. Im zweiten Wahlgang stimmte im Thüringer Landtag in Erfurt eine hauchdünne Mehrheit für ihn.

von Ulrike Kaliner

Bodo Ramelow gewählt
Bildrechte: MDR/Ulrike Kaliner

Es ist keine Landtagssitzung wie jede andere an diesem Dezembertag in Erfurt. Polizisten lassen sich vor dem Parlamentsgebäude mit ernster Miene von Reportern die Presseausweise zeigen. Die technisch aufgerüsteten Wagen der Fernsehsender reihen sich im Hintergrund zu einer langen Schlange. Auf der Tagesordnung des Landtags steht heute als erster Punkt: Wahl des Ministerpräsidenten. Es könnte der erste Linke-Regierungschef eines deutschen Bundeslandes sein. Seit Wochen bestimmt die "Skandal-Wahl", wie sie die "Bild"-Zeitung nennt, bundesweit die Berichterstattung.

Der Kandidat Bodo Ramelow ist schon gute eineinhalb Stunden vor der Sitzung da. Im Stechschritt eilt er über die Flure, für Interviews hat der 58-Jährige jetzt keine Zeit. Ein Polizist mit einem Sprengstoff-Spürhund sucht derweil den Sitzungssaal und die Besuchertribüne ab. Während der Schäferhund schnüffelt, treffen nach und nach die Abgeordneten ein. An diesem Freitag ist der Landtag vollzählig, keines seiner Mitglieder lässt sich die Wahl entgehen.

Politiker ohne Landtagsmandat verfolgen das Geschehen von der Tribüne aus - unter ihnen sind der Linke-Fraktionschef im Bundestag, Gregor Gysi, und der Thüringer SPD-Vorsitzende Andreas Bausewein, einer der Väter dieser rot-rot-grünen Koalition. Ramelows Frau, die Italienerin Germana Alberti vom Hofe, hat den künftigen "First Dog" mitgebracht. "Komm Attila, wir sind da, wir haben die Karten, gehen wir", sagt sie - und zieht an der roten Leine. Der Jack-Russel-Terrier darf allerdings nicht mit Frauchen auf die Tribüne. Er wirkt von dem Medienrummel ohnehin eingeschüchtert.

Für diesen Tag haben sich mehr als 300 Journalisten akkreditiert. Ein Teil hat sich gleich nach Öffnung des Landtags um 8 Uhr Plätze auf der Tribüne reserviert. Als Bodo Ramelow wenige Minuten vor 10 Uhr den Sitzungssaal betritt, warten schon ein gutes Dutzend Fotografen und Kameraleute auf ihn. Sie umkreisen ihn, als er an seinem Platz ankommt. Ramelow strahlt. Fast könnte man glauben, er wäre schön gewählter Ministerpräsident.

In alphabetischer Reihenfolge werden dann die Abgeordneten im Sekundentakt aufgerufen, um in geheimer Wahl ihre Stimme abzugeben. Es gibt nur einen Vorschlag - den von Linken, SPD und Grünen. Als Ramelow an der Reihe ist, lässt er die Hand mit seinem Wahlzettel über dem Schlitz der Wahlurne verharren - lächelnd blickt er in die Kameras, die auf ihn gerichtet sind.

Ich habe schon T-Shirts kontrollieren können, alles okay.

Landtagspräsident Christian Carius (CDU), nachdem in der vorangegangenen Sitzung eine Abgeordnete mit Anti-AfD- und Anti-Nazi-Oberteilen aufgefallen war, die jedoch laut Hausordnung verboten sind

Doch die Ernüchterung folgt nur wenige Minuten später. Landtagspräsident Christian Carius liest laut vor, dass 91 Stimmen abgegeben wurden und eine davon ungültig ist. Auf den einzigen Kandidaten Bodo Ramelow entallen: 45 Stimmen. Eine fehlt. Der Linke-Politiker ist im ersten Wahlgang gescheitert.

Die Prozedur beginnt von vorne. Journalisten blicken angespannt auf ihre Handys, Laptops und Uhren. Gibt es jetzt Gewissheit? Minuten später ist klar: Im zweiten Wahlgang erhält Bodo Ramelow 46 von 90 gültigen Stimmen - exakt so viele Abgeordnete hat die rot-rot-grüne Koalition. Ein breites Grinsen vertreibt die Anspannung von Ramelows Gesicht. Er hebt die Hände und blickt nach unten, als wolle er sagen: Hat ja doch noch geklappt. Seine Fraktion und die Koalitionspartner jubeln und applaudieren, manche springen von den Drehstühlen. Linke-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow drückt den neuen Regierungschef als erste. Die scheidende CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht gratuliert umgehend.

Seinen ersten Auftritt als Ministerpräsident nutzt Ramelow für eine staatsmännische Geste an Kritiker - und bittet die Opfer des SED-Regimes um Entschuldigung. Dabei spricht er persönlich einen Freund an, den einst die DDR-Staatssicherheit gefangen hielt. "Lieber Andreas Möller: Dir und allen Deinen Kameraden kann ich nur die Bitte um Entschuldigung übermittlen." Der 70-Jährige aus Arnstadt nimmt an - er sieht der Landtagssitzung von der Tribüne des Plenarsaals zu.

Der gebürtige Niedersachse Ramelow weiß um das Misstrauen, das viele Menschen seiner Partei an der Spitze einer Landesregierung entgegenbringen. "Heute ist kein historischer Tag. Der war gestern vor 25 Jahren, als während der Revolution in Erfurt die Stasi-Zentrale besetzt wurde", sagt er. Der Prozess 1989 habe erst möglich gemacht, dass er heute im Landtag stehe.

Nach der Wahl wird die Sitzung unterbrochen. Draußen auf den Gängen holen Reporter die Politiker vor die Fernsehkameras. Ein großartiger Tag, auf gar keinen Fall ein Denkzettel trotz des Scheiterns im ersten Wahlgang - die Linke-Abgeordnete Hennig-Wellsow reagiert erwartunsgegemäß begeistert. Gregor Gysi spricht gar von einem Dammbruch. CDU-Fraktionschef Mike Mohring, Ramelows langjähriger Kontrahent, findet ganz andere Worte: Es sei ein trauriger Tag für Thüringen. Über Rot-Rot-Grün sagt er: "Es ist ein fragiles Bündnis, das keine Zukunft hat." SPD-Landeschef Bausewein will nicht zu viele Worte über den Wahlkrimi verlieren: "Ende gut, alles gut", sagt er. Die Koalition habe keine Signalwirkung für den Bund und auch nicht für andere Länder, betont er.

Dann geht es weiter im Landtag, Bodo Ramelow stellt sein Kabinett vor. Zwischen Ministervereidigung und Händeschütteln ist ihm anzumerken: Für ihn geht mit dem Einzug in die Staatskanzlei in der Erfurter Regierungsstraße 73 ein Traum in Erfüllung. Noch mit der eigenen Ernennungsurkunde in der Hand ernennt er seine Ministerriege - fünf Frauen und vier Männer, davon drei mit SED-Vergangenheit. Sie setzen sich am Nachmittag zur ersten Kabinettssitzung zusammen. Bodo Ramelow will endlich regieren.

Doch nach der bestandenen Feuertaufe bei der Ministerpräsidentenwahl bleibt nicht viel Zeit, bis die nächste Prüfung bevorsteht: Thüringen hat noch keinen Haushalt für 2015. Auch dafür hat das rot-rot-grüne Bündnis bestenfalls 46 Stimmen gegen 34 der CDU und elf der AfD.

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2014, 11:35 Uhr