Mitglieder von Burschenschaften tragen Fackeln
Burschenschafts-Treffen in Eisenach Bildrechte: dpa

Burschenschaften gestern und heute 200 Jahre Wartburgfest in Eisenach

In Eisenach wird 2017 nicht nur an 500 Jahre Reformation erinnert, es ist auch das Jahr des ersten Wartburgfestes studentischer Burschenschaften vor 200 Jahren. Bis heute wird über Burschenschaften und ihre historische sowie gesellschaftspolitische Rolle kontrovers diskutiert.

von Gerd Nettelroth

Mitglieder von Burschenschaften tragen Fackeln
Burschenschafts-Treffen in Eisenach Bildrechte: dpa

Was sind Burschenschaften?

Burschenschaften sind studentische Verbindungen. Ihre Entstehung Anfang des 19. Jahrhunderts ist eng mit dem Krieg gegen die französische Besatzung und der Stadt Jena verknüpft. Heute existieren mehrere hundert Burschenschaften an fast allen deutschen Universitäten. Viele, aber längst nicht alle sind "pflichtschlagend", das heißt, dass die männlichen Mitglieder fechten müssen.

Wer traf sich damals und warum?

Anlässlich des 300. Jahrestages des Beginns der Reformation und des vierten Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig trafen sich Studenten beinahe aller evangelischen deutschen Universitäten am 18. Oktober 1817 auf der Wartburg in Eisenach. Die Versammlung der rund 500 Studenten und einiger Professoren war eine Protestkundgebung gegen reaktionäre Politik und Kleinstaaterei und eine Demonstration für einen Nationalstaat mit eigener Verfassung.

Warum trafen sich die Studenten ausgerechnet auf der Wartburg?

Als Zufluchtsort Martin Luthers galt die Wartburg als deutsches Nationalsymbol. Zudem wurde die Wartburg wegen ihrer Nähe zur Universität Jena und wegen der liberalen Einstellung von Großherzog Karl August als Versammlungsort gewählt. Am 12. Juni 1815 war im Jenaer Gasthaus "Grüne Tanne" von Studenten die erste deutsche Burschenschaft gegründet. Ihr folgten weitere Gründungen in vielen deutschen Städten.

Burschenschaften - Deutschtümelei oder demokratischer Kampfgeist?

Das Burschenschaftsdenkmal und die Wartburg über der Stadt Eisenach.
Das Burschenschaftsdenkmal in Eisenach Bildrechte: MDR/Karsten Böttger

Hört man Burschenschaft, denkt man schnell an elitäres und nationalistisches Gehabe. Doch das war nicht immer so. Einst waren sie Wegbereiter für Demokratie und Meinungsfreiheit. Vor 200 Jahren galten Burschenschafter als Opposition, als fortschrittliche Revolutionäre, die sogar gegen Verbote kämpfen mussten. Die ersten Burschenschaften begründeten zudem die deutschen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold. Es sind die Farben der Ur-Burschenschaft. Nach dem Verbot der Burschenschaft gab es Spaltungen, die sich politisch unterschiedlich positionierten. Die Burschenschaften blieben aber zentraler Teil der Nationalbewegung - vom Hambacher Fest bis zur Paulskirche. Nach der Gründung des Deutschen Reiches wurden die Korporationen staatstragend (das heißt: für viele wichtige Staatsämter wurde die Mitgliedschaft in einem exklusiven Corps zu einer wichtigen Zugangsvoraussetzung) und pflegten einen zunehmend aggressiven Nationalismus.

Die Burschenschaft im Wandel der Zeit - was hat sich geändert ?

Heinrich Heine, einst selbst Burschenschafter, schrieb über das Wartburgfest 1817:

Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! (…) Auf der Wartburg herrschte jener beschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand, und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste als Bücher zu verbrennen!

Antisemitismus und völkisches Denken wurde auch später in Burschenschaften gelebt, wie in den meisten Korporationen der Kaiserzeit ab 1870/1871. So verwundert es nicht, dass Burschenschafter mit den Nationalsozialisten sympathisierten und sich teils mit ihnen gemein gemacht haben. Fakt ist aber auch, dass Burschenschaften von den Nationalsozialisten aufgelöst wurden, und es Burschenschafter im Widerstand gab. Auch die DDR verbot Verbindungen. Viel zitiert wird diesbezüglich ein Satz von Bernhard Vogel, Ex-Ministerpräsident Thüringens:

Wo Burschenschaft verboten ist, herrscht Unfreiheit!

Wie sind die heutigen Burschenschaften politisch einzuordnen?

Eine Gruppe Männer zieht mit Fackeln auf einen Berg zu einem Denkmal.
Burschenschafter mit Fackeln in Eisenach. Bildrechte: MDR/Axel Hemmerling

Einige Burschenschaften stehen wegen enger Verbindungen in die rechtsextreme Szene in der Kritik. In der jüngeren Vergangenheit sorgten deutschtümelnde Burschenschaften zudem mit obskuren Diskussionen für Aufsehen. So wurde zum Beispiel 2013 bei einem Treffen in Jena darüber debattiert, wer "deutsch" genug sei, um Burschenschafter zu sein. Viele Studentenverbindungen sind deshalb aus dem Dachverband, der "Deutschen Burschenschaft" ausgetreten. - Darunter auch liberale Burschenschaften, wie die Jenaer Burschenschaften Arminia, Teutonia und Germania.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2017, 05:00 Uhr

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14 Kommentare

23.10.2017 11:59 andre 14

Man wehrt sich vehement gegen die rechtsradikale Keule und will mit denen nicht´s zu tun haben aber auf der anderen Seite sieht man nicht ein, dass aus gewissen Handlungen heraus eben genau jener Eindruck entsteht! Man singt alle Strophen des Deutschlandliedes, man nimmt Widerstandskämpfer nicht in seine heroischen Reihen auf, beschwert sich aber ständig, dass man in die rechte Ecke gedrückt wird, ist ein bisschen einfach oder?
Traditionen sind gut und wichtig aber sie sollten mit der bis heute geschehenen Geschichte im Einklang stehen!

23.10.2017 11:56 Stefan (Der) 13

@12.Timm Luckhardt: Danke für diesen Kommentar. Das kann ich nur unterschreiben. Besonders die Abhängigkeit Heines von seinem Onkel und Gönner Salomon Heine lässt tief in den Charakter von H. Heine blicken. Ein Dichter und Denker durch und durch, als unabhängiger Geschäftsmann ein Totalausfall.

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