Bionik-Zentrum in Waltershausen Schüler spicken bei der Natur

Den praktischen Klettverschluss kennt jeder, ob am Jackenärmel und am Sportschuh. Das ist angewandte Bionik. Das Kunstwort verbindet Biologie und Technik und bedeutet, von der Natur zu lernen und ihre Funktionsweisen auf Technik zu übertragen. In einem neuen Bionikzentrum in Waltershausen soll das jetzt Schülerinnen und Schülern nahe gebracht werden.

von Ruth Breer

Victoria und Luise schauen sich das Skelett einer menschlichen Hand an - wie viele Knochen, wo sitzen die Gelenke? Vor ihnen steht das technische Produkt: eine Roboterhand. Auch sie soll funktionieren wie beim Menschen, soll greifen, drehen, umfassen können. Als Zwischenschritt gibt es eine Hand aus Papier: Durch kleine Strohhalmstücke verlaufen Fäden - zieht man an ihnen, greift die Hand zu.

Zwei junge Frauen sitzen an einem Tisch und schauen in Papiere. Eine hält die Nachbildung einer Knochenhand in der Hand
Erst mal das Prinzip sanften Greifens der menschlichen Hand verstehen - damit es sich auf Roboter übertragen lässt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Mit Arbeitsblättern und in einer Experimentieranleitung tasten sich die beiden Zehntklässlerinnen der Regelschule Waltershausen Schritt für Schritt voran - wie ihre Mitschüler. In Zweierteams haben sie sich im Raum verteilt, jedes Team bearbeitet an diesem Vormittag ein Thema: Sensorik, Leichtbau oder Aerodynamik.

Lernen von der Fischflosse

Jugendliche sitzen an einem Tisch
Unterricht einmal anders: Konstruktionstricks der Natur erkunden Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Vom "Fin Ray Effekt" hatten Aline und Sarah Luisa noch nie etwas gehört. Am Mittag werden sie ihrer Klasse vier Minuten lang präsentieren, was das ist, nämlich Lernen von der Fischflosse. Wie so eine Flosse aufgebaut ist, haben die beiden aus Papier nachgebaut. Auf seitlichen Druck biegt sich die Flosse um den Finger herum, schließt ihn ein. Genutzt wird dieses Prinzip in der Technik beispielsweise dazu, empfindliche Objekte vorsichtig aufzunehmen und zu transportieren. Starre Greifer, so haben Aline und Sarah Luisa ausprobiert, sind da klar unterlegen.

So viel Zeit mit einem Experiment zu verbringen, ist im normalen Schulunterricht kaum möglich. 12 bis 15 verschiedene Phänomene können die jungen Leute im Bionikzentrum untersuchen. Ideen, Arbeitsblätter und Versuchsaufbau stammen von Bernd Schorr. Der Pädagoge und Ingenieur ist seit fünf Jahren mit seinen Metallkoffern überregional in Sachen Bionik zu Projekttagen in Schulen unterwegs. Das will er auch weiter sein - aber jetzt gibt es ein festes Quartier für junge Forscher im Schülerzentrum der Firma Contitech in Waltershausen.

Getragen wird dieses Bionikzentrum vom Unternehmen, das die Räume mietfrei zur Verfügung stellt sowie zwei Vereinen, die sich der beruflichen Bildung verschrieben haben, dem "FöBi - Verein zur Förderung und Bildung Jugendlicher" in Gotha und dem Verein BOWACO ("Förderverein zur praktischen Berufsorientierung von Schülern und Jugendlichen") in Waltershausen. Denn letztlich geht es darum, jungen Leuten Naturwissenschaften und Technik nahezubringen und sie für eine Ausbildung in der Region zu interessieren.

Wettstreit um die besten Köpfe

 Brückenartige Holzkonstruktion mit mehreren Querachsen vor einer Plastikkiste mit Bauarbeiterhelmen in einem Raum mit grau-weißer Wand.
Ein Modell für angehende Brückenbauer Bildrechte: MDR/Ruth Breer

So hat der Verein BOWACO, dem 60 Unternehmen im Raum Waltershausen angehören, mit Hilfe des FöBi-Bildungszentrums für rund 440 Schülerinnen und Schüler der fünf Schulen der Region die Berufsorientierung organisiert - bis hin zu "Schülerarbeitsplätzen" für die Betriebspraktika in den Klassen 9 und 10. Damit habe man auf die geburtenschwachen Jahrgänge reagiert, so Contitech-Werkleiter Klaus Faßler. Hatten sich einst 200 junge Leute auf die 20 Lehrstellen beworben, sind es heute gerade mal 20. Um beim "Wettstreit um die besten Köpfe" vorn zu liegen und das Unternehmen bekannter zu machen, seien berufsorientierende Programme und auch das Bionikzentrum gut geeignet, meint Faßler. Inzwischen hätten vier bis fünf der 20 Contitech-Lehrlinge das Unternehmen schon während ihrer Schulzeit kennengelernt.

Die Experimentierangebote im Bionikzentrum in Waltershausen sollen künftig überregional ausstrahlen. Wie sich Fahrten hierher von den Schulen finanziert lassen könnten, darüber wird noch nachgedacht. Es gibt Gespräche mit Schulämtern und dem Ministerium. Auch eine Übernachtung im Lehrlingswohnheim sei im Grunde möglich für zweitägige Exkursionen, meint Bernd Schorr. Er hat auch Lehrerfortbildungen im Auge, denn Bionik gehört zum Thüringer Lehrplan. Und Klaus Faßler würde gern Auszubildende aus Lehrwerkstätten anderer Unternehmen in Waltershausen begrüßen. Denn Bionik sei einfach spannend.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | Thüringen Journal | 17. Oktober 2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2017, 17:52 Uhr

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