NSU-Prozess Wohlleben beantwortet Fragen zu Kindheit und Jugend

Einen Tag nach seiner Aussage im Münchner NSU-Prozess hat der mitangeklagte frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben erste Fragen des Gerichts beantwortet. Am letzten Verhandlungstag vor der Weihnachtspause gab der 40-Jährige am Donnerstag weitere Einblicke in seine Kindheit und Jugend.

Mit gestohlenen Autos nach Österreich

Wohlleben, der nach eigener Aussage eine strenge Erziehung genoss, schilderte unter anderem, wie er mit 17 Jahren mit dem Gesetz in Konflikt kam. Damals hätten er und andere Jungs aus seiner Jenaer Clique, zu denen auch der mutmaßliche NSU-Mörder Uwe Böhnhardt gehörte, in Gera zwei Autos gestohlen. Mit ihnen seien sie anschließend bis zur deutsch-österreichischen Grenze gefahren. Die Autos hätten sie in einem Steinbruch abgestellt und seien dann zu Fuß nach Österreich gegangen. Dort habe die Polizei sie aufgegriffen und zurückgebracht.

Keine Anstellung wegen NPD-Tätigkeit

ie Angeklagten Holger G. (l) und Ralf Wohlleben im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern)
Wohlleben (Archivbild) hat Fragen zu Kindheit und Jugend beantwortet. Bildrechte: dpa

Zu seinen politischen Aktivitäten als NPD-Funktionär seit den 1990er-Jahren stellte das Gericht Wohlleben am Donnerstag noch keine Fragen. Sie spielten aber dennoch eine Rolle, als sich der Vorsitzende Richter Manfred Götzl nach dessen beruflichem Werdegang erkundigte. Wohlleben sagte, er habe ein Praktikum bei einer Computerfirma absolviert und an einer Webseite für ein Autohaus mitgearbeitet. Im Gästeforum der Webseite habe dann jemand einen Eintrag über seine NPD-Tätigkeit hinterlassen, sagte Wohlleben. Das Autohaus habe darüber seinen Chef bei der Computerfirma informiert. Der wiederum "wollte nicht ins Fadenkreuz irgendwelcher antifaschistischer Aktivitäten geraten" und habe ihm darum keine feste Stelle gegeben.

Wohlleben beantwortete auch Fragen zu seinem Privatleben. Zum Verhältnis zu seiner Ehefrau sagte er: "Ich würd's als sehr gut bezeichnen." Das sehe man daran, "dass sie mich hier unterstützt und in der Haft besucht". Seine Frau hat während der bisher 252 Verhandlungstage immer wieder als Angeklagtenbeistand neben ihm im Gericht gesessen.

Vorwurf der Beihilfe zum Mord

Wohlleben ist einer der fünf Angeklagten des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht München. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, die Mordwaffe vom Typ "Ceska" organisiert zu haben. Mit dieser Pistole sollen neun der zehn dem "Nationalsozialistischen Untergrund" angelastete Morde begangene worden sein. Laut Anklage soll Wohlleben außerdem eine "steuernde Zentralfigur" hinter dem NSU gewesen sein. Beides hatte Wohlleben in seiner Aussage am Mittwoch zurückgewiesen. Mit ihr hatte der seit 2011 in Untersuchungshaft sitzende Jenenser erstmals sein Schweigen gebrochen.

Mitte Januar wird es konkret

Zum konkreten Tatvorwurf soll Wohlleben erst von Mitte Januar an vom Gericht befragt werden. Dann werden auch die schriftlichen Antworten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe auf die umfangreichen Nachfragen des Gerichts auf deren Aussage erwartet. Zschäpe hatte ihr jahrelanges Schweigen in der vergangenen Woche aufgegeben und dort ihren Anwalt eine umfangreiche Erklärung verlesen lassen.

Zuletzt aktualisiert: 16. Dezember 2015, 20:16 Uhr

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4 Kommentare

18.12.2015 19:50 Rudi Hess 4

Wer hier noch glaubt, diesen rechtsextremen Mordgehilfen Wohlleben als "Ehrenmann" darstellen zu können, ist auf dem Holzweg. Dieser NPD-Führer hat bei dieser verbrecherischen Mordserie nicht den "Unwissenden" gespielt. Ich gehe davon aus, dass im Verbotsverfahren gegen die NPD seine kriminelle Rolle noch deutlicher beleuchtet wird. .

18.12.2015 11:28 Nach wievielen Verhandlungstagen fragt man sas? 3

Na sicherlich hatte er eine schlechte Kindheit, die prägend für serin späteres Handeln war...(da gabs doch immer mildernde Umstände?)

17.12.2015 20:19 Gab es Tee und Gebäck? Wir haben schließlich Weihnachten. 2

"Wohlleben beantwortet Fragen zu Kindheit und Jugend" - Das ist schön, daß der Familiengedanke im deutschen Rechtswesen noch so hoch gehalten wird - gab es Tee und Gebäck? Nach ca. 2, gefühlt aber 20 Jahren, scheint es jetzt mit Riesenschritten voran zu gehen: Die ersten wichtigen Zeugen werden knallhart zu ihrer Biografie befragt. Das ist toll. Gisela Friedrichsen (SPIEGEL) hat recht: Die Prozessführung ist eine musterhafte Analogie auf Merkeldeutschland und an Armseligkeit und Unentschlossenheit nicht mehr zu überbieten. Eingeschlossen die Tatsache, daß dem Gericht erst nach fast 22 Monaten aufgefallen ist, daß eine Nebenklägerin physisch nicht existent ist....

17.12.2015 19:09 Steiner 1

Dieser führende NPD-Vormann hat sich jahrelang Zeit gelassen und jetzt kommt er mit einem Statement, das niemanden überrascht. Er leugnet seine Verstrickung an den Verbrechen des rechtsradikalen NSU. So dumm kann niemand sein, um ihm auch nur ein einziges Sterbenswörtchen als Wahrheit abzunehmen. Dieser Mann bleibt bei seiner verwahrlosten Gesinnung und hoffentlich noch 30 Jahre im Knast.