Zwei Kaninchen im Käfig auf einer Wiese
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Wissenswertes | 20.09. Akupunktur für Haustiere

Nachdem sich die alternative Heilmethode in der Humanmedizin erst seit den 1960er Jahren auch im westlichen Kulturkreis verbreitet hat, findet die Akupunktur inzwischen ebenfalls in der Veterinärmedizin immer mehr Anhänger.

Zwei Kaninchen im Käfig auf einer Wiese
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Tierärzte und Tierheilpraktiker verwenden dabei dieselben Nadeln wie für den Menschen und passen die Akupunkturpunkte an die anatomischen und physiologischen Gegebenheiten der Tiere an. 

Was ist Akupunktur?

Die Einheit von Körper und Geist bildet die Grundlage für den ganzheitlichen Ansatz in der Traditionellen Chinesischen Medizin und damit auch für die Akupunktur. Im Wechselspiel zwischen den beiden Polen Yin und Yang fließt die Lebensenergie Qi auf sogenannten Meridianen durch den Organismus. Solange sich Yin und Yang im Gleichgewicht befinden, ist dieser Energiefluss ungestört und das Lebewesen gesund. Bei Störungen dieses Gleichgewichtes setzt die Akupunktur an. Feine Nadeln werden an bestimmte Punkte gesetzt und üben dort einen stimulierenden Reiz aus, um Blockaden zu lösen und die Energie wieder frei fließen zu lassen. Jeder Akupunkturpunkt ist dabei einem bestimmten Organ zugeordnet, das durch die Reizung in seiner Funktion beeinflusst werden kann. Bei der Nadelung wird das Gewebe nur auseinandergedrückt und nicht verletzt. Der Einstich ist kaum schmerzhaft und regt die Ausschüttung von körpereigenen Stoffen wie Endorphinen (Glückshormonen) an. Nach dem Einstich sollte die Nadel etwa 20 Minuten lang wirken. Akupunktur ist ein wirksames Mittel zur Schmerzlinderung, zudem wirkt sie entspannend, vor allem auf die Muskulatur, aktiviert das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte des Organismus.

Für welche Tiere ist Akupunktur geeignet?

Islandpferd auf einer Koppel
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Prinzipiell kann Akupunktur bei jedem Tier angewendet werden, das sich anfassen und damit untersuchen und behandeln lässt. Vor allem Pferde, Hunde und zunehmend auch Katzen werden dieser Behandlung unterzogen, ebenso Kaninchen und Papageien. Selbst bei Nutztieren wie Rindern, Schafen oder Schweinen ist Akupunktur möglich, wird aber aus wirtschaftlichen Gründen selten durchgeführt. Inzwischen gibt es eigene Akupunktur-Körperatlanten für verschiedene Tierarten. Damit der Tierarzt weiß, wo er die Nadeln ansetzen muss, untersucht er das Tier gründlich und befragt den Halter nach Krankheits-geschichte, Lebensumständen und Ernährungsgewohnheiten.

Wobei kann Akupunktur helfen?

Leiden Tiere unter Stress, Ängsten, Verdauungsproblemen, Entzündungen, Lähmungen oder Schmerzen, kann Akupunktur eine sinnvolle Ergänzung zur schulmedizinischen Behandlung sein. Auch bei Arthrose, Hüftdysplasie, Bandscheibenvorfall oder anderen Gelenk- und Rückenproblemen sowie Folgen von Züchtungsfehlern schaffen die Nadeln Linderung. Die alternative Heilmethode kann des Weiteren bei verschiedenen Organproblemen helfen, so bei Atemwegserkrankungen, Hautproblemen, Augenkrankheiten, Hörstörungen und Harninkontinenz. Sinnvoll ist die Anwendung ebenso bei psychisch oder hormonell bedingten Problemen wie Reizbarkeit und Aggressivität, Erschöpfung und Depressionen sowie bei Zyklusstörungen bei der Hündin. Darüber hinaus wird Akupunktur eine positive Wirkung gegen Altersbeschwerden, Immunschwäche, Allergien, gestörte Wundheilung und bei Epilepsie nachgesagt. Sie fördert die Regeneration von Zellen, Sehnen und Gelenken und wirkt stimulierend auf einige Wachstumsfaktoren.

Welche Risiken und Nebenwirkungen gibt es?

Wenn die Akupunktur von einem speziell ausgebildeten Tierarzt fachgerecht angewendet wird, sind keine Risiken oder Nebenwirkungen zu erwarten. Natürlich hat die Methode auch ihre Grenzen. Akupunktur hilft nicht bei Krebs, Tumoren, multipler Sklerose, bei Schlaganfällen, allergischem Schock, Magendrehungen, Organversagen, Knochenbruch oder Sehnenriss. Hier könnte die Stimulation die Krankheit sogar verschlimmern. Übrigens ist die Bezeichnung Tierheilpraktiker in Deutschland bisher gesetzlich nicht geschützt. Vor der Behandlung ihres Tieres sollten sich also Tierhalter nach Ausbildung und Erfahrung des Behandelnden erkundigen.

Welche Varianten sind möglich?

Manchmal ist es bei einer Akupunktur-Behandlung sinnvoll, Wärme in den Tierkörper zu leiten. Dabei wird Beifußkraut auf das Griffstück der Nadel gesteckt und angezündet. Das Beifußkraut brennt sehr langsam ab und führt so Hitze zum Akupunkturpunkt. Auch Strom kann dorthin geleitet werden. Bei der Neuraltherapie gibt der Tierarzt Injektionen in die Akupunkturpunkte. Eine Sonderform ist die Ohr-Akupunktur an bestimmten Punkten der Ohrmuschel, die immer begleitend zur Körper-Akupunktur angewendet wird. Eine Alternative zur Nadelung ist die völlig schmerzfreie Laser-Akupunktur. Die Verwendung von Laserlicht statt Nadeln eignet sich besonders für scheue und ängstliche Tiere. Eine weitere Alternative ist die Akupressur, bei der lediglich stumpfer Fingerdruck auf die Akupunkturstellen ausgeübt wird. Bei schmerzhaften chronischen Erkrankungen des Bewegungsapparates kann die sogenannte Goldakupunktur angewendet werden. Dabei werden dem Tier kleine Golddrahtstückchen an gelenknahen Akupunkturpunkten dauerhaft implantiert. Dazu ist eine Narkose notwendig. Dafür hält die Wirkung langfristig an. Bei der Implantation besteht jedoch ein geringes Verletzungsrisiko an Blutgefäßen und Gelenken.

Warum ist Akupunktur umstritten?

Körpermodell mit Akupunkturpunkten und Nadeln
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Wie andere Alternativmedizin wird auch Akupunktur kontrovers diskutiert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein Energienetz von Meridianen in Körpern von Lebewesen nicht nachweisbar. Akupunktur-Gegner bestreiten deren Wirkung und behaupten, durch Nadeln würden nur zusätzliche Verletzungen zugefügt. Sie gestehen der Heilmethode lediglich einen Placebo-Effekt zu, also allein eine Besserung durch den Glauben an die Heilung. Doch immer mehr Tierhalter suchen in  der Naturheilkunde Alternativen zur üblichen Veterinärmedizin, bei der Antibiotika, Cortison und regelmäßige Mehrfachimpfungen zum Alltag gehören. Eine Akupunkturbehandlung bei Hund oder Katze kostet ca. 50 bis 80 Euro, bei Pferden bis zu 100 Euro. Die Anzahl der Behandlungen hängt in erster Linie von der Art der Beschwerden ab. Therapieerfolge stellen sich meist nach drei bis zwölf Akupunktur-Anwendungen ein. Langfristig können sich dadurch teure Medikamente einsparen lassen. In der Humanmedizin werden Akupunkturbehandlungen seit 2007 im Rahmen eines schmerztherapeutischen Gesamtkonzeptes von den deutschen Krankenkassen bezahlt. Wissenschaftliche Studien zur Wirkung von Akupunktur bei Tieren, die zu endgültigen Schlussfolgerungen führen können, liegen bisher nicht ausreichend vor.

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2017, 18:05 Uhr