Doku-Soap | MDR FERNSEHEN | 31.01.2013 | 19:50 Uhr | Live-Stream & Mediathek : Gitterblick oder Was ist Freiheit?
Acht Monate haben Insassen der JVA Dresden und Leute von draußen ein gemeinsames Theaterstück eingeübt - jetzt ist Premiere. Die Doku-Soap begleitet das mutige Projekt und wirft einen Blick hinter Gitter.
Im April 2012 wagen sich 20 Menschen hinter die Mauern eines Ortes, den sonst keiner freiwillig betritt: die Justizvollzugsanstalt Dresden. Unter ihnen: Studenten, Beamte, Pensionäre, Auszubildende, Krankenpfleger - ganz normale Leute eben. Sie folgen einem Aufruf in der Zeitung. Sie kommen fortan regelmäßig, jede Woche mindestens einmal. Und sie treffen auf 20 Gefangene der JVA. Drogendelikte, Diebstahl, Betrug, Heiratsschwindel, schwere Körperverletzung, Menschenraub, Mord - für diese Straftaten sitzen sie hinter Gittern - von wenigen Monaten bis lebenslänglich.
Das Projekt "Richtungswechsel"
Acht Monate Zeit haben alle, um ein Theaterstück auf die Beine zu stellen. Die beiden Kunsttherapeutinnen der JVA, Yvonne und Antje, wagen gemeinsam mit zwei freiberuflichen Choreografen, Ka und David, das Experiment. Für das Stück mit dem Titel "Richtungswechsel" gibt es kein Textbuch, keine Vorlage - es gibt nur das Thema.
Folge 4: Premiere
40 Leute starteten vor acht Monaten mit den Proben, jetzt sind noch 33 im Theaterprojekt. Fünf von draußen haben keine Zeit mehr, der Choreograf, der am Anfang dabei war, wurde krank und Daniel und Nicole, inzwischen aus der JVA entlassen, kommen nicht mehr zu den Proben.
Draußen - der schwere Anfang
Antje Grüner, die Kunsttherapeutin der JVA, erlebt zum ersten Mal, was die Entlassenen die ersten Tage und Wochen draußen erleben. Bisher spielten sich die Projekte nur drinnen ab, wer entlassen war, kam nicht mehr zu den Proben. Bei diesem Projekt ist es zum ersten Mal ganz anders: Nicole und Daniel, beide vor kurzem aus der JVA entlassen, nehmen die erste Zeit noch an den Proben teil, erzählen von ihren Nöten und Sorgen. Beide schaffen den Spagat zwischen den beiden Welten nicht lange und geben die Proben auf. Vor allem Nicole geht es draußen schlecht, alles fällt ihr schwer. Zur Lehre von der Arbeitsagentur geht sie nicht mehr, sie kämpft mit schwersten Depressionen, doch noch ist sie nicht bereit, Hilfe anzunehmen.
Daniel macht eine Ausbildung zum Lageristen, sein neues Leben hat er mit guten Vorsätzen begonnen, sein Traum ist es, sich ein eigenes Auto zu kaufen.
Ist der "Richtungswechsel" gelungen?
Die Anspannung am Tag der Premiere ist bei allen groß. Therapeuten, Choreografen, die Projektteilnehmer von drinnen und von draußen, alle haben den Wunsch, zu zeigen, was sie in den acht Monaten gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Wird es gelingen, dass die Zuschauer nicht erkennt, wer inhaftiert und wer nicht inhaftiert ist?
250 Besucher passen in die Turnhalle, der Eintritt ist frei. Durch Hinweise in der Presse und im Internet erfahren Interessierte von dem Projekt, die Vorstellungen sind schnell ausgebucht, obwohl sich die Besucher mit Personal-Ausweis-Nummer anmelden, Kontrollen über sich ergehen und sieben Tore und Türen bis zur Turnhalle passieren müssen.
Was sich den Zuschauern bietet, ist kein üblicher Theaterabend mit auswendig gelernten Texten oder Vorlagen. Es sind Bilder, Improvisationen, die während der Annäherung der zwei Welten in der Probezeit entstanden.



