So 30.12. 2012 17:15Uhr 45:00 min

MDR FERNSEHEN So, 30.12.2012 17:15 18:00

DDR vereist

DDR vereist

Einsatz an der Winterfront

  • VT-Untertitel
  • Stereo
  • 16:9 Format
Film von Nils Werner

Ungeräumte Straßen, eingefrorene Leitungen, Havarien bei der Fernwärme: Der Winter stellte die DDR Führung regelmäßig vor Probleme. Ab Mitte der 60er-Jahre wird von der DDR-Führung ein zentraler, staatlich organisierter Winterdienst aufgebaut. Ganze Belegschaften wurden dafür aus den Betrieben abgestellt, um den Kollegen vom Räumdienst oder der VEB Stadtwirtschaft unter die Arme zu greifen. Doch wie meisterte die Bevölkerung die Tücken und Herausforderungen des Problemfalls Winter? Wie wurde beim kollektiven Schneeschippen die vielbeschworene sozialistische Menschengemeinschaft wirklich erlebt? Und welche Erlebnisse aus dem ganz normalen Alltag blieben bis heute in Erinnerung?

Da, wo es im Winter am längsten und kältesten in der DDR ist, die Schneemassen und Schneeverwehungen am höchsten sind, wird der Kampf um freie Straßen für Bus- und Autokarawanen mit allen Mitteln und unter Einsatz schwerster sibirischer Technik geführt. Oberwiesenthal, die über Jahrhunderte abgeschiedene Region, das 'Dach der DDR', ruft Ende der 60er-Jahre das Politbüro zum neuen Zentrum der DDR-Massentouristik aus. Den Straßen, einst gebaut als schmale Pass- und Verbindungsstraßen zwischen kleinen Dörfern, bekommen die neuen Zeiten schlecht. Gegen Hinterlassenschaften des Winters und gegen die zuständige Bezirksdirektion Straßenwesen, im Volksmund gern "Flickkonzern" genannt, formiert sich jedoch bald Widerstand.

Als der Norden der DDR 1978/79 im Schnee versinkt, machen sich Männer aus dem Süden auf und bieten als Einzelne einem "Jahrhundertwinter" die Stirn. Silvester 1978 fahren sie auf sowjetischen Turbofräsen vom südlichsten Zipfel der DDR mit 40 km pro Stunde durch Schneestürme, auf menschenleeren Autobahnen bis nach Rügen. Erkunden zum ersten Mal Schneepflugtechnik der Deutschen Reichsbahn unter Extrembedingungen. Und erleben Angst, Glück, absurde Momente, Sekunden, die über Erfolg oder Katastrophe entscheiden.

Ob 1963, 1968 oder 1979, in Wintern mit dauerhaften Temperaturen unter Minus 10 Grad, zeigt sich immer das gleiche Bild: leere Dieseltanks, stillstehende Kohlebagger und Förderbänder in den Brikettfabriken. Mehrfach wird der Katastrophenzustand ausgerufen, Zehntausende zum Winterdienst in Tagebauen, auf Schienen, Bahnhöfen, Straßen abkommandiert. Bis es Anfang/Mitte der 80er Jahre unübersehbar an allen Ecken und Enden hakt. Im Januar 1987 sitzen in Halle-Silberhöhe Tausende in eiskalten Wohnungen bei Außentemperaturen von Minus 25 Grad, in Dresden sorgt ein Stromausfall für den dauerhaften Untergang des städtischen Abwassersystems. Die Elbe wird bis zur Wende Deutschlands größter Abwasserkanal.

Die Mängel im Großen, die jeder neue harte Winter unmissverständlich zu Tage befördert, werden im Kleinen ausgeglichen durch Tricks und Kniffe. Fehlende, geborstene Windschutzscheiben werden, Marke Eigenbau, durch Plexiglas ersetzt - unter Mitwirkung eines ordentlichen Backofens. Kohlenklau, privat und in Betrieben, wird neues Zeichen der Zeit. Vom Bürgermeister bis zum Reichsbahner kämpft jeder an seiner eigenen, "privaten" Winterfront.