Programm

Gitterblick (1/4)

oder Was ist Freiheit?

Datum Sendezeit Länge
Fr., 11.01. 09:45 Uhr 24:30 min

25 Menschen wagen sich im April 2012 hinter die Mauern eines Ortes, den keiner sonst freiwillig betritt: Die Justizvollzugsanstalt Dresden. Unter ihnen: Studenten, Beamte, Pensionäre, Auszubildende, Krankenpfleger - ganz normale Leute einfach. Sie folgen einem Aufruf in der Zeitung. Sie kommen fortan regelmäßig, jede Woche mindestens einmal. Und sie treffen auf 25 Gefangene der JVA. Drogendelikte, Diebstahl, Betrug, Heiratsschwindel, schwere Körperverletzung, Menschenraub, Mord - für diese Straftaten sitzen sie hinter Gittern - von wenigen Monaten bis zu lebenslänglich.

Acht Monate haben sie, um gemeinsam ein Theaterstück auf die Beine zu stellen. "Richtungswechsel" haben die beiden angestellten Kunsttherapeutinnen der JVA, Yvonne und Antje, das einmalige Vorhaben genannt. Gemeinsam mit zwei freiberuflichen Choreografen, Ka und David, wagen sie das Experiment. Für ihr Theaterstück gibt es kein Textbuch, es gibt keine Vorlage - es gibt nur das Thema "Richtungswechsel". Aus gemeinsamen Ideen soll ein halbes Jahr später ein Theaterabend entstehen, der in der Turnhalle der JVA einem öffentlichen Publikum gezeigt wird. "Gitterblick" ist der einmalige Blick hinter die Mauern einer Stadt. Wer sind die Menschen, die sich an so einem Projekt beteiligen, was bedeuten diese Treffen einmal pro Woche für sie? Das erste Treffen ist geprägt von distanzierter Neugierde.

Rico verbringt schon Jahre in seiner Zelle. Für ihn ist der Tag der Probe der einzige Tag in der Woche, auf den er sich freut, und auch die Bediensteten der JVA merken, dass das Theater einen anderen Menschen aus ihm macht. Da kann er die Hülle des harten Mannes ablegen, da kann er die verletzlichen Seiten seines Charakters zeigen, die er im Gefängnis sonst gut verbirgt. Oder Mehmet, der stolze Kurde, der eine Würde und Intelligenz ausstrahlt, die einem auch draußen nicht so oft begegnet. In der Türkei war er Lehrer. Dann kam er nach Deutschland. In seiner Zelle sieht man an der Größe der Pflanzen, wie lange er schon da wohnt. Die Gefangenen der JVA Dresden wählten ihn zum Chef im Gefangenenrat. Und er lässt es sich nicht nehmen, zu jeder Probe entweder köstlichen türkischen Tee anzubieten oder kurdischen Honig - ein Gebäck, welches er vom wenigen Taschengeld in der Küche der Gefangenen herstellt.

Oder Sunny, sie ist absoluter Fußballfan. Ihre Zelle blitzt vor Sauberkeit. Sie weiß: Das ist das erste und letzte Mal hinter Gittern. Sie scheut sich vor keiner schweren Arbeit. Dass sie Vorarbeiterin in der Wäscherei der JVA geworden ist, erfüllt sie mit Stolz. Und beim Theaterprojekt wird vielleicht ein wunderbarer Traum für sie wahr werden. Findet sie ihre große Liebe? Das sind nur drei von den Menschen, denen die Menschen von draußen in den acht Monaten ihrer regelmäßigen Besuche hinter Gittern begegnen.

Was ist Strafe? - das ist die große Frage, die sich die von "draußen" immer wieder stellen, denn sie erleben keine Monster, sondern die Menschen, die hinter finsteren Schlagzeilen in Zeitungen stehen. Sie erfahren Biografien und hören von Scheitern und Grenzüberschreitungen. Und auf einmal stellen sie sich Fragen: Was kann Gefängnis heute leisten? Wer sollte wie "bestraft" werden? Therapie statt Strafe? Warum wird einer straffällig? Wo liegt eigene Verantwortung? Wo sollte eine Gesellschaft ansetzen, um Straftaten zu verhindern? Ist Gefängnis die richtige Lösung oder entlässt es die Menschen nicht so wie sie gekommen sind? Was tun? Was passiert, wenn einer entlassen wird?

In der Zeit ihrer Treffen werden tatsächlich einige der Gefangenen entlassen: Nicole, die wegen Drogen und Beschaffungskriminalität zwei Jahre ihres Lebens hinter Gittern verschenkte, die vom ersten Tag an in Freiheit kämpft und zwischendurch sogar einmal die Sehnsucht nach dem geordneten Leben hinter Gittern hat. Sie kommt regelmäßig zum Theater - erst als Gefangene, später als "Freie". Trotzdem wird sie die Premiere nicht mitspielen ... Daniel, der schon viele Gefängnisse von innen gesehen hat und diesmal beschloss: Das war das letzte Mal. Der Anfang draußen ist vielversprechend: eine Lehre, eine Wohnung, Bekannte, die ihm helfen. Er hat ein sonniges Gemüt, doch das ordentliche Leben in Freiheit ist schwer.

Und drinnen spielen sich Dramen ab. Beim Theater dürfen sich Frauen und Männer treffen - und so entstehen auch Liebespaare. Die einen auf Zeit, die anderen mit der großen Hoffnung: für immer ... Ein Damoklesschwert hängt über dem ganzen Projekt: Alle Frauen der JVA Dresden sollen nach Chemnitz verlegt werden. Erst hieß es: Ende des Jahres, dann auf einmal in acht Wochen, dann: sofort. Wer darf bleiben, wer darf gehen? Am Ende werden von den 50 Leuten noch 40 da sein. Sie werden tanzen, rappen, eigene Texte vortragen, improvisieren - ob es einen "Richtungswechsel" gegeben hat, das wird die Zeit zeigen. Aber der Blick hinter die Gitter der Stadt wird unvergesslich bleiben.

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