Zum Film "Thomas Müntzer" 10.07.2017 | 22:05 Uhr | MDR FERNSEHEN Interview mit Ralf Schenk

Anlässlich der Bildschirm-Premiere von "Thomas Müntzer" spricht DEFA-Vorstand Ralf Schenk über die aufwändige Arbeit der Film-Restauration, verschwundene Film-Rollen und das, was ihn auch heute noch an diesem Film bewegt.

Wann haben Sie selbst "Thomas Müntzer" zum ersten Mal gesehen? Wussten Sie zu dem Zeitpunkt von den Geschehnissen um den Film?

Ralf Schenk, Vorstand der DEFA-Stiftung in Berlin
Bildrechte: DEFA-Stftung

Ich vermute, dass ich "Thomas Müntzer" zum ersten Mal als Kind im Testprogramm des Deutschen Fernsehfunks gesehen habe. Das muss um 1962 gewesen sein, die Sendungen fanden am frühen Nachmittag statt und dienten, wie der Name schon sagt, technischen Messzwecken. Natürlich alles noch in Schwarzweiß...  – Damals war ich von den Massenszenen schwer beeindruckt, zum Beispiel von den langen Totalen der Schlachtfelder, nach der Niederlage der Bauern. Und von den feindlichen Heeren, die erbittert miteinander ringen. Der Regisseur Martin Hellberg hatte ja tausende Statisten zur Verfügung. Dass viele von ihnen Armeeangehörige waren, die zur DEFA abkommandiert wurden, wusste ich damals nicht. Und welche politischen Bedenken es vor und während der Entstehung des Films gab, war mir natürlich auch nicht bekannt.

Die DDR wollte vom Gedanken der deutschen Einheit nichts mehr wissen, nicht mal in einem alten DEFA-Film. Wir haben die dabei "getilgten" Szenen im Bundesarchiv gefunden und wieder eingefügt.

Ralf Schenk, DEFA Vorstand

 Was bewegt Sie heute, wenn Sie den Film in ganzer Länge sehen?

Szene aus dem Film
Szene aus dem Film "Thomas Müntzer" Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/Manfred Klawikowski

Mich bewegt der Aufwand, der getrieben wurde, um die Zeit des Bauernkrieges filmisch zu verdichten. Mich bewegt das Pathos, der Feuereifer, die Verzückung, mit der der westdeutsche Hauptdarsteller Wolfgang Stumpf den Müntzer spielt. Ich finde, dass der Film bis in kleine Rollen hervorragend besetzt ist. Solche Darstellerinnen und Darsteller wie Wolf Kaiser und Ruth Maria Kubitschek wieder zu sehen, macht schon Spaß ... – Mich bewegt, dass es die Figur des Martin Luther nur in die Dialoge, nicht aber in die Handlung selbst geschafft hat: Hinter den Kulissen der DEFA stritt man sich nämlich erbittert darüber, ob Luther nun ein "Verräter" der "fortschrittlichen" Bauern sei oder doch nicht. 

Bewegend finde ich, wie stark der Dichter Friedrich Wolf, nach dessen Schauspiel der Film entstand, seine Hoffnung auf eine deutsche Wiedervereinigung einbrachte. Mehrere Szenen, in denen davon die Rede ist, dass der revolutionäre Funke aus Thüringen und Sachsen-Anhalt überspringen muss zu "unseren Brüdern am Main und Rhein", wurden dann in den 1970er-Jahren aus dem Film herausgeschnitten. Da wollte die DDR vom Gedanken der deutschen Einheit nichts mehr wissen, nicht mal in einem alten DEFA-Film. Wir haben die dabei "getilgten" Szenen im Bundesarchiv gefunden und wieder eingefügt.

 Wer kommt auf die Idee, gerade diesen Film zu restaurieren? Sie allein?

Nein, wir beraten in der DEFA-Stiftung, auch gemeinsam mit unseren Partnern Progress und Icestorm, welche von den über 5.000 DEFA-Spiel-, Dokumentar- und Trickfilmen aktuell digitalisiert und restauriert werden. Das kostet ja viel Geld, wir schaffen jedes Jahr nur einen Bruchteil der DEFA-Überlieferungen und setzen demzufolge Prioritäten. Welche Filme wollen Fernsehsender ausstrahlen? Welche sind als DVD-Veröffentlichung geplant? Bei welchen ist das alte Material so fragil, dass wir es dringend sichern müssen? Welche wollen wir aus historischen und ästhetischen Gründen fürs digitale Abspiel in den Kinos zur Verfügung stellen? Nicht zuletzt geht es darum, ob sich zu bestimmten Anlässen die Wiederaufführung von Filmen anbietet, wie im Zusammenhang mit 500 Jahren Reformation Martin Hellbergs Klassiker "Thomas Müntzer" (1955).

Solche eine Restaurierung ist eine Sisyphusarbeit. Wie viele Menschen sind denn damit beschäftigt und wie gehen Sie vor?

Das ist ein langer Prozess, den ich hier nur resümierend darstellen kann. Grundsätzlich nutzen wir das Originalnegativ, das im Bundesarchiv lagert. Dieses Negativ geht, zusammen mit einer Positivkopie und den dazu gehörigen Tonmaterialien, zu einem unserer Bearbeiter. Das sind Firmen, die sich speziell mit Filmdigitalisierung befassen und dabei in den letzten Jahren schon gute Erfahrungen sammeln konnten. Dort wird das Ausgangsmaterials technisch begutachtet, daran schließt sich der digitale Scanprozess an. Gleichzeitig findet die eigentliche Kleinarbeit statt, sodass Schmutz, Schrammen, Klebestellen im „Digitalisat“ nicht mehr sichtbar sind. Manchmal entdecken wir, dass die Materialien aus dem Bundesarchiv unterschiedliche Längen oder sonstige Unregelmäßigkeiten aufweisen. Wir sehen in den Produktions- und Zensurakten nach, zum Beispiel welche Schnitte angeordnet wurden. Wir suchen auch nach geschnittenen Szenen, um den Film möglichst genau so wieder herzustellen, wie er einst zur Premiere gelaufen ist.

Eine der Original-Filmrollen war nicht mehr auffindbar. Wie hat der Restaurator dieses Problem gelöst?

Alle vorhandenen 35-mm-Materialien wurden auf ihre Länge hin geprüft. Danach haben wir ein alternatives Quellmaterial für den Ersatz der fehlenden Rolle(n) bestimmt. Tatsächlich ist das Originalnegativ von "Thomas Müntzer" nur unvollständig überliefert. Andere Materialien waren um eine ganze Rolle länger. Bereits die Tonquelle, eine kombinierte Kopie, war deutlich länger und, wie sich herausstellte, um eine Rolle vollständiger. Im Zuge der vergleichenden Sichtung stellten wir fest, dass die Qualität des Duplikatnegativs am besten für eine Ergänzung des Bildes geeignet war. Nach dem Scan der vollständigen ganzen Bildrolle aus dem Duplikat wurden die zusätzlichen Sequenzen digital eingefügt und durch Farbkorrektur und Retusche an das restliche Bild angeglichen.Warum im Originalnegativ eine komplette Filmrolle fehlte, blieb auch nach Aktenstudium unklar.

Gibt es noch DEFA-Schätze, die zu heben wären? Welche planen Sie in nächster Zeit zu heben?

Keine Frage: Das DEFA-Filmerbe birgt noch zahlreiche Schätze. So hoffen wir, unter anderem mit Unterstützung der ostdeutschen Bundesländer Filme digitalisieren und restaurieren zu können, die eng mit der Geschichte des jeweiligen Landes zu tun haben. Immerhin gibt es allein rund 2.000 Filme und Wochenschaubeiträge, die zwischen 1946 und 1990 in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gedreht wurden: ein noch längst nicht gehobener Schatz an Zeit-, Lebens- und Welterfahrung. – Konkret sind wir zur Zeit unter anderem dabei, alle Spielfilme von Konrad Wolf in einer Box zu vereinen, darunter auch den in der Wismut gedrehten und verbotenen Film „Sonnensucher“ (1958) sowie Wolfs Debüt, das im Vogtland entstandene musikalische Lustspiel "Einmal ist keinmal" (1955). Außerdem haben wir gerade Werner W. Wallroths und Rudi Strahls Komödie "Du und ich und Klein-Paris" (1970) digitalisiert, ein Film, der in Leipzig gedreht wurde, lange vergessen war und dessen knallbunte Farben nun in schönster Pop-Art leuchten. In der Hauptrolle: der junge Jaecki Schwarz.

 Was wünschen Sie sich, wie und wo das Filmerbe der DEFA im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleibt?

 Ich freue mich darüber, DEFA-Filmen regelmäßig im Kino, im Fernsehen, auf DVD oder VoD wiederzubegegnen. Wir organisieren Filmreihen auf Festivals, bis hin nach Japan und in die USA. Wir publizieren Bücher, geben Zeitzeugengespräche mit Regisseuren, Autoren, Kameraleuten, Schauspielern und anderen Mitarbeitern der DEFA in Auftrag. Das ist natürlich alles kein Selbstzweck, sondern dient der Wiederentdeckung und Popularisierung dieses Teils des deutschen Filmerbes. Wir finden nämlich, dass der Filmstock der DEFA eine unschätzbare Quelle für politische, kulturelle, soziale, soziologische Entdeckungen zur deutschen Kultur-und Kinogeschichte darstellt. Nostalgie betreiben wir übrigens nicht, sondern eine sachliche und kritische Annäherung an ein Kulturprodukt, das eng mit den politischen Wellenbewegungen zwischen 1946 und 1990 verbunden war – und oft auch sehr eng mit den Zuschauern, für die es gemacht wurde.

Ralf Schenk Der Journalist, Filmkritiker, Filmhistoriker und Autor Ralf Schenk (geb. 1956) ist seit 2012 Vorstand der DEFA-Stiftung. Ab 1979 arbeitete er als Redakteur der Zeitschriften Film und Fernsehen, Die Weltbühne sowie Wochenpost in Berlin und schrieb außerdem für den Filmspiegel und Das Magazin. Nach 1990 war er u.a. Mitarbeiter des Filmmuseums Potsdam und Redakteur und Herausgeber von Büchern zur Geschichte des Films, besonders zur Historie der DEFA.

Darüber hinaus hat er rund ein Dutzend TV-Dokumentationen zur deutschen und internationalen Filmgeschichte für den ORB und den MDR produziert. r arbeitet regelmäßig an der Zeitschrift film-dienst sowie am CineGraph-Lexikon des deutschen Films und am "Internationalen Lexikon des Kinder- und Jugendfilms" mit. Für die Zeitschrift "Theater der Zeit" schrieb er 2012–15 die monatliche Filmkolumne. Seit 2014 ist er Mitglied des Filmbeirats beim Goethe-Institut.

Seit 2004 gehört er zur Auswahlkommission für den Spielfilmwettbewerb der Berlinale. Von 2004 bis 2006 war er auch Mitglied der Auswahlkommission von DOK Leipzig. Sein besonderer Schwerpunkt liegt neben der DEFA-Geschichte auf dem osteuropäischen Kino in Vergangenheit und Gegenwart.

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2017, 10:43 Uhr

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