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Schulbildung

Hilft das DDR-Schulsystem aus der PISA-Krise?

Unmittelbar nach der Wende hatten viele Westpädagogen ein großes Interesse an den Strukturen des DDR-Schulwesens. Doch der Wissensdurst hielt nicht lange an. Mit der Wiedervereinigung wurde das westdeutsche Schulsystem eingeführt und die DDR-Schule schnell tabuisiert. Berechtigte Kritik an der Ideologisierung vieler Unterrichtsbereiche führte zu einer durchgängigen Ablehnung, die keine Unterschiede mehr duldete. Lehrerinnen und Lehrer aus der DDR, die ihren Job behielten, stellten sich auf den westdeutschen Lehrplan ein und vermieden tunlichst jede Kritik daran. Wer es dennoch tat und vorschlug, einige Bestandteile der DDR-Schule wieder einzuführen, stieß auf Ablehnung oder wurde erst gar nicht gehört.

Kinderpädagogik und Kopfnoten

Natürlich darf die DDR und ihre weltanschaulich durchtränkte Pädagogik nicht glorifiziert werden. Dennoch kann durchaus anerkannt werden, dass das Bildungssystem auch seine guten Seiten hatte. So war es zum Beispiel übersichtlicher aufgebaut als das heutige. Kinderpädagogische Maßnahmen setzen nicht erst in der 1. Klasse ein, sondern schon im Kindergarten. Der Unterricht war umfassend aufgebaut und praxisorientiert. Zudem war er straffer organisiert. Das Abitur wurde bereits nach zwölf Jahren erreicht, ohne dass sich Wissensdifferenzen zwischen ost- und westdeutschen Schülerinnen und Schülern ausmachen lassen. Zudem wurden mit den so genannten Kopfnoten neben den Wissensleistungen auch Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung bewertet. Doch von all dem wollte lange Zeit niemand mehr etwas wissen.

PISA und seine Folgen
Zum Umdenken mussten elf Jahre vergehen, bis 2001 der PISA-Schock kam. Bei dem internationalen Vergleich schnitten die deutschen Schülerinnen und Schüler in den drei Kategorien Lesen, Schreiben und Naturwissenschaften durchweg schlecht ab und belegten nur die hinteren Plätze. Bei Pädagogen und Bildungspolitikern schrillten die Alarmglocken. Mit einem Mal wurden die Mängel des Bildungssystems und die unzureichende Schulbildung offenbar. Dies belegt auch eine Beobachtung der Umschau, die erst kürzlich bei Lehrstellenbewerbern erhebliche Wissenslücken festgestellt hat (siehe Linkbox).

Überraschung in Finnland

Auf der Suche nach Auswegen aus dem Bildungsdilemma gewinnt das DDR-System inzwischen langsam wieder an Beachtung. Doch der Weg zu dieser Erkenntnis war weit und führte über Finnland. Das Land im hohen Norden galt den Bildungsverantwortlichen hier zu Lande nämlich als leuchtendes Vorbild. Schließlich hatten die finnischen Schülerinnen und Schüler bei PISA überall sehr gut abgeschnitten. Von Finnland lernen heißt also Lehren lernen? Nicht schlecht staunten aber die deutschen Vertreter, als sie erfuhren, dass sich die Finnen beim Aufbau ihres Bildungssystems in vielem an einem anderen Land orientiert haben - der DDR!

Seit den 60-er Jahren bereisten nämlich zahlreiche Kommissionen aus dem Norden die DDR, um deren Schulwesen zu studieren. Überzeugt davon, dass der pädagogischen Ansatz zu guten Ergebnissen führen kann, wurde die finnische Schule u.a. nach DDR-Vorbild aufgebaut. Ob dies allein zu dem hervorragen Abschneiden der Finnen bei PISA geführt hat, kann nicht nachgewiesen werden. Doch dass eine effektive Wissensvermittlung auch auf dem Wesen des Schulsystems beruht, ist aber kaum von der Hand zu weisen.

Vieles kommt wieder

Mittlerweile besinnt man sich vor allem in Mitteldeutschland wieder auf alte Werte. Neben Kopfnoten wurde das Abi nach zwölf Jahren wieder eingeführt. Die Lehrpläne wurden gestrafft und besser strukturiert. In Sachsen setzt man zudem auf stärkeren Praxisbezug. So wurde hier das Unterrichtsfach "Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales (WTH)" eingeführt, das an das DDR-Fach "Praktische Arbeit" (PA) erinnert. Außerdem gibt es im Freistaat ein Pilotprojekt zur Wiedereinführung der Berufsausbildung mit Abitur. Und seit PISA wird in der gesamten Bundesrepublik auch wieder über die Notwendigkeit von pädagogischen Schritten vor dem Schuleintritt diskutiert.

Fazit

Wohl kaum jemand wünscht sich die DDR und ihr Schulsystem komplett zurück. Die Rückbesinnung auf sinnvolle Bestandteile kann jedoch dazu beitragen, unser heutiges Bildungswesen moderner und leistungsfähiger zu machen.

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2005, 09:57 Uhr

 

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