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Umschau extra | 19.06.2012 | 20:15 Uhr : Illegaler Antiken-Handel blüht

Obwohl die Aus- und Einfuhr von altertümlichen Kulturgütern in vielen Ländern verboten ist, tauchen in Deutschland immer wieder solche Stücke auf. Gefälschte Frachtdokumente und Unkenntnis bei den Zollbehörden ermöglichen den illegalen Handel. Auf diese Weise gehen wichtige und unersetzbare Mosaikteile zur Entschlüsselung des Weltkulturerbes verloren.

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Begehrtes Raubgut: Eine möglicherweise illegal nach Deutschland importierte 4.000 Jahre alte Keilschrifttafel aus Mesopotamien.

In Deutschland werden viele Antiken gehandelt, meistens auf Versteigerungen. Darunter sind auch immer wieder Stücke aus dem Irak. Auf dessen Territorium erstreckte sich vor über 4.000 Jahren das Zweistromland Mesopotamien mit der bekannten Stadt Babylon. Deshalb verfügt der Irak über viele antike Kunstschätze.

Während unserer Recherchen finden wir im Katalog des Auktionshauses "Kunst der Antike" in München beispielsweise eine 4.000 Jahre Keilschrifttafel aus der mesopotamischen Stadt Ur bei Babylon. Die Inschrift der Tafel beschäftigt sich mit der Abrechnung von Gewändern. Bei der Auktion wechselte die Keilschrifttafel für 1.200 Euro den Besitzer. Das Auktionshaus setzte an diesem Tag mehr als drei Millionen Euro um.

Handelsverbot mit Antiken besteht seit über 100 Jahren

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Fürchtet um das Kulturerbe der Menschheit: Archäologe Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz.

Seit 1869 ist der Handel mit Antiken im Osmanischen Reich, dem späteren Irak, verboten. "Wenn man nicht nachweist, dass vor 1869 ausgeführt wurde oder keine Exportlizenz des Herkunftslandes vorweisen kann, dann ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass es sich um eine illegale Herkunft handelt", erklärt Archäologe Michael Müller-Karpe.
Im Fall der Keilschrifttafel exisiteren diese Nachweise nicht. Das Bayerische Landeskriminalamt ermittelt inzwischen wegen des Verdachts der Antikenhehlerei. Beschlagnahmt wurde die Antike jedoch nicht. Im Bundeskriminalamt versuchen drei Beamte, den illegalen Handel mit Antiken in Deutschland zu bekämpfen. Der Archäologe Michael Müller-Karpe beschreibt den Schaden: "Wer diese Antiken kauft, finanziert damit künftige Raubgrabungen. Kulturerbe wird zerstört."

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Illegaler Antiken-Handel blüht in Deutschland

Schrifttafeln, Schwerter, Vasen: die Hehlerei mit Antiquitäten blüht hierzulande. Experten sehen das Weltkulturerbe in Gefahr, das BKA ist mit den Ermittlungen überfordert.

19.06.2012, 20:15 Uhr | 06:57 min

Schmuggler bringen Antiken außer Landes

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Kämpft gegen die Antiken-Hehlerei: BKA-Ermittlerin Silvelie Karfeld.

Auf welchem Weg die Keilschrifttafel nach Deutschland gekommen ist, ist noch unklar. Aber möglicherweise hat die Tafel den gleichen Weg zurückgelegt wie eine andere Antike, die aus der mesopotamischen Stadt Ur, südlich von Bagdad, stammt. Dabei handelt es sich um eine 4.000 Jahre alte Ankeraxt. Sie trägt die Inschrift, die den König als Herrscher beschreibt. Diese Axt wurde aus den heute mit Wüstensand bedeckten irakischen Kulturstätten südlich von Bagdad geraubt, wahrscheinlich im Februar 2002. Die Axt wird zunächst vom Irak Richtung Norden entlang des Flusses Euphrats durch Syrien in die südtürkische Stadt Gaziantep geschmuggelt. "Die Routen sind die gleichen, die auch für andere illegale Geschäfte genutzt werden", erklärt Silvelie Karfeld vom Bundeskriminalamt. In Gaziantep nimmt ein türkischer Antikenhändler die Axt entgegen. Denn er will sie an einen Kölner Kunsthändler verkaufen: zusammen mit einer zweiten Antike für 30.000 Euro. Das geht aus diesem Kaufbeleg hervor. Die Ankeraxt soll also nach Deutschland transportiert werden, aber nicht auf direktem Weg. Denn zuvor benötigt sie noch einen legalen Anstrich.

"Legalisieren" von Grabraub-Antiken in Dubai

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Handelte selbst jahrzentelang mit geraubten Antiken: Szenekenner Michel van Rijn.

Uns gelingt der Kontakt zu einem Insider, Michel van Rijn, der das Geschäft in- und auswendig kennt. Rijn hat selbst jahrzehntelang mit geraubten Antiken gehandelt, war einer der Großen in der Szene. Und er weiß, wo geraubte Antiken ihren legalen Anstrich erhalten: "Sie werden fast immer nach Dubai gebracht. Man kann nach Dubai alle denkbaren Antiken exportieren, ohne dass dumme Fragen gestellt werden." Deshalb führt auch der Weg der Ankeraxt zunächst nach Dubai. Hier bereitet die Einfuhr keine Probleme. Und hier kann die Axt präpariert werden für den Transport nach Deutschland. Rijn berichtet, was dabei passiert: „Wenn sie von der Türkei aus nach Dubai kommen, erhalten sie neue Beschreibungen, neue Rechnungen. Es gibt dafür offizielle Unternehmen in Dubai, starke Unternehmen. Und die sorgen für offizielle Papiere." Eine dieser Firmen ist die Silsila General Trading. "Da werden formlose Rechnungen ausgestellt. Und dann stammt eine Antike nicht mehr aus Mesopotamien, sondern ist ein hellenistisches Gefäß", berichtet Silvelie Karfeld vom Bundeskriminalamt. Der Kölner Kunsthändler überweist das Geld für die Ankeraxt deshalb auch nach Dubai auf das Konto der Silsila General Trading. Und nicht direkt an den Verkäufer.

Unzureichende Zollkontrollen ermöglichen illegale Einfuhr nach Deutschland

Im Mai 2002 fliegt die Ankeraxt schließlich mit neuen Papieren und neuer Beschreibung nach München. Obwohl die Einfuhr irakischer Antiken verboten ist, gelangt sie offenbar problemlos durch den deutschen Zoll. Silvelie Karfeld vom Bundeskriminalamt kennt die Schwachstelle: "Wenn ich eine Waffe oder Rauschgift sehe, dann weiß ich sofort: Das darf ich überhaupt nicht haben. Das darf auch nicht durch den Zoll gehen. Aber es gibt ja viele legale Kunstgeschäfte. Und wie soll der Zollbeamte vor Ort erkennen, ob es sich jetzt um einen legalen oder einen illegalen Gegenstand handelt? Das ist unmöglich. Das könnte er nur, wenn er dann Experten hinzuziehen kann. Und das ist in der Regel zu zeitaufwändig." So kann am 17. Mai 2002 der Kölner Kunsthändler Weber die 4.000 Jahre alte Ankeraxt in Empfang nehmen, obwohl sie aus dem heutigen Irak stammt. Weber fährt diese Antike selbst nach Köln und möchte mit ihr viel Geld verdienen.

Aufgedeckte Fälle sind Zufallstreffer

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Diese antike Ankeraxt konnte acht Jahre nach ihrem Raub in Mesopotamien an die irakische Regierung zurückgegeben werden.

Drei Jahre später: Der Kölner Kunsthändler fährt im März 2005 mit der geraubten Ankeraxt zur Internationalen Kunst- und Antiquitätenmesse nach Maastricht. Dort sind allerdings auch Fahnder des Bundeskriminalamtes. "Wir besuchen regelmäßig Messen". Die Axt war ein reiner Zufallsfund. "Wir sind auf der Messe auf die Ankeraxt aufmerksam geworden und haben gleich einen Gutachter eingeschaltet. Der tippte auf einen hohen Wert. Daraufhin haben wir ein Ermittlungsverfahren initiiert." Wenige Tage später wird die Ankeraxt in Köln als Raubgut beschlagnahmt. Das Ermittlungsverfahren gegen den Kölner Händler wird jedoch eingestellt. Für die Ermittler sei das frustrierend, meint Silvelie Karfeld. Zudem entstehe dadurch ein Imageschaden für Deutschland, sagt der Archäologe Michael Müller-Karpe. "Im Ausland ist bereits vom Hehlerstaat die Rede." Auch wenn der Antikenhändler straffrei davon gekommen ist, hat die Geschichte auf einer Ebene ein gutes Ende genommen. Im Februar 2009 gab der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier die geraubte Ankeraxt dem irakischen Ministerpräsidenten zurück.

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2012, 07:54 Uhr

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