Umschau extra | 19.06.2012 | 20:15 Uhr : "Love scamming" - Heiratsschwindel im Internetzeitalter
Suchten Heiratsschwindler vor Jahren ihre Opfer noch in den Kleinanzeigen der Tageszeitung, sind sie heute im Internet unterwegs. Die Anonymität des Mediums verschafft ihnen leichtes Spiel. Reale Treffen sind nicht mehr notwendig, sie bauen lediglich eine virtuelle Abhängigkeit zu den Frauen auf, um sie dann finanziell zu schädigen. "Love scamming" heißt die Masche.
Christine lebt alleine. Ihr Sohn ist erwachsen und aus dem Haus. Die Bauingenieurin ist auf der Suche nach einer neuen Liebe. Die erhofft sie bei der Internetpartnerbörse "Friendscout24" zu finden. Kurz nach der Anmeldung meldet sich ein Mann mit einer englischsprachigen Email bei ihr. Der stellt sich als "Mark Walker" vor, 49-jähriger Witwer aus dem englischen Oxford. Erst schreiben sie sich nur übers Internet, dann telefonieren sie bis zu drei Mal am Tag. Christine fühlt sich wie auf Wolke 7: "Ich hatte einen Partner gefunden, der voll auf mich einging. Es kam nie das Thema Sex auf, das bis dato bei Chats immer das Thema Nummer eins war." Dann berichtet der Mann von seinem elfjährigen Sohn Richard, der sich auf die neue Mutter freue. Als Christine den Jungen am Telefon hört, bestärkt das ihren Glauben an die Existenz der bis dahin nur virtuellen Liebe.
Überweisungen für den Traummann
Dann kündigt "Mark Walker" ein Kennenlerntreffen an. Christine sieht sich schon in den Armen ihres Traummannes. Doch der erklärt, dass er vorher noch zu einem Geschäftstermin nach Ghana müsse. Um dort ein Hotelzimmer zu reservieren, benötige er 500 Euro. Christine überweist. Dann meldet sich der Mann aus der ghanesischen Hauptstadt Accra mit einer weiteren Geldforderung. Für den Flug zu Christine benötige er weitere 2.000 Euro, sagt er. Christine überweist das Geld. Der Mann fordert mit immer neuen Geschichten wiederholt Geld. Er erzählt, dass er für die Behandlung des Sohnes nach einem Verkehrsunfall Geld brauche. Christine will ihm weiter helfen, hat jedoch kein Geld mehr auf dem Konto. Nun nimmt sie sogar einen Kredit auf und überweist weitere 3.000 Euro. Das tut sie alles im guten Glauben, demnächst ihren Traummann kennenzulernen.
Auch Lebenserfahrung schützt nicht
Dann kommt der Schock: Durch Zufall erfährt Christine von der deutschen Botschaft in Ghana, dass sie auf einen Schwindel hereingefallen ist. "Love scamming" nennt sich diese Betrugsmasche. Christine ist fassungslos: "Ich war wie in so einem Schockzustand, aus dem ich überhaupt nicht raus gekommen bin. Es hat lange gedauert, ich hab mich dann auch krankschreiben lassen." Trotz Lebenserfahrung und Studium ist sie in diese Falle getappt.
Organisierte Täterstrukturen
Insgesamt hat Christine 5.200 Euro an den Betrüger überwiesen. Sie erstattet Strafanzeige. Die Aussichten, den Betrügern habhaft zu werden, sind jedoch gering. Anhand der Computerdaten aus den Emails – die sogenannten IP Adressen - war zwar eindeutig zu erkennen, dass der Computer in Ghana stand und die Mails über England und Amerika umgeleitet wurden. Doch zum Täter führt diese Spur nicht. "Diese Computer stehen in öffentlichen Internetcafés, an denen jeder anonym arbeiten kann", so Michael Klocke vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt. Er weiß auch, dass es sich bei dieser Betrugsmasche nicht um Einzeltäter handelt, sondern um Banden. "Das sind organisierte Täterstrukturen, die ihren Ursprung in Kanada, in USA, in England und in Frankreich haben. Von dort wurden dann ca. 250.000 Nigerianer rekrutiert." Die sitzen in Internetcafés in Westafrika und versuchen, unter falschem Namen das Vertrauen und das Geld von Frauen zu erschleichen. Nach Aussagen von Klocke gibt es Schätzungen, die weltweit von einem finanziellen Schaden in Höhe von vier Milliarden US-Dollar ausgehen. Und für Deutschland beziffern Experten den jährlichen Schaden mit etwa 280.000 Millionen US-Dollar.
Internetportale sind machtlos
Die Opfer versuchen sich selbst zu helfen und andere zu schützen. Eine Selbsthilfegruppe trägt mittlerweile auf einer Internetseite Fotos von Männern zusammen, mit denen die Betrüger "Love scamming" betreiben. Christine fand ihren "Mark Walker" zwei weitere Male im Internet wieder. Sie informierte die Betreiber des Portals "Friendscout24". Doch die sind machtlos, genau wie andere Partnerbörsen, die auch mit dem Phänomen Liebesbetrug zu kämpfen haben.

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