Umschau | 15.11.2011 | 20:15 Uhr : Probleme mit automatischen Straßenbahntüren
Früher öffnete ein Straßenbahnfahrer die Türen per Knopfdruck, und er schloss sie, nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand mehr in den Türen steht. Heute drücken die Fahrgäste einen Knopf, um eine Tür zu öffnen. Das Schließen erfolgt in den meisten Fällen automatisch nach einigen Sekunden. Lichtschranken auf Kniehöhe und Sensoren sollen dabei sicherstellen, dass niemand eingeklemmt wird, wenn eine Tür sich schließt.
Verletzt nach Fehlfunktion
Trotzdem kommt es immer wieder zu Zwischenfällen mit solchen Automatiktüren. Ingeburg K. aus Jena zum Beispiel: Sie drückt den Türöffner und will einsteigen. Doch noch bevor sie drin ist, schließt sich die Tür wieder. Die Rentnerin klemmt fest. Plötzlich geht die Tür wieder auf und sie fällt durch den Ruck aufs Pflaster, wo sie sich den Oberarm bricht. Dreimal muss sie operiert werden, bekommt eine Metallplatte mit Nägeln eingesetzt und kann seither ihren Arm nicht mehr richtig bewegen.
Oft trifft es ältere Menschen, die sich langsamer bewegen und mehr Zeit zum Einsteigen benötigen. In Magdeburg versucht Helga S. mit ihrem Rollator in die Straßenbahn einzusteigen. Dann schließt sich die Tür und die Gehhilfe hängt fest. Auch hier geht die Tür wieder auf, sodass die Rentnerin rücklings aus der Bahn fällt. Sie schafft es zwar noch bis nach Hause, aber dort werden ihre Schmerzen so schlimm, dass sie den Rettungsdienst ruft und in die Notaufnahme gefahren wird. Dort stellen die Ärzte einen schweren Beckenbruch fest.
Ansprüche zurückgewiesen
Helga S. schaltet einen Anwalt ein, der von den Magdeburger Verkehrsbetrieben ein Unfallprotokoll und den Namen des Straßenbahnfahrers verlangt. Doch das Unternehmen lehnt ab. Stattdessen weist man in einem Schreiben alle Ansprüche zurück:
Helga S. findet diese Haltung nicht in Ordnung. Torsten Hallmann, Anwalt für Medizinrecht, sieht das genauso:
Nach Auffassung des Anwalts ist die Schließzeit der automatischen Türen das Ärgernis. Sowohl Helga S. als auch Ingeburg K. verunglückten durch eine offensichtlich zu schnell schließende Tür. Als wir die Jenaer Verkehrsbetriebe auf dieses Problem ansprechen, erhalten wir folgende Antwort:
Dennoch kommt es zu Fehlfunktionen, wie wir selbst in Jena mit der Stoppuhr beobachten können. Die Verkehrsbetriebe, die beteuern, ihre Türen seien auf fünf Sekunden eingestellt, verweisen auf eine zusätzliche Hilfe: Neben dem normalen Türöffner befindet sich an der Tür beim Fahrer außerdem ein blauer Knopf. Drückt man den, bleibt die Tür länger geöffnet und kann nur durch den Fahrer selbst geschlossen werden. Doch weil auf dem Knopf ein Kinderwagen abgebildet ist, erschließt sich Senioren und Gehbehinderten seine Funktion offensichtlich nicht.
Eingeklemmt und mitgeschleift
Manchmal zeigen die Türen auch andere Fehlfunktionen, wie etwa in Leipzig. Hier wird im Sommer ein Mann eingeklemmt und von der Straßenbahn, einer älteren Tatra-Bahn, mitgeschleift. Eigentlich können diese Bahnen nur losfahren, wenn alle Türen geschlossen sind, denn sie verfügen über eine Wegfahrsperre. Doch die funktionierte in diesem Fall nicht, wie die Leipziger Verkehrsbetriebe zugeben. Das Unternehmen kommt auch für die Schäden auf.
Sicherheit durch elektronische Schaltleisten
Abhilfe könnte ein modernes Türschließsystem bringen, das der Unternehmer und Ingenieur Ralf Waibel entwickelt hat. Dabei bekommt der Fahrer eine Meldung, wenn das System ausfällt oder es nicht zuverlässig funktioniert, und kann entsprechend reagieren. Doch das ist nicht der einzige Vorteil, wie der Entwickler erklärt:
Möglich ist das durch elektronische Schaltleisten im Gummi der Türen. Sie sollen bereits Objekte ab fünf Millimeter erkennen. Verformt sich der Gummi durch einen Gegenstand, wird ein Signal an die Türsteuerung gesandt, die die Türen sofort wieder öffnen kann. Die Bahn dürfte nicht abfahren. Die Leipziger Verkehrsbetriebe hingegen haben aus den Unfällen gelernt und rüsten mittlerweile alle Bahnen auf das neue System um. Andere Unternehmen verwenden immer noch die alten Türschließsysteme. Oft mangelt es am Geld für die Umrüstung.
