Umschau extra | 01.11.2011 | 20:15 Uhr : Unnötige Reparaturen: Wenn Werkstätten unseriös arbeiten
Eigentlich wollte Oliver Satory nur einen neuen Zahnriemen für seinen sechs Jahre alten VW Golf. Doch dann entdeckte die Werkstatt angeblich einen weiteren Mangel. Angeblich müsste für etwa 2000 bis 2500 Euro die Kupplung gewechselt werden. Satory lässt die Reparatur nicht machen und bringt sein Auto zur Vertragswerkstatt. Die erklärt ihm, dass man die Kupplung nicht austauschen brauche, weil sie fehlerfrei funktioniere. Hatte sich die freie Werkstatt nur geirrt? Kein Einzelfall, wie der Blick in einschlägige Internet Foren vermuten lässt. Verärgerte Autobesitzer klagen vermehrt über Werkstätten, die überflüssige Reparaturen empfehlen.
Test mit Gebrauchtem
Wir wollen das prüfen: mit einem VW Polo, 14 Jahre alt. Beim ADAC in Köln wird das Fahrzeug auf Herz und Nieren gecheckt. "Diese Teile sind im Moment absolut in Ordnung“ sagt Jürgen Schell vom ADAC, "der hintere Schalldämpfer fängt ein bisschen an, stärkere Korrosion zu zeigen. Er ist aber noch dicht und stellt auch kein Sicherheitsrisiko dar, den kann man also noch weiter fahren." Wir fahren mit unserem Polo zu freien Werkstätten und geben einen Urlaubscheck in Auftrag. Die Betriebe sollen prüfen, ob alles in Ordnung ist. Bei der ersten Werkstatt wird uns bereits bei der Annahme ein Zahnriementausch empfohlen, noch bevor ein Mechaniker das Fahrzeug überhaupt gesehen hat: Das müsse man prinzipiell immer alle 30.000 Kilometer machen. Wir erfahren von VW, dass für den Polo Wechselintervalle nicht vorgeschrieben sind. Und im Reparaturhandbuch steht, dass der Zahnriemen alle 30.000 Kilometer nur geprüft, aber nicht unbedingt getauscht werden muss. Wer das nicht weiß, bezahlt 500 Euro für eine sinnlose Reparatur.
Eine andere Werkstatt. Der Mechaniker schaut hier besonders auf die Bremsen unseres Polo: "Die Scheiben sind schlecht vorne, also so können sie nicht fahren mit so wenig." Erstaunlich, denn auf dem Prüfstand des ADAC war die Bremse des Polo nicht negativ aufgefallen. Ist der Austausch wirklich nötig? "Nein, das wäre in diesem Fall auch unberechtigt", meint Jürgen Schell vom ADAC, "obwohl die Bremse ihrem Alter gemäß die ersten Verschleißspuren zeigt. Die sind aber im Moment, was die Verkehrssicherheit angeht, überhaupt nicht dramatisch. Die Bremsleistung ist auch absolut in Ordnung, also von daher können die Bremsscheiben und Beläge durchaus noch bis zur nächsten Inspektion oder bis zum nächsten TÜV drauf bleiben."
Unser Tipp
Auspuff, Bremsen, Stoßdämpfer – vor allem wenn’s um die Sicherheit geht, lassen sich Autobesitzer schnell mal Reparaturen "aufquatschen", auch solche, die unnötig sind. Schwarze Schafe der Branche machen mit der Methode gute Geschäfte. Das gilt für freie Betriebe genauso wie für Vertragswerkstätten. Um unnötige Kosten zu vermeiden, sollte man einen Reparaturauftrag immer nur schriftlich vereinbaren und den Reparaturumfang exakt beschreiben. Pauschalaufträge sind häufig ein Freibrief für den sinnlosen Teiletausch. Größeren und teuren Reparaturen sollte man nicht blind zustimmen. "Wenn’s einem halt komisch vorkommt oder wenn man einen wirklich begründeten Verdacht hat, dann muss man sich halt ne zweite Meinung einholen, sei es bei irgendeinem Sachverständigen bzw. auch bei den Prüforganisationen“, so Jürgen Schell vom ADAC. Das kostet meist so um die 80 Euro, aber im Zweifelsfall lohnt sich das.
