Umschau

Umschau | 30.08.2011 | 20:15 Uhr : Awareness: Wach trotz Narkose

"Eine Zeit lang war ich überzeugt, ich nehme mir das Leben!" Die Angst lässt Werner D. keine Ruhe. Nacht für Nacht erwacht er durch das eigene Schreien. "Das kann sich niemand vorstellen. Es ist wie ein Folterkeller mit glühenden Eisen!" Der Horror, der den 71-jährigen Rentner nicht mehr loslässt, fand in einem Operationssaal statt. Der Eingriff selbst ist gut geglückt. Doch die Narkose versagte.

Werner D. ist ein erfahrener Patient. Er hat ein neues Knie, Mandeln und Blinddarm wurden entfernt. Auch zahlreiche Herzkathetereingriffe hat er schon hinter sich. Darum macht er sich auch keine Sorge als ein schwererer Eingriff bevorsteht.

"Denken die, ich bin schon weg?"

Operation
Awareness: Der augenscheinlich narkotisierte Patient erlebt die Operation bei Bewusstsein.

Befürchtungen überkommen ihn erst, als er schon auf dem OP-Tisch liegt und merkt, wie das gut gelaunte Personal Scherze über seine Beine macht. "Denken die etwa, ich bin schon weg?", fragt er sich. Dann beginnt die Operation und er spürt plötzlich heftige Schmerzen! "Nur runter da, raus!", denkt er, aber er kann sich nicht bewegen. Er ist gelähmt und kann sich nicht bemerkbar machen. Die Hilflosigkeit und die unerträglichen Schmerzen versetzen ihn in Panik. Er versucht zu winken, doch erst nach einer Ewigkeit hört er, wie jemand sagt: "Der ist unruhig."

Endlich ist die Operation vorbei. Aus Sicht des Teams ist sie erfolgreich und ohne Zwischenfälle verlaufen. Dem Herzchirurgen ist Werner D. noch jetzt dankbar. Körperlich geht es ihm blendend. Doch die unzureichende Narkose hat ein Trauma hinterlassen, das ihn Nacht für Nacht verfolgt.

Spuren in der Seele

"Awareness", Bewusstheit, nennen Mediziner solche Phasen, in denen Patienten ihre Operation trotz Narkose bewusst wahrnehmen. Zwar ist es das Ziel, Bewusstsein, Schmerzen, Anspannungen und Reflexe zu verhindern. Doch nicht immer gelingt das vollständig. In ein bis zwei von tausend Fällen ist die Narkose nicht tief genug. Einige Operationen sind überdurchschnittlich anfällig für Awareness: Kaiserschnitte, Herzchirurgie, Notoperationen.

Nicht immer erinnern sich die Patienten an den Horror. Möglich ist auch ein flaches Erwachen während des Eingriffs, das nicht bewusst im Gedächtnis bleibt. Doch auch dann können sich tiefe Spuren in der Seele einprägen und zu Angstattacken, Albträumen, Schlafstörungen bis hin zu Depressionen und Selbstmordgedanken führen.

Schwer festzustellen

Ganz verhindern lässt sich Awareness nicht. Bewusstsein ist nicht messbar. Weil der Körper betäubt ist, sind keine Reaktionen sichtbar. Selbst der Puls kann normal bleiben, während der Patient zugleich Todesangst erleidet. Eine Verminderung des Risikos könnte es bringen, nicht nur die körperlichen Reaktionen während der OP zu überwachen, sondern auch die Hirnströme. Völlige Sicherheit bringt aber auch das nicht. Wichtig sind deshalb besondere Schulung des Personals, das vorbereitende Gespräch mit dem Patienten und eine aufmerksame Nachbetreuung.

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2011, 21:53 Uhr

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