Umschau | 18.09.2012 | 20:15 Uhr : Verbraucherschützer warnen vor Cent-Auktionen
Mit sensationell günstigen Preisen locken derzeit sogenannte Cent-Auktionen im Internet. Die Werbung verspricht eine Spiegelreflexkamera für knapp zwei Euro oder einen Fernseher für fünf Euro. Auf den ersten Blick ist das wirklich verlockend. Wir wollten wissen, ob sich damit wirklich Schnäppchen machen lassen oder ob die Sache einen Haken hat.
Knapp ein Dutzend verschiedene Internetportale bietet derzeit sogenannte Cent-Auktionen an. Wer sich hier an einer Versteigerung beteiligen will, muss sich zuerst beim jeweiligen Portal registrieren. Um ein Gebot abzugeben, braucht man als eine Art Teilnehmergebühr außerdem sogenannte Bietpunkte. Die kauft man beim Portalbetreiber. Wir haben das einmal bei den beiden Anbietern "Snipster" und "Bidfun" probiert. Bei "Snipster" kostet ein Bietpunkt 0,50 Euro, bei "Bidfun" 0,60 Euro. Pro Gebot muss man einen Bietpunkt einsetzen. Steigert man mit, erhöht sich der Preis bei jedem Gebot, also dem Einsatz jedes Bieterpunkts, um nur einen Cent. Gleichzeitig verlängert sich die Auktion um 15 Sekunden. Kommt in dieser Zeit kein neues Angebot, endet die Auktion und man bekommt den Zuschlag.
Praxis-Test
Soweit die Theorie. Wir haben den Praxis-Test bei "Snipster" gemacht. In unserer Testzeit konnte man dort einen LED-Fernseher ersteigern. Der Portalbetreiber gibt zum Vergleich einen Ladenpreis von 1.099 Euro an. Als wir die Beobachtung beginnen, steht der Auktionspreis bei 22,55 Euro. Um mitsteigern zu können, kaufen wir 50 Bieterpunkte für je 0,50 Euro und zahlen dafür 25 Euro. Mit unserem ersten Gebot erhöht sich der Preis auf 22,56 Euro und die Auktion verlängert sich um 15 Sekunden. In dieser Zeit werden wir von einem anderen Teilnehmer überboten und wieder verlängert sich die Auktion um 15 Sekunden. Wir halten dagegen, setzen wieder einen Bieterpunkt, der Preis steigt auf 22,57 Euro und die Auktion verlängert sich abermals. Nach fünf Stunden steht der Preis bei 39,97 Euro. Unsere 50 Bieterpunkte sind aufgebraucht und wir steigen aus. Erst zwei Stunden später bekommt ein Bieter für 48,17 Euro den Zuschlag.
Kritik der Verbraucherschützer
Verbraucherschützer üben harte Kritik an den Cent-Auktionen und raten von der Teilnahme ab. Ihre Kritikpunkte im Überblick:
- Zweifelhafte Gewinnchance: Axel Gronen, Experte für Online-Auktionen, kritisiert, dass ein Auktionsteilnehmer gar nicht nachvollziehen kann, ob es den angebotenen Artikel überhaupt gibt. Zudem sei nicht sichtbar, ob der Portalbetreiber mitbietet und so gegebenenfalls selbst der Gewinner der Auktion sein kann.
- Teilnahme nur mit Bietpunkten: Egal, ob man bei der Auktion den Zuschlag bekommt oder nicht: Das Geld für die Bietpunkte ist weg, denn es wird vom Betreiber des Auktionsportals kassiert.
- unkalkulierbares Auktions-Ende: Bei den Cent-Auktionen gibt es kein festes Ende. Jedes Gebot verlängert die Versteigerung um 15 Sekunden. Der zeitliche Aufwand ist so für den Teilnehmer nicht kalkulierbar.
- Einsatz von automatischen Bietrobotern: Portale bieten Teilnehmern die Nutzung automatischer Bietroboter an. So kann die Versteigerung stundenlang am Laufen gehalten werden, ohne dass der Bieter selbst vor dem Computer sitzen muss. In Internet-Foren häufen sich inzwischen die Vorwürfe, dass diese Bietroboter von den Betreibern selbst eingesetzt werden.
- Glücksspiel-Vorwurf: Gabriele Emmrich von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt meint, dass diese Cent-Auktionen eher einem Glücksspiel gleichen würden. In Baden-Württemberg wurden einige dieser Auktionen sogar schon als illegales Glücksspiel eingestuft und verboten.
Cent-Auktionen – ein gutes Geschäft für Portalbetreiber
Die Gewinner bei den Cent-Auktionen sind vor allem die Portalbetreiber. Das zeigt ein Beispiel, mit dem "Bidfun" eigentlich für die Chance auf Schnäppchen werben will. Eine Kamera (Unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers: 700 Euro, im Internet für gut 500 Euro zu bekommen) wurde für 36,85 Euro ersteigert. Dafür hat der Gewinner der Auktion nur 29 Bietpunkte je 0,60 Euro eingesetzt, also 17,40 Euro investiert. Damit hat er die Kamera für insgesamt 54,25 Euro ersteigert, was einer Ersparnis von rund 90 Prozent gleichkommt. Wenn diese Auktion tatsächlich so stattgefunden hat, war es für den Gewinner ein Schnäppchen. Das beste Geschäft hat dabei allerdings "Bidfun" gemacht, denn bei einem Versteigerungspreis von 36,85 Euro mussten die Beteiligten 3.685 Bietpunkte eingesetzt haben. Daraus ergibt sich eine Einahme von 2.211 Euro für die Bietpunkte. Zieht man davon noch den Kaufpreis für die Kamera ab, hat der Anbieter allein mit dieser Auktion mindestens 1.500 Euro verdient. "Bei 'Bidfun' haben wir herausgefunden, dass mit Gebotspunkten 70 Prozent mehr eingenommen wurde als letzten Endes die Produkte gekostet haben. 'Bidfun' war im Endeffekt immer der Gewinner", erklärt Dr. Dirk Lorenz von der Stiftung Warentest, die 200 abgelaufene Auktionen bei "Bidfun" untersucht hat.
Portalbetreiber weist Kritik zurück
Auf die Kritik von Verbraucherschützern und einigen Politikern reagieren einige Betreiber gar nicht, darunter auch "Bidfun". Andere wie "Snipster" weisen die Vorwürfe von sich. In einer Stellungnahme des Unternehmens auf den Vorwurf, "Snipster" setze selbst automatische Bietroboter ein, heißt es: "Derartige Unterstellungen in Internet-Foren sind falsch. (...) Auf der Auktionsplattform '"Snipster"' werden selbstverständlich weder automatische Bieter eingesetzt, noch die Auktionspreise künstlich in die Höhe getrieben."
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