Umschau | 10.04.2012 | 20:15 Uhr : DLG-Qualitätssiegel in der Kritik
Viele Verbraucher suchen beim unüberschaubar gewordenen Produktangebot nach Orientierung. Viele achten auf Prüf- oder Gütesiegel. Doch in vielen Fällen, bleibt unklar, wer und welche Prüfmethode dahinter stehen. Eines der am häufigsten vergebenen Siegel ist "DLG prämiert".
Gütesiegel auf der Verpackung sollen dem Verbraucher eine Orientierung bieten. Eines davon ist das Siegel "DLG prämiert". DLG steht für die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft, die das Label vergibt und dabei vor allem die sensorische Qualität, das heißt Geschmack, Geruch, Aussehen und Konsistenz beurteilt. Jedes Produkt, das bei diesen Prüfungen als "überdurchschnittlich gut" bewertet wird, bekommt ein Siegel. Jede Art Lebensmittel wie Backwaren oder Milchprodukte kann prämiert werden.
DLG-Bewertung besser als Ergebnisse der Stiftung Warentest
Doch nicht alles, was die DLG mit "überdurchschnittlich gut" beurteilt, schneidet bei der Stiftung Warentest ebenfalls positiv ab. Dazu drei "DLG Gold prämiert"-Beispiele: Der "Schwarzwälder Schinken" der Edeka-Eigenmarke Gut & Günstig bekommt von der Stiftung nur "befriedigend". Er schmecke "insgesamt leicht fade" zudem dominiere "Salz im Geschmack", urteilen die Warentester. Das Mineralwasser der Marke Mecklenburger Quelle wird als "mangelhaft" beurteilt, weil es "deutlich sauer, deutlich zitronig, deutlich nach Acetaldehyd" schmecke. Auch die "Meister Krüstchen" von Harry bekommen ein "mangelhaft", weil sie laut Stiftung Warentest im Geschmack "alt, fade, nur wenig aromatisch" sind. Wir haben die DLG mit diesen Recherchen konfrontiert. Rudolf Hepp von der DLG meint: "Wie der Unterschied zustande kommt, kann ich ihnen nicht so richtig erklären."
DLG-Siegel wird inflationär vergeben
Wir machen uns selbst ein Bild und sind bei einem DLG-Test dabei. Dabei werden Milchprodukte wie Joghurt geprüft. Bewertet wird das Aussehen, Geruch, Geschmack und das Mundgefühl. Auffällig ist, dass fast jedes Produkt hier sehr gut abschneidet. Ein Tester erklärt, warum das so ist: "Die meisten Hersteller, die hier vertreten sind, stellen sehr gute Produkte her. Die werden wahrscheinlich alle prämiert werden können, nach meinem Dafürhalten." Das ist nicht nur so bei den Milchprodukten, sondern gilt für alle getesteten Lebensmittel. 94 Prozent der eingereichten Produkte bekommen ein DLG-Siegel. Hersteller wie zum Beispiel Harry Brot haben allein 230 Siegel. Die Hersteller werben mit den Siegeln im Internet, auf Werbebroschüren und auf den Produkten, denn mit Siegel verkaufen sich die Produkte besser.
Marketing-Experten sehen DLG-Siegel kritisch
Die Mitglieder der DLG kommen hauptsächlich aus der Landwirtschafts- und Lebensmittelindustrie. Das heißt: Sie vergeben sich die Siegel quasi selbst. Die DLG testet rund 27.000 Produkte pro Jahr. Und die Hersteller zahlen dafür pro Test bis zu 700 Euro. Marketingexperte Christoph Wegmann, Professor für Lebensmittelmarketing, sieht diese Praxis kritisch: "Der Hauptfokus liegt darin, Produkte auszuzeichnen, damit sie sich besser verkaufen. Die dahinter stehende Qualitätsausrichtung ist nicht so maßgeblich und bringt für den Verbraucher eigentlich keine weitere Orientierungsmöglichkeit. Ob das Siegel da drauf ist oder nicht, sagt mir recht wenig über die Qualität aus Verbrauchersicht aus. Es sagt nur, dass Experten meinen, es schmeckt besser."
Verbraucherschützer: DLG-Siegel täuscht Kunden
Erstaunlich ist, dass beim Test von Geschmack und Optik viele Produkte ausgezeichnet wurden, deren Geschmack und Optik bei der Produktion mit zum Teil künstlichen Inhaltsstoffen beeinflusst wird. Im Vanille Drink von "Unser Norden" sind Aroma und Süßstoffe. Im Erdbeer-Joghurt von Zott finden wir Aroma und rote Farbe, die aus Roter Beete stammt. Sogar Süßigkeiten wie "Haribo Gummibärchen" werden prämiert. Auch hier sind Aromen enthalten. Verbraucherschützer wie Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale empört das: "Es kann nicht sein, dass ein Produkt, was künstlich aromatisiert ist, dann noch für den guten Geschmack ausgezeichnet wird, wobei der Geschmack dann gar nicht von den Lebensmitteln kommt. Da fühle ich mich als Verbraucher doch sehr getäuscht."
Auch "Schmutzfinken" bekommen DLG-Siegel
Dass DLG-Siegel mitunter bedenkenlos vergeben werden, zeigt auch der Fall "Müllerbrot". Die bayerische Firma war jüngst wegen Ihrer "Schmutzproduktion" in den Schlagzeilen. Im Januar 2012 musste sie wegen Ratten und Schimmel in den Produktionsstätten schließen. Obwohl Lebensmittelkontrolleuren schon 2009 erhebliche Hygienemängel bekannt waren, bekam Müllerbrot bis vor einigen Monaten noch DLG-Siegel: 14 ihrer Produkte wurden mit Gold ausgezeichnet. Die DLG erklärt auf Anfrage, sie führe keine Produktionsprozessprüfung durch. Zudem seien ihr die Hygienemängel nicht bekannt.
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