Umschau | 15.01.2013 | 20:15 Uhr : Erzieher-Ausbildung bei privaten Bildungsträgern in der Kritik
Um den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz zu erfüllen, werden viele Erzieherinnen und Erzieher benötigt. Doch bei der Ausbildung von Quereinsteigern gibt es ein Problem: Sie ist mit einem Jahr viel zu kurz. Dadurch schaffen nur sehr wenige die Prüfung. Um das zu ändern, müsste der Staat eine längere Ausbildung finanzieren. Doch es sieht nicht danach aus, als ob das in nächster Zeit passieren würde.
Das Arbeitsleben der 40-jährigen Heike L. aus Dresden war in den vergangenen Jahren vor allem von befristeten Jobs und Arbeitslosigkeit geprägt. Ein Praktikum im Hort weckte 2011 den Wunsch, Erzieherin zu werden. Über ein Inserat kam sie zum privaten Bildungsträger "BBW Akademie für betriebswirtschaftliche Weiterbildung Potsdam". Dort sollte sie in nur einem Jahr zur Erzieherin ausgebildet werden. Weil Heike L. lange krank war, war für die Finanzierung der Ausbildung in ihrem Fall die Deutsche Rentenversicherung und nicht die Bundesagentur für Arbeit zuständig. Noch während ihrer Ausbildung wurde ihr ein Job als Hortnerin in Aussicht gestellt - wenn sie die Ausbildung zur Erzieherin erfolgreich abschließt.
Mit verkürzter Ausbildung kaum Chancen auf Prüfungserfolg
Nach einem Jahr Ausbildung bei der BBW-Akademie fiel Heike L. jedoch durch die Prüfung. Sie war aber kein Einzelfall. "Zu den schriftlichen Prüfungen sind 31 Teilnehmer des Bildungsträgers angetreten. Von den 31 sind 29 durchgefallen", berichtet sie. In Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt fallen ca. 70 Prozent der Schüler von privaten Bildungsträgern mit einjähriger Ausbildung durch. Die Erzieher-Ausbildung an einer staatlichen Schule dauert dagegen drei Jahre. Nach der Erfahrung von Heike L. hatte die einjährige Ausbildung an der BBW-Akademie möglicherweise nicht gereicht und gravierende Mängel: "In der schriftlichen Prüfung sind wir nach einer speziellen Studie gefragt worden. Wir hatten diese Studie im Unterricht nicht, aber auf dieser Studie hat die komplette Prüfung aufgebaut." Die BBW-Akademie Potsdam, bei der Heike L. ihre Ausbildung absolvierte, schweigt zu den Vorwürfen und ist für eine Stellungnahme nicht bereit.
Experte kritisiert Qualitätskontrolle der privaten Bildungsträger
"Hier lässt man Leute ganz bewusst ins offene Messer laufen. Diese Durchfallquoten sind dermaßen niederschmetternd, dass man von einem Systemversagen sprechen muss", meint Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell von der Fachhochschule Koblenz. Die Qualitätskontrolle von privaten Bildungsträger wie der BBW-Akademie liegt bei der Bundesagentur für Arbeit. Sie und die Rentenkasse dürfen nur geprüfte und zertifizierte Kurse privater Anbieter finanzieren. Kritiker wie Prof. Sell sagen, die Qualitätskontrolle dieser Kurse sei ungenügend. "Normale Menschen würden denken, dass man wirklich guckt, welche Inhalte vermittelt werden und ob die Dozenten auch geeignet sind. All das passiert gerade nicht. Stattdessen geht man hin und lässt sich vorlegen, ob es genügend Unterrichtsräume und PCs gibt." Aus der Sicht der Bundesagentur für Arbeit ist die Qualitätssicherung jedoch ausreichend: "Sofern der Prüfdienst Mängel feststellt, wird die fachkundige Stelle eingeschaltet, die ggf. auch das Zertifikat entziehen kann." Doch angesichts der Vielzahl der Weiterbildungsangebote kann der Prüfdienst wohl nur stichprobenartig kontrollieren.
Experte fordert ausreichende Finanzierung der Erziehausbildung
Für Prof. Sell liegt das Problem aber an einer ganz anderen Stelle. Wenn eine dreijährige Ausbildung bei privaten Trägern bezahlt werden würde, würde die auch ausreichende Kurse anbieten. Doch daran arbeitet offenbar niemand. "Wenn die Bundesregierung will, könnten die das mit einem Federstrich machen. Wenn die Schüler das dann auch schaffen, dann werden die ihr Leben lang Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen, denn Erzieher werden gesucht." Doch statt aktiv zu werden, gibt die Bundesregierung den schwarzen Peter an die Bundesländer weiter. Sie sollten sich auch an der Finanzierung beteiligen, heißt es. Doch die Kassen der Länder sind leer. Das bedeutet anscheinend, dass sich nichts ändern wird. Ausgetragen wird das auf dem Rücken von engagierten Menschen wie Heike L. Sie beginnt jetzt eine dreijährige Ausbildung zur Erzieherin. Nebenbei muss sie arbeiten gehen, damit sie das Fachschulstudium finanzieren kann.

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