Umschau | 06.11.2012 | 20:15 Uhr : Fachkräftemangel an der Realität vorbei ermittelt
Glaubt man dem Verein deutscher Ingenieure (VDI), fehlen in Deutschland derzeit 80.500 Ingenieure. So steht es im aktuellen Report des Verbandes. Die Politiker haben bereits auf die jahrelangen Klagen der Industrie reagiert. Mit der Kampagne "Make it in Germany" will man nun Ingenieure u. a. aus China und Indien ins Land holen. Sie sollen die angeblich offenen Stellen besetzen. Dafür wurden die Bedingungen für eine Arbeitserlaubnis herabgesetzt: Wer als Ausländer in Deutschland arbeiten möchte, muss nachweisen, dass er in dem angestrebten Job genug Geld verdient. Bislang wurde ein Jahresgehaltes von 67.200 Euro verlangt, nun reichen knapp 35.000 Euro.
Arbeitslose Ingenieure fühlen sich verhöhnt
Aus Sicht arbeitsuchender Ingenieure wie Dr. Jens Romba und Daniel Rautenberg sind die Meldungen über einen Fachkräftemangel und Kampagnen zum Anheuern ausländischer Arbeitskräfte blanker Hohn. Romba ist Diplomchemiker, hat einen Doktortitel und zusätzliche Qualifikationen. Der 47-Jährige würde überall in Deutschland arbeiten. Stattdessen lebt er von Hartz IV. Daniel Rautenberg ist Wirtschaftsingenieur aus Chemnitz. Er hat in fünf Monaten 115 Bewerbungen verschickt und eine Absage nach der anderen kassiert. Für seine Bewerbungsgespräche reiste er 7.000 Kilometer quer durchs Land. Einer von wenigen war er bei den Terminen nie. Bis zu 1.200 Bewerber kamen auf eine freie Stelle, habe man ihm gesagt.
Unternehmensberater: In der Praxis kein Ingenieur-Mangel spürbar
Den Eindruck von Jens Romba und Daniel Rautenberg teilt auch Axel Haitzer. Er ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung "aicovo". Seine Firma führt regelmäßig Testbewerbungen durch, um Unternehmen bei der Suche nach Fachkräften zu beraten. Was er und seine Kollegen dabei erleben, ist aus seiner Sicht erschreckend: "Wie kann es sein, dass man als Bewerber erst monateglang nach dem Bewerbungseingang eine Zu- oder Absage bekommt. Das passt alles nicht zu dem Bild von Unternehmen, die händeringend Leute suchen." Bei einem Test reagierten sogar knapp 50 Prozent der Unternehmen gar nicht auf die Bewerbungsanfrage von Ingenieuren.
Wirtschaftswissenschaftler: Kampagne wird für Lohndrückerei genutzt
Auch für den Experten Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sind die Hilferufe aus den Unternehmen unbegründet. "Angesichts der rasant gestiegenen Studentenzahlen ist auch in den nächsten Jahren nicht damit zur rechnen, dass wir eine Knappheit haben werden, sondern eher eine Schwemme", beschreibt Brenke das Ergebnis einer Untersuchung. Dafür spreche auch die Entwicklung der Löhne für Ingenieure. Da sie nicht gestiegen seien, könne es auch keine Arbeitskräfte-Knappheit geben, so der Experte. Kampagnen, die um ausländische Fachkräfte werben, nützen aus seiner Sicht den Arbeitgebern. "Je mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, desto stärker können die Löhne gedrückt werden", meint Brenke.
Experte: Statistik mit Denkfehlern
Bleibt die Frage, wie der VDI auf die Zahl von 80.500 fehlenden Ingenieuren kommt? Im aktuellen Verbandsreport gibt es eine Antwort darauf. Grundlage ist die Zahl der Bundesagentur für Arbeit zu den offenen Ingenieursstellen. Der VDI geht aber davon aus, dass bei der Arbeitsagentur nicht alle offenen Ingenieursstellen gemeldet sind. VDI-Umfragen hätten nämlich ergeben, dass nur jede 5. offene Stelle gemeldet würde. Daher würden die Zahlen der Arbeitsagentur-Statistik mit dem Faktor fünf hochgerechnet. Dagegen stellt man dann die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ingenieure. Herauskommt eine Differenz, aus der der VDI einen Mangel schlussfolgert. Nach Meinung von Karl Brenke liegt darin jedoch ein methodischer Fehler, denn man lässt die Ingenieure, die zwar einen Job haben, aber einen neuen suchen, und Hochschulabsolventen, die aber noch an der Uni sind, unbeachtet.
Wir konfrontieren den VDI mit dem Vorwurf des Schlimm-Rechnens. VDI-Pressesprecher Marco Dadomo reagiert gelassen. Er hält die Kritik an seinem Verband für unbegründet.
3 Kommentare
Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.
