Umschau

Umschau | 08.05.2012 | 20:15 Uhr : Risikofaktor Fahranfänger - warum in Deutschland Fahranfänger so viele Unfälle verursachen

Anja T. aus Landsberg kam von einer Familienfeier. Als sie eine Kreuzung überquerte, fuhr ihr ein Pkw in die Seite. Die Klärung des Unfalls ergab: Anja hatte Grün, der Unfallgegner raste bei Rot über die Kreuzung. Mit 120 km/h war er 50 km/h zu schnell. Ein Test ergab zudem, dass der Unfallverursacher unter Drogeneinfluss gestanden hatte. Das Unfallopfer starb noch am Unfallort. Die Frau hinterließ eine kleine Tochter, die jetzt bei der Großmutter lebt. Zudem hat der Vater von Anja T. den Verlust seiner Tochter mental noch nicht verarbeitet und muss deshalb in einer Psychiatrie behandelt werden.

Übermütige, junge Fahranfänger sind relativ häufig Verursacher von schweren Unfällen. Viel zu oft kommen sie dabei selbst ums Leben. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) waren im Jahr 2010 von allen 1.840 tödlich verunglückten Pkw-Insassen 28 Prozent im Alter von 18 bis 24 Jahren. Die Zahlen sind umso dramatischer, wenn man bedenkt, dass diese Altersgruppe nur acht Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Gespräch mit jungen Menschen suchen

Fahranfänger
Umschau

Todesursache: Fahrlässigkeit und Risikobereitschaft im Straßenverkehr

08.05.2012, 20:15 Uhr | 06:17 min

Der ehemalige Unfallermittler Bernd Müller aus Merseburg versucht deshalb, Aufklärungsarbeit unter den jungen Menschen zu leisten. Neben dem Zeigen von Schockfotos appelliert er auch an das Verantwortungsgefühl der jungen Menschen. Vor einer Schulklasse erklärt er mit eindringlichen Worten: "Helft uns, dass niemals ein Polizist vor der Tür eurer Eltern stehen muss und euren Eltern was ganz Schlimmes sagen muss. Ihr könnt euch den Schmerz eurer Eltern nicht vorstellen. Wir können es als Polizei nicht verhindern. Das könnt nur ihr." Zudem setzt er sich für eine bessere Fahrausbildung ein, die auch die mentalen Fähigkeiten trainiert. "Die jungen Erwachsenen verfügen über ein hohes Wissen, theoretische Erkenntnisse aus den Fahrschulen. Sie wissen alles über Fahrphysik, aber die Psychologie ist leider in den Fahrschulen nicht so repräsentiert", berichtet der Polizist.

Vorbild Österreich: Mehrphasenausbildung zur Führerscheinprüfung

Ganz anders ist die Entwicklung in Österreich: Dort wurde 2003 die sogenannte Mehrphasenausbildung zur Führerscheinprüfung eingeführt. Dabei wird mehr die Psyche der jungen Fahranfänger berücksichtigt. Sie sollen unter anderem die Grenzen ihres Könnens und gefährliche Situationen im Straßenverkehr besser erkennen lernen. Das österreichische Mehrphasenmodell umfasst drei Module, die im ersten Jahr nach der Führerscheinprüfung absolviert werden müssen. Die Kosten dafür tragen die Fahrschüler selbst. Allerdings erstatten die Versicherer bei Unfallfreiheit im ersten Jahr einen Teil davon zurück. Das Modell in Österreich sieht vor:

1. Feedbackfahrt

Der Fahrlehrer benennt Stärken und Schwächen des Fahrstils

2. Fahrsicherheitstraining und verkehrspsychologisches Gruppengespräch

Ein Trainer leitet die jungen Fahranfänger an, wie sie Slalom und Kurven fahren. Zudem gibt es Bremsübungen, die den Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Bremsweg verdeutlichen sollen. Wichtige Notreaktionen werden dabei thematisiert, insbesondere die richtige Notbremsung. Der zweite Teil dieses Moduls besteht aus verkehrspsychologischen Gruppengesprächen. Dabei wird auch über die Gefahren von Alkohol und Drogen diskutiert.

3. Feedbackfahrt

Am Ende des ersten Fahrjahres wird in einer zweiten Feedbackfahrt erneut der Fahrstil bewertet

Eindeutige Ergebnisse

Eine Studie des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit belegt, dass seit Einführung des Mehrphasenmodells die Unfälle bei jungen Fahranfängern um rund 30 Prozent reduziert wurden. Der Erfolg spricht also eindeutig für das österreichische Mehrphasenmodell.

Deutschland will eigene Studie abwarten

Seit Mitte 2011 prüft nun auch das deutsche Verkehrsministerium, ob es dem Beispiel Österreichs folgt und eine Mehrphasenausbildung für Fahranfänger einführt. Das Ministerium erklärt, dass es noch auf die Ergebnisse einer eigenen Studie warte, bevor es sich endgültig entscheiden will. Der ADAC vermutet dahinter ein Spiel auf Zeit und fordert schnelles Handeln. Schließlich gebe es ja schon durch die österreichische Studie eine klare Faktenlage. Ein ADAC-Sprecher erklärt: " Der ADAC hält die österreichische Studie für absolut seriös und der Rückgang der Unfallzahlen in Österreich zeigt sehr deutlich, dass diese Maßnahme ein Erfolg ist. Deshalb fordert der ADAC, zeitnah das Mehrphasenausbildungssystem auch in Deutschland einzuführen, denn es besteht akuter Handlungsbedarf."

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2012, 22:14 Uhr

2. susanne:
ich habe schon an 2 trainings teilgenommen - freiwillig. es macht spaß, aber vor allem zeigt es einem die grenzen vom auto und von sich selber auf. ich wäre dafür, ein training vor oder während der fahrschule zu absolvieren.
10.05.2012
20:02 Uhr
1. Frank Liske:
Warum warten, bis der Gesetzgeber handelt? Wir führen seit 4 Jahren sehr erfolgreich unser gemeinnütziges Projekt Mission Zero durch. Das Projekt wird vom Freistaat und der Sparkasse finanziell unterstützt und fördert nachweislich eine signifikante Verhaltensveränderung jugendlicher Kraftfahrer. Zu schön, um wahr zu sein? Nein. Realität! Unser Konzept kann gern deutschlandweit übernommen werden.
08.05.2012
21:05 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK