Umschau | 24.07.2012 | 20:15 Uhr : Arbeitsmarktexperte: Job-Programm für Ältere hat nur Mitnahmeeffekte
Das Job-Programm "Perspektive 50plus" soll älteren Arbeitlosen zu neuen Jobs verhelfen. Der Staat zahlt dafür zwei Jahre lang hohe Lohnzuschüsse. Läuft die Förderung aber aus, endet meist auch wieder die Anstellung.
Bauzeichnerin Christine D. fand nach langer Arbeitslosigkeit wieder einen Job, ein Zwickauer Planungsbüro stellte sie ein. Dabei geholfen hatte das staatlichen Job-Programm "Perspektive 50plus", das 2005 aufgelegt wurde. Damit sollen ältere Arbeitslose wieder dauerhaft in Lohn und Brot gebracht werden. Um das zu erreichen, zahlt die öffentliche Hand dem Arbeitgeber über zwei Jahre lang einen Lohnkostenzuschuss von bis zu 70 Prozent. Der Bund stellt dafür jährlich 350 Millionen Euro zu Verfügung.
Das Zwickauer Planungsbüro war mit Christine Ds. Arbeit offenbar zwei Jahre lang zufrieden. Doch nachdem der Lohnkostenzuschuss nicht mehr gezahlt wurde, entließ der Arbeitgeber sie wieder. Die Firma wollte sich auf unsere Anfrage nicht zu ihrer Entscheidung äußern.
Nach der Kündigung musste Christine D. wieder Arbeitslosengeld II beziehen. Auf Arbeitslosengeld I hat sie keinen Anspruch, weil ihr Job im Planungsbüro gefördert wurde.
Arbeitsmarktexperte kritisiert falsche Förderpolitik
So wie der Zwickauerin erging es auch anderen älteren Arbeitslosen. Der Arbeitsmarktexperte Prof. Stefan Sell hat den Lohnkostenzuschuss für Ältere genauer untersucht. Er hält es für einen Fehler, wenn dieser nicht an die Bedingung der Nachbeschäftigung geknüpft wird. "Wenn wir Lohnkostenzuschüsse an Arbeitgeber zahlen, haben wir immer das Problem der Mitnahmeeffekte. Das zeigen die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte. Arbeitgeber nehmen die Förderung mit, dann trennen sie sich von dem Arbeitsnehmer und streichen dann beim nächsten die Förderung wieder ein", beschreibt Sell das Prinzip. Er plädiert dafür, Lohnkostenzuschüsse, die allein aufgrund des Alters gewährt werden, ganz zu streichen: "Die Unternehmen sollen sich gefälligst daran gewöhnen, dass die Erwerbsbevölkerung immer älter wird und dass man Menschen über 50 auch ohne Lohnkostenzuschuss einstellen muss."
Erfolgsgeschichte entpuppt sich als Null-Nummer
Selbst Arbeitnehmer, deren Vermittlung als Erfolgsgeschichte in einem Werbeprospekt für "Perspektive 50 plus" beschrieben wurde, sind heute wieder ohne Arbeit. Einer von ihnen ist Hans H. aus Kassel. Er wurde zu Volkswagen vermittelt. Dort besuchte der 58-jährige Klempnermeister Arbeitslosenschulungen und wurde dann selbst Kursleiter - alles bezuschusst mit Geld aus dem staatlichen Job-Programm. Als die Fördermittel ausliefen, bot VW nach eigenen Angaben Hans H. eine Weiterbeschäftigung in der Fertigung an. Auf Hans H. wirkte das allerdings wie Hohn, denn es war bekannt, dass er wegen seiner Krebserkrankung nicht mehr im Schichtsystem der Produktion arbeiten konnte. Heute ist er wieder arbeitslos. Nur eine von den fünf mit Hans H. im Werbeprospekt "Perspektive 50 plus" dargestellten Arbeitnehmern arbeitet tatsächlich noch.
