Umschau | 03.07.2012 | 20:15 Uhr : Fußball: Wie reiche Westvereine junge Ost-Talente kaufen
Wolfgang Seguin schoss für den 1. FC Magdeburg 1974 das 2:0 gegen AC Mailand. So wurde der Klub zum einzigen Europapokalgewinner aus der DDR. Das ist fast 40 Jahre her. Heute liest man den Namen Seguin wieder auf den Sportseiten der Zeitung. Gemeint ist dann aber sein Sohn Paul. Er möchte wie sein Vater eine Fußballer-Karriere machen. Und Wolfgang Seguin meint, Sohn Paul habe das Zeug dazu: "Das, was er hat, hab ich nicht gehabt. Ich hatte die Technik nicht, er hat eine wunderbare Technik", so die Fußballlegende.
Vereine wollen Spieler früh an sich binden
Doch vom Talent des Stendalers profitiert keiner der Fußballklubs in der Region, sondern der VfL Wolfsburg. Trainer Manfred Mattes hat Paul Seguin und seinen Freund Niklas Tille in Stendal entdeckt und nach Wolfsburg geholt. Damals waren die Jungen zehn Jahre alt. Mattes erklärt: "Wir plädieren dafür, dass wir die Kinder so früh wie möglich bekommen, denn bei uns geht das alles professioneller zu." Die heute 17-Jährigen spielen derzeit noch im U17-Nachwuchsteam des Bundesligavereins und ab August in der A-Jugend-Bundesliga. Beide Talente sind vertraglich an den VfL Wolfsburg gebunden. Sie erhalten monatlich 250 Euro und das Ticket für die tägliche Zugfahrt von Stendal nach Wolfsburg zum Training.
Ost-Trainer: Westvereine locken mit Geld und Arbeit
Der VfL Wolfsburg ist eine hundertprozentige Tochter der Volkswagen AG. Für seine Jugendarbeit hat der Verein jährlich sechs Millionen Euro zur Verfügung. Der Klub verfügt über eines der modernsten Nachwuchsleistungszentren Deutschlands und investiert schon früh in Talente wie Paul und Niklas. Ostvereine wie der 1. FC Magdeburg können da nicht mithalten. Ihr Jugendarbeit-Etat ist zwanzig Mal geringer als der der Wolfsburger. Zudem locken die Westvereine mit Dingen, die die Ostklubs nicht bieten können. Nach Auskunft Carsten Müller, Nachwuchsleiter beim 1. FC Magdeburg, werden Jugendliche 1.000 Euro im Monat versprochen, Entscheidungen der Eltern mit Arbeitsplätzen erleichtert oder kostenlose Sportausrüstungen im Wert von mehreren tausend Euro geboten.
"Kinderhandel" im Fußball umstritten
Der Pape-Cup in Magdeburg ist ein guter Platz für die Suche von Nachwuchstalenten im Fußball. Es ist die inoffizielle deutsche Meisterschaft für die 14-Jährigen. In diesem Jahr saßen 30 Talentscouts auf der Tribüne, von Erstligisten aus Deutschland und England. Manch einer spricht da inzwischen von "Kinderhandel". Kinder und Jugendliche zu verpflichten, ist umstritten. Doch es wird immer mehr zur Regel, denn es geht um Profit für die Vereine. "Vereine versuchen Spieler, die als Talent irgendwo erkannt werden, frühzeitig an sich zu binden, um hinten heraus sicherlich auch finanziell zu sparen", erklärt der deutsche U15-Nationaltrainer Frank Engel. Aber nicht alle Manager machen Verträge mit Eltern über die Köpfe der Kinder hinweg. Zwei von ihnen sind der ehemalige Nationalspieler Marco Rehmer und Björn Schulz. Sie suchen das persönliche Gespräch mit den Eltern und schließen Verträge erst ab, wenn die Jungen volljährig sind
Schule leidet unter angestrebter Profikarriere
Der Weg zum Fußballprofi hat auch seine Schattenseiten. Am Vormittag gehen die 17-jährigen Paul und Niklas in Stendal zur Schule. Danach geht es mit dem Zug von Montag bis Freitag jeden Tag zum Training nach Wolfsburg. Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Lernen. Das Ergebnis: Zuletzt konnten beide nicht versetzt werden. Niklas Tille hat das Problem zwar erkannt, teilt aber nicht die Meinung der anderen: "Sie sagen zwar alle, Schule ist wichtiger. Aber in meinen Augen ist Schule nicht wichtiger als Fußball, weil Fußball ist mein Traum."
