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Umschau | 16.10.2012 | 20:15 Uhr : Verhängnisvolle Verwechslungen: Vergiftungsgefahr bei Pilzen

Knollenblätterpilze sind die gefährlichsten Pilze in unseren Breiten. Ihr Gift wirkt schmerzhaft und führt zu Leberversagen. Aber auch andere Pilze können gefährlich werden. Manche galten sogar lange noch als essbar.

Ein Korb voller Pilze.

Bernd-Ingo F. ist ein echter Pilzkenner. Die Pilzstellen um seine Heimatstadt Weißwasser kennt er wie seine Westentasche. Er ist nicht nur ein leidenschaftlicher Sammler, sondern liebt auch die Pilzmahlzeiten. Das liegt in der Familie. Schon als Junge ist er mit seiner Mutter oft "in die Pilze gegangen". Die Mutter hat einen Teil der Pilze zubereitet und besonders hübsche kleine Pilze eingeweckt. Ein solches Glas mit eingeweckten Pilzen hat Bernd-Ingo F. nach dem Tod seiner Mutter geöffnet und zubereitet. "Wunderbar hat das geschmeckt", erinnert er sich.

Doch nach mehr als zehn Stunden spielte sein Körper verrückt und er bekam furchtbare Schmerzen:

"Durchfall, Erbrechen bis zum Würgen und Magenkrämpfe. Das tut richtig weh."

Bernd-Ingo F.

Per Hubschrauber nach München

Grüner Knollenblaetterpilze
Der Grüne Knollenblätterpilz ist der giftigste der heimischen Pilze.

Schnell erinnerte er sich an seine Pilzmahlzeit und rief den Notarzt um Hilfe. Der erkannte den Ernst der Lage und brachte ihn sofort in die Klinik nach Weißwasser. Doch die Ärzte konnten ihm nicht helfen und ließen ihn mit dem Hubschrauber ins Münchener Klinikum Rechts der Isar bringen. In der dortigen Toxikologie-Abteilung ist man auf Pilzvergiftungen spezialisiert. Anhand der Reste aus dem Einweckglas, das im Hubschrauber mitgenommen worden war, stellte sich im Labor heraus, dass ein Knollenblätterpilz hinter der Vergiftung steckte.

Am seidenen Faden

Als Bernd-Ingo F. in München ankam, hing sein Leben nur noch an einem seidenen Faden. Die Leber arbeitete nicht mehr, die Blutgerinnung hatte ausgesetzt und auch die Hirnleistung war eingeschränkt. Prof. Florian Eyer erinnert sich:

"Es gab den Verdacht, dass dieser Patient die Vergiftung allenfalls mit einer Transplantation überleben würde."

Prof. Florian Eyer, Toxikologe

Bernd-Ingo F. hatte Glück im Unglück. Weil jede Sekunde zählte und ihn nur noch eine Lebertransplantation retten konnte, musste er nicht warten, sondern bekam sofort ein Spenderorgan. Später bekam er auch noch eine neue Niere, denn hier hatte die Knollenblätterpilz-Vergiftung zu Schäden geführt.

Irrtümer in Pilzbüchern

Frühjahrslorchel
Die Frühjahrslorchel galt lange als essbar.

Früher wurden Pilzarten makroskopisch bestimmt, später half das Mikroskop bei der Identifizierung und heute werden Pilze anhand von DNA-Sequenzen klassifiziert. Dennoch wissen selbst Fachleute über die fünf- bis sechstausend Pilzarten in Deutschland relativ wenig. Allerdings weiß man inzwischen, dass einige Pilze, die lange als genießbar galten, durchaus giftig sind.

In einem Buch von 1975 heißt es etwa, die Speise- oder Frühlingslorchel ist "abgebrüht oder getrocknet essbar". Eine andere Ausgabe von 1968 beschreibt den Pilz als "bedingt essbar". Bettina Haberl weiß es besser. Sie ist Pilzsachverständige an der TU München und hat unter anderem auch die Knollenblätterpilze aus Bernd-Ingo F.s Einweckglas identifiziert. Bei der Speiselorchel rät sie zur Vorsicht:

"Es ist insofern ein Problempilz, weil er Giftstoffe enthält. Die sind beim Kochen zwar flüchtig und dampfen ab. Ein Rest bleibt allerdings immer noch im Pilz. Es ist letztlich ein Russisch-Roulette-Spiel."

Bettina Haberl, Pilzsachverständige, TU München

Auch der Grünling wird in älteren Pilzratgebern zu den essbaren Pilzen gezählt. Allerdings wurde er 2001 von französischen Wissenschaftlern als Giftpilz überführt. Sie fanden heraus, dass der Pilz eine Muskelschwäche verursachen kann, die in einigen Fällen sogar zum Tode geführt hat.

Beim Kahlen Krempling hieß es noch 1971: "roh giftig, gekocht mit Vorbehalt essbar". Bettina Haberl warnt jedoch dringend davor, diesen Pilz in den Korb zu legen:

"Es sind schon Fälle vorgekommen, bei denen Patienten an der Hämolyse, also dem Zerfall der roten Blutkörperchen, und anschließendem Nierenversagen gestorben sind."

Bettina Haberl

Auch der Nadelholzhäubling wird dem Ruf als essbarer Pilz, den ihm ein Pilzbuch von 1975 noch bescheinigte, nicht gerecht. Schlimmer noch:

"Er enthält Amatoxine, dieselben Giftstoffe, die auch Knollenblätterpilze enthalten. Wir hatten auch schon eine Patientin, der tatsächlich eine neue Leber transplantiert werden musste."

Bettina Haberl

Wer Pilze sammelt, sollte also genau wissen, was er in den Korb tut. Und wer dabei ein Pilzbuch zurate zieht, sollte nicht auf ältere Ausgaben zurückgreifen.

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Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2012, 22:08 Uhr

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