Umschau

Umschau | 23.08.2011 | 20:15 Uhr : Fahrradhelme können Leben retten

Immer mehr Leute lassen immer öfter das Auto stehen und nehmen das Rad. Doch das besteigen sie ungeschützt. Im Gegensatz zu anderen Ländern in Europa gibt es in Deutschland noch keine Helmpflicht. Viele Unfallopfer könnten heute noch Leben, wenn sie einen Helm getragen hätten.

Frau mit einem Kind auf Fahrrad

Bei Verkehrsunfällen kommen Kinder vor allem bei Fahrradunfällen zu Schaden. Von den insgesamt rund 11.000 verunglückten Kindern unter 15 Jahren erlitten 36 Prozent bei einem Fahrradunfall einen Schaden. Umso wichtiger ist es, die Kinder mit einem Fahrradhelm zu schützen. Doch die Zahl der Kinder, die einen Helm tragen, ist nach den Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen von 56 auf 38 Prozent zurückgegangen. Dieser Trend setzt sich über alle Altersgruppen fort. Insgesamt enden in Deutschland 450 Fahrradunfälle pro Jahr tödlich.

Nach Fahrradunfall sieben Jahre im Wachkoma

Mit einem einfachen Fahrradhelm hätte wahrscheinlich die Tochter von Brigitte B. heute noch leben können. Als ihre Tochter 16 Jahre alt war, verunglückt sie mit dem Fahrrad. Brigitte B.: "Sie muss mit dem Vorderrad an die Bordsteinkante gekommen sein und hatte wohl soviel Schwung drauf, so dass sie dann Kopfüber über den Lenker geknallt ist. Dann ist sie mit dem Kopf auf einen Blumenkübel aufgeschlagen. Sie hatte eine kleine Schürfwunde an der Hand. Alles andere hat sie mit dem Kopf abgefangen." Die Kopfverletzung ist so schwer, dass sie ins Wachkoma fällt. Nach über sieben Jahren stirbt sie im Alter von 23 Jahren.

Die Folgen eines Fahrradsturzes

Ein Dummy auf dem Fahrrad kracht gegen die Motorhaube eines Autos
Bei so einer Unfallsituation landet der Radfahrer meist mit dem Kopf auf der Straße.

Wie stark der Kopf beim Sturz gefährdet ist, zeigen Crashtests des ADAC. Ein Pkw rammt von der Seite einen Fahrradfahrer mit Kind im Kindersitz. Der Radfahrer kann nicht mehr reagieren und wird mit dem Kopf ungebremst auf die Straße geschleudert. Das Kind im Kindersitz schlägt mit dem Kopf direkt nach dem Sturz hart auf die Motorhaube auf. Andere Bilder des ADAC beweisen, dass sich auch Kinder im Fahrradanhänger bei einem Unfall schwere Kopfverletzungen zuziehen können. Dr. Peter Göbel, Chefarzt im Kinderzentrum Halle, weiß, warum Kinderköpfe besonders stark gefährdet sind: "Der Schwerpunkt des Körpers ist bei den kleinen Kindern mehr im Bereich des Kopfes. Bei Erwachsenen nimmt der Kopf etwa ein Neuntel der Körperlänge ein. Bei einem Kind kann das bis zu einem Drittel sein. Aus diesem Grund fällt ein Kind immer auf den Kopf. Deshalb ist es so wichtig, dass der Kopf geschützt wird."

Forderung nach Helmpflicht

Viele sprechen sich fürs Helm tragen gerade bei Kindern aus. Doch im Gesetzbuch sucht man vergeblich nach verbindlichen Vorschriften. Selbst für Kleinkinder in Kindersitzen oder Anhängern besteht keine Helmpflicht. In Deutschland sind die Verkehrsminister der Länder für diese Fragen zuständig. Aber das Ergebnis der jüngsten Abstimmung war eindeutig: Helm tragen ist und bleibt freiwillig. Was dafür spricht, erläutert der Brandenburgische Verkehrsminister Jörg Vogelsänger (SPD), der derzeit auch Vorsitzender der Verkehrsministerkonferenz ist: "Eine Helmpflicht müsste auch durchgesetzt werden. Es gibt da große Bedenken von ADFC, der ganz deutlich gesagt hat, dass eine Helmpflicht eher dazu führt, dass der eine oder andere das Fahrrad nicht benutzt. Und deshalb wird das eher auf eine freiwillige Aktion hinauslaufen.“

Helmpflicht in anderen europäischen Ländern

Doch blickt man über Deutschlands Grenzen hinweg, sieht es da schon anders aus. Österreich hat die Helmpflicht für Kinder bis zehn Jahren eingeführt. Auch Kinder in Finnland müssen mit Helm fahren. In Spanien und Tschechien gilt die Pflicht sogar für  Erwachsene. Und auch in Schweden gibt es die Helmpflicht schon lange. Hier ist die Anzahl tödlicher Fahrradunfälle seitdem deutlich gesunken. In der deutschen Politik zählen solche Argumente allerdings nur bedingt. "Man muss sehen. Man kann von anderen lernen aber nicht alles übernehmen", meint Minister Jörg Vogelsänger.

Zuletzt aktualisiert: 23. August 2011, 18:16 Uhr

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