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Umschau | 03.04.2012 | 20:15 Uhr : Dessauer Traditionsunternehmen schon wieder vor dem Aus

Die Fahrzeugtechnik Dessau steht wieder mal vor der Pleite. Noch im Februar verkündete der rumänische Eigentümer, dass der Betrieb einen Großauftrag erhalten habe. Seit Monaten gibt es Streit zwischen Chef und Belegschaft um ein tragfähiges Konzept. Dabei wurde mit Arbeitsbedingungen, die schlechter als in Osteuropa sind, gedroht.

Das Werksgelaende der Fahrzeugtechnik Dessau FTD GmbH in Dessau-Rosslau.

Die traditionsreiche Fahrzeugtechnik Dessau steht mal wieder vor der Pleite. Es wäre die zweite innerhalb von fünf Jahren. Eine Krankenkasse hat einen entsprechenden Insolvenzantrag beim Amtsgericht gestellt, weil der rumänische Unternehmenschef Stefan Movila die Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt hat. Und auch die Löhne blieben im Januar bei einem Großteil der Belegschaft ganz oder teilweise aus. Damit habe er das durchgesetzt, was er eigentlich zuvor mit neuen Verträgen versucht habe - Bezahlung nach Kassenlage, kommentiert Manfred Pettche von der Gewerkschaft IG Metall in Dessau. Im Februar verbreitete Movila noch die Meldung von einem Großauftrag aus Kasachstan, der die Zukunft des Unternehmens sichere. Dann tauchte der rumänische Geschäftsmann ab. Gleichzeitig bekamen die Mitarbeiter nun gar keinen Lohn mehr.

Das Gericht hat inzwischen bereits einen Insolvenzverwalter bestimmt. Die Entscheidung, ob das Gericht dem Insolvenzantrag entspricht, steht noch aus.

Probleme beginnen mit dem Verkauf an Rumänen

Fahrzeugtechnik Dessau
Gute Technologie, schlechtes Management - die Belegschaft der Fahrzeugtechnik Dessau wirft ihrem Chef Versagen vor.

Wie konnte es soweit kommen? 2008 schlitterte das Unternehmen schon mal in die Pleite. Damals schaffte es der Insolvenzverwalter, die Firma wieder fit zu machen. Das Unternehmen war offenbar so attraktiv, dass sich ein Käufer fand. Im selben Jahr übernahm der rumänische Eisenbahnbetreiber Compania de Transport Feroviar das Unternehmen. Der gehört dem früheren Tennisstar Ilje Nastase und der Familie von Stefan Movila, der seitdem das Sagen im Dessauer Werk hat.

Schlechtes Bild als Arbeitgeber in Rumänien

Stefan Movila ist in Rumänien nicht nur Unternehmer, sondern hat auch politische Ambitionen. 2008 kandidierte er erfolglos für das rumänische Parlament. Für die Kandidatur hatte er ein Video produziert. In dem stellte er sich selbst als streng gläubigen Familienvater und erfolgreichen Unternehmer dar. In dem Film hieß es, dass er bis zu 5.000 Leute beschäftigt. Im Internet finden wir jedoch einen TV-Beitrag in rumänischer Sprache, in dem seine Arbeiter protestieren. In der Waggonbaufabrik Rova südlich von Bukarest hatten sie monatelang gearbeitet und keinen Lohn bekommen.

Investor ohne Konzept für Dessauer Werk

Auch in Dessau tritt Movila als despotischer Alleinherrscher auf. Nach Auskunft der Arbeitnehmervertretung hat er Kunden und die kreativsten Köpfe der Firma verschreckt. Die Konstruktionsabteilung hat mittlerweile geschlossen den Betrieb verlassen. Damit fehlt den Dessauern das innovative Herz der Firma. Hochwertige Züge, wie z.B. der Protos, können nicht mehr gebaut werden. Stattdessen zieht Movila zweifelhafte Aufträge an Land. Er will Güterwagen für die Ukraine bauen lassen. Doch mehr als ein Prototyp ist bis jetzt nicht herausgekommen. Movila schaffe es nicht, die Produktion zu organisieren, so der Vorwurf aus der Belegschaft. Die Arbeiter werkeln stattdessen an kleineren Aufträgen herum, meist als Zulieferer für andere Unternehmen. Auch die Dessauer rutschen so in die roten Zahlen.

Chef will mit "Osteuropäischen Arbeitsbedingungen" Geld sparen

Movila will sparen, vor allem beim Lohn. So kündigte der Unternehmer im Herbst 2011 130 Beschäftigten fristlos und bot ihnen gleichzeitig neue Arbeitsverträge. Die sind aber viel schlechter als die bisherigen. Movila will u.a. Urlaub streichen und nur noch Lohn zahlen, wenn es die Auftragslage zulässt. Experten meinen, so etwas wäre auch in der rumänischen Heimat von Movila rechtswidrig. In dem Streit behauptete Movila damals, dass die Mitarbeiter nicht arbeiten wollen. Sie seien faul: "Die Mitarbeiter freuen sich nicht, dass ich Aufträge bringe", erklärte er. Die Belegschaft warf ihm dagegen vor, dass er keine Ahnung habe, wie man eine Firma zu leitet, und damit den Betrieb Stück für Stück ruinieren würde. "Es ist beschämend, dass so etwas hier passiert. So ein traditionsreiches Unternehmen wird so runter gewirtschaftet", erklärt ein Arbeiter.

Belegschaft sieht Hoffnungsschimmer in der Insolvenz

Jetzt stehen Dessaus Schienenfahrzeugbauer wieder mal vor dem Aus. Doch aus der Erfahrung schauen einige optimistisch in die Zukunft, wenn von Insolvenz die Rede ist. "Jetzt haben wir eigentlich die Hoffnung, dass mit der Insolvenz die Möglichkeiten, die in der Firma stecken, wieder zum Tragen kommen. Und wir hoffen, dass wir dann anschließend wieder vernünftige und qualitätsgerechte Arbeit abliefern können für unsere Kunden, die eigentlich immer mit unserer Arbeit zufrieden waren", erklärt der Waggonbauer Mario Mellin.

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Wie Fahrzeugtechnik Dessau ruiniert wird

Beim traditionsreichen Unternehmen "Fahrzeugtechnik Dessau" gibt es Streit zwischen Chef und Belegschaft. Die Mitarbeiter klagen, dass die Firma heruntergewirtschaftet wird.

03.04.2012, 20:15 Uhr | 05:13 min

Zuletzt aktualisiert: 03. April 2012, 21:50 Uhr

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