Umschau | 21.08.2012 | 20:15 Uhr : Unfallrisiko Kopfhörer wird unterschätzt
Straßenbahnfahrer klagen, dass sie immer häufiger bremsen müssen, weil ihnen Fahrradfahrer mit Kopfhörer vor das Fahrzeug fahren. Zahlen zu einem Anstieg dieser Unfallursache gibt es nicht, doch das Unfallrisiko steigt, wenn Verkehrsteilnehmer mit Kopfhörern unterwegs sind. Das haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden.
Immer mehr Fußgänger und Fahrradfahrer bewegen sich im Straßenverkehr und hören dabei Musik über Kopfhörer. Bei einer ganztägigen Fahrradfahrerkontrolle der Polizei in der Leipziger Innenstadt war nach Auskunft der Beamten 20 bis 25 Prozent der kontrollierten Radler mit Kopfhörern unterwegs. Unfälle, die durch Fußgänger oder Radfahrer mit Kopfhörern verursacht werden, nehmen zu. Gesicherte Zahlen gibt es dazu zwar noch nicht. Doch es gibt Hinweise auf einen Anstieg, u.a. bei den Verkehrsbetrieben. Seit einiger Zeit tauchen u.a. auch bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) immer wieder Eintragungen wie "Gefahrenbremsung wegen Fahrradfahrer mit Kopfhörer" auf. LVB-Straßenbahnfahrer Heiko Haase berichtet: "Das hat die letzten Jahre zugenommen. Ich bin der Meinung, da müsste endlich mal was getan werden." Vor einem Verbot muss der Nachweis stehen, wie groß das Gefährdungspotential und damit das Unfallrisiko ist.
Wissenschaftler: schon leise Musik erhöht das Unfallrisiko
Eine noch nicht veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG) zeigt jetzt erstmals, dass nicht nur sehr laute Kopfhörermusik, sondern Beschallung bereits in Gesprächslautstärke die Wahrnehmung bei Fußgängern und Radfahrern erheblich einschränkt. So werden sie bereits mit leisen Tönen auf den Ohren zum Unfallrisiko im Straßenverkehr. Die Wahrnehmungseinschränkung haben die Forscher mit der Reaktionszeit auf Straßenverkehrsgeräusche gemessen. Je größer die Reaktionszeit ist, desto größer die Wahrnehmungseinschränkung. Als die Testpersonen mit Kopfhörermusik nur in Gesprächslautstärke abgelenkt wurden, hat sich die Reaktionszeit bereits um ein Fünftel erhöht. "Das Problem liegt nicht nur in der Lautstärke, sondern auch die Ablenkung durch die Verarbeitung des Gehörten", sagt Dr. Hiltraut Paridon. Unter ihrer Leitung wurde die Studie durchgeführt. Dabei wurden je 20 Männer und Frauen im Durchschnittsalter von 28 Jahren getestet.
Polizei ohne Handhabe gegen Kopfhörerbenutzung im Straßenverkehr
Bislang hat die Polizei keine Handhabe, gegen Kopfhörerträger im Straßenverkehr vorzugehen. In der Straßenverkehrsordnung heißt es zwar seit 1980: "Der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch Geräte […] beeinträchtigt wird." Doch diese abstrakte Formulierung ist im Alltag praktisch nicht anzuwenden. Eine Novellierung dieses Textes und ein Verbot hält das Bundesverkehrsministerium derzeit nicht notwendig. "Es ist ein relativ neues Phänomen im Straßenverkehr. Wenn es wirklich ein großes Problem darstellen sollte, dann sind wir auch gefordert, eine rechtliche Regelung zu treffen. Aber wenn die Auswirkungen kaum oder nur wenig nachweisbar sind, dann ist es relativ schwierig, eine Begründung dafür zu finden, warum hier der Gesetzgeber tätig werden sollte", erklärt Jan Mücke, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Zumindest lässt seine Dienststelle inzwischen untersuchen, wie gefährlich das Musikhören im Straßenverkehr ist.
Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.
