Umschau | 10.04.2012 | 20:15 Uhr : Hersteller täuschen regionale Nähe vor
Die Fische im Rügener Heringstopf kommen nicht von der Insel, sondern haben schon eine halbe Weltreise hinter sich. Der Bautz’ner Rotkohl entpuppt sich als bayrischer Import. Und auch die Sachensmilch-Frischmilch kommt nicht aus Sachsen. Das erfährt man aber erst, wenn man wie ein Detektiv recherchiert. Dafür haben die meisten Kunden jedoch keine Zeit und auch nicht das Knowhow. Zudem machen es die Denkstrukturen der Kunden den Händlern und Herstellern leicht, erklärt Werbepsychologe Joost von Treeck. Er weiß, was sich im Kopf der Kunden abspielt: "Die häufigsten Einkäufe, die ich tätige, passieren im Automatik-Modus (…). D.h. das wir dann auch auf viele Dinge reinfallen."
Wettbewerbszentrale stellt Irreführung fest
Die Werbung mit einer falschen regionalen Herkunft sieht Christiane Köber von der Wettbewerbszentrale Bad Homburg kritisch. Sie erklärt: "Wenn die Verpackung dem Verbraucher suggeriert, dass die Milch aus Sachsen kommt, dann liegt wettbewerbsrechtlich eine Irreführung vor. Sowohl das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb als auch lebensmittelrechtliche Vorschriften verbieten Unternehmen, Verpackungen irreführend zu gestalten." Im Fall der Sachsenmilch-"Frische Vollmilch", die aus Bayern kommt und dort abgefüllt wird, will die Wettbewerbszentrale nach den Recherchen der Umschau jetzt aktiv werden.
Siegel "Geschützte geografische Angabe" mit zu weichen Kriterien
Bislang gibt es kaum vorgeschrieben und aussagekräftige Regional-Siegel, auf die sich Kunden verlassen können. Es existiert zwar ein EU-Siegel, das Auskunft über die Herkunft gibt, doch das hilft auch nicht weiter, weil auch dabei alles möglich ist. Zum Beispiel ist die Bezeichnung "Schwarzwälder Schinken" eine "Geschützte geografische Angabe". Doch wer denkt, dass der Schinken aus dem Schwarzwald kommt, liegt falsch. Nur die Verarbeitung muss im Schwarzwald stattfinden. Das Fleisch hingegen kann aus der ganzen Welt kommen.
Bundesregierung will freiwillige Kennzeichnung anregen
Die Herkunft regionaler Lebensmittel soll künftig deutlich besser gekennzeichnet werden, kündigt Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) an. Im Mittelpunkt des neuen Konzepts steht ein "Regionalfenster". Mit diesem könne bei zusammengesetzten Produkten für jede einzelne Zutat gezeigt werden, zu welchem Prozentsatz sie aus welcher Region stamme. Auch könne der Verarbeitungsort des Produkts dargestellt werden. Der Ministerin zufolge soll die Nutzung des "Regionalfensters" freiwillig sein. Es sei aber eine Zertifizierung und Kontrolle der Kennzeichnungen geplant, hieß es.
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