Umschau

Umschau | 27.03.2012 | 20:15 Uhr : Lehrermangel: Versäumnisse der letzten 20 Jahre werden offensichtlich

Mehr als 700.000 Stunden Unterricht fallen in Sachsen in einem Schuljahr aus. An manchen Schulen kann jede zehnte Stunde nicht wie vorgesehen gehalten werden. Ein wesentlicher Grund dafür ist die dünne Personaldecke bei Lehrern. Was jetzt als akutes Problem erscheint, hat Wurzeln, die viele Jahre zurück reichen.

Nach der Wende brachen im Osten die Geburtenzahlen ein. Kamen 1990 in Sachsen noch mehr als 50.000 Kinder zur Welt, waren es drei Jahre später nicht einmal mehr halb so viele. Damit war absehbar, dass auch die Schülerzahlen bald dramatisch sinken würden. Darauf reagierte die Politik und baute Lehrerstellen ab, um Kosten zu sparen. Dafür wurden beispielweise weniger Lehramtsstudenten in den Schuldienst übernommen als altersbedingt ausschieden. Ab 1992 wurden außerdem Grund- und Mittelschullehrer, später auch die Gymnasiallehrer in Teilzeitbeschäftigungen mit verringerten Einkommen gedrängt.

Geburtenzahlen Sachsen

Politik verschläft Trendwende bei Geburten

1995 gab es eine Trendwende bei den Geburtenziffern. Seitdem kommen fast jedes Jahr immer mehr neue Sachsen zur Welt. Die Politik versäumte es, diese Entwicklung im Bildungsplan zu berücksichtigen. Damit steigt auch die Zahl der Schüler wieder stark an, jedoch nicht die der Lehrer. Im Gegenteil: Weiterhin werden Jahr für Jahr weniger Pädagogen beschäftigt. Zwar wurde die Zahl der Neueinstellungen in den letzten Jahren aufgestockt. Doch ersetzen die Nachwuchskräfte noch nicht einmal diejenigen, die jedes Jahr in den Ruhestand gehen. So klafft die Schere zwischen der Zahl der Schüler und jener der Lehrer im Freistaat immer weiter auseinander.

Grafik Entwicklung Schüler Lehrerzahlen

Probleme bei der Lehrerausbildung

Wer anderen etwas beibringen soll, muss erst einmal selbst lernen. Dabei unterscheidet sich die Ausbildung nicht nur nach dem Fach, das später gelehrt werden soll, sondern auch nach der Art der Schule. Dazu zählen Grundschule, Mittelschule, Gymnasium und Förderschule. Um alle optimal mit Personal auszustatten, müssten die Verantwortlichen das bereits bei der Lehrerausbildung steuern. Das passiert aber nicht. Da jeder das studiert, was er mag, gibt es einen besonders großen Lehrermangel an Grund- und Förderschulen und für weniger populäre naturwissenschaftlich-technische Fächer wie Physik, Chemie und Mathematik. Die besseren Verdienstmöglichkeiten an Gymnasien erklären dabei den Lehrermangel an Grund- und Förderschulen. Erste Lenkungsversuche beim Lehramtsstudium gab es bereits, indem es unabhängig von der späteren Schulform vereinheitlicht wurde. Die Regelung soll aber nun wieder rückgängig gemacht werden.

Abwanderung von Lehrern

Auch westliche Bundesländer leiden an Lehrermangel. Um ihn zu beheben, locken sie mit besseren Arbeitsbedingungen Absolventen aus dem Osten an. Sachsen gönnt seinen Lehrkräften nur eine vergleichsweise bescheidene Bezahlung. Ein erfahrener Gymnasiallehrer bekommt monatlich weit über 1.000 Euro weniger als in Hessen. Die Verbeamtung, die in den meisten anderen Bundesländern im Gegensatz zu Sachsen möglich ist, liefert einen zusätzlichen Anreiz zur Abwanderung. Und auch die zwangsweise Herabstufung auf Teilzeit hat viele teuer ausgebildete Lehrer aus dem Land getrieben.

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2012, 10:11 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK