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Umschau | 11.12.2012 | 20:15 Uhr : "Nikolausasphalt": Warum der Straßenbau zum Jahresende oft Pfusch ist

Am Ende des Jahres haben Straßenbauunternehmen viel zu tun. Zahlreiche Straßen müssen sie erneuern - obwohl Kälte, Nässe und Schnee dafür alles andere als ideal sind. Denn der "Nikolausasphalt", wie Experten diese Straßenbeläge nennen, hält nicht sehr lang. Die Kosten für baldige Reparaturen trägt der Steuerzahler. Bleibt die Frage, warum unter solchen Bedingungen überhaupt gebaut wird.

Ein Arbeiter füllt ein großes Schlagloch mit heißem Teer.

Die besten Bedingungen für den Straßenbau gibt es im Frühling und im Sommer. Aber ausgerechnet dann warten die Straßenbauunternehmen auf Aufträge und haben Schwierigkeiten, ihre Mitarbeiter zu beschäftigen. Im Winter dagegen kommen sie mit der Arbeit kaum nach, weil die Kommunen dann noch einmal viel Geld ausgeben. Denn was jetzt im Haushalt übrig ist, muss noch verbraucht werden, um das Budget fürs nächste Jahr zu sichern. Also bekommen die Straßen schnell noch frische Beläge.

"Nikolausasphalt"

Straßenbau
Zwei Grad Celsius bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit sind keine guten Bedingungen für den Straßenbau. Asphaltiert wird trotzdem.

Weil aus diesem Grund um den Nikolaustag herum viele Straßendecken bei Schnee und Kälte gelegt werden, sprechen Experten von "Nikolausasphalt". Der ist dafür bekannt, nicht besonders lange zu halten, weil er unter denkbar unsgünstigen Witterungsbedingungen aufgebracht wurde. Zum Vergleich: Eine nach Norm gebaute Straßendecke hält 10 bis 15 Jahre, der "Nikolausasphalt" dagegen nur fünf Jahre. Für eine lange Lebensdauer empfiehlt die Qualitätsgemeinschaft für Straßenbau "... Walzasphalt nicht unter einer Außentemperatur von fünf Grad Celsius einzubauen. Bei tieferen Temperaturen besteht die akute Gefahr, dass die geforderten Werte für den … Verdichtungsgrad nicht eingehalten werden können."

Straßenbau unter den falschen Bedingungen

Was das konkret heißt, zeigt sich am Beispiel der Meißner Straße in Radebeul, wo gegenwärtig gebaut wird. Andreas Becht vom Automobilclub Europa misst hier eine Temperatur von zwei Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent. Das sind keine Idealbedingungen zum Asphaltieren:

"Sie brauchen, um Asphalt aufzubringen, eine geeignete Umgebungstemperatur und einen trockenen Untergrund. Sonst ist die Gefahr groß, dass der Asphalt zu schnell auskühlt und sich Risse bilden."

Andreas Becht vom Automobilclub Europa

Durch die Risse dringt Wasser, sodass die Straßen bei Frost brüchig werden. Schlaglöcher und Risse sind die Folge. Und die Kosten bald anstehender Reparaturen trägt - der Steuerzahler. Obwohl bereits Schnee liegt, hält man beim sächsischen Landesamt für Straßenbau und Verkehr Sachsen die Bedingungen für tolerierbar und weist die Verantwortung von sich:

"Letztlich sind wir insofern ein bisschen auf der sicheren Seite, dass wir mit den Baufirmen, die wir beauftragt haben, ja vertraglich verabredet haben, welche Qualität dann am Ende abzuliefern ist."

Isabel Siebert, Landesamt für Straßenbau und Verkehr Sachsen

Ein Bauunternehmer muss die Qualität der Straßen für vier Jahre gewährleisten. Aufträge in der kalten Jahreszeit werden für ihn dadurch gewissermaßen zum Glücksspiel, wie Christian Guss von der Qualitätsgemeinschaft Städtischer Straßenbau erklärt:

"Von den Straßenbaufirmen wird im Herbst und im Dezember teilweise Unmögliches verlangt: Die klimatischen Randbedingungen werden nicht richtig berücksichtigt, und das mit Materialen, die im Sommer hervorragend geeignet, aber im Winter nicht einbaubar sind. Dann kommen wir an unsere Grenzen und können unsere vertraglichen Verpflichtungen, Qualität für vier Jahre zu liefern und auch zu gewährleisten, nicht mehr vollumfänglich nachkommen."

Christian Guss, Qualitätsgemeinschaft Städtischer Straßenbau

Ausgaben für Straßenbau im Winter am höchsten

Straßenbau
Rissige Straßendecken werden schneller brüchig.

Welche Folgen der jahresendliche Straßenbau hat, zeigt sich unter anderem in der Leipziger Jahnallee. Die vielbefahrene Straße wurde im Herbst und Winter 2005 unter Hochdruck im Vorfeld der FIFA Fußball WM erneuert. Heute, nur sechs Jahre nach der Fertigstellung, ist sie voller Risse und Löcher rund ums Gleisbett. Verantwortlich für die Arbeiten waren die Leipziger Verkehrsbetriebe und das Tiefbauamt Leipzig. Dort macht man den Baudruck vor der Meisterschaft und einen zu frühen Bodenfrost für die schlechte Straßenqualität verantwortlich.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass der späte Straßenbau keineswegs eine Ausnahme ist, sondern  die Regel: Immer wenn die Temperaturen sinken, steigen nämlich die Ausgaben für den Straßenbau. In Sachsen-Anhalt etwa wurde im letzten  Quartal 2011 mehr für den Straßenbau ausgegeben als in allen anderen Quartalen. Selbst zur besten Bauzeit, im zweiten Quartal, flossen weniger Mittel in den Straßenbau. Die Statistiken Sachsens und Thüringens zeigen ein ähnliches Bild.

Balkendiagramm: Straßenbau-Ausgaben in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Ämter im "Dezemberfieber"

Aber warum werden Straßen meist dann gebaut, wenn die Witterung am ungünstigsten ist? Der Bund der Steuerzahler nennt dieses Phänomen "Dezemberfieber":

"Es ist noch Geld übrig, das weg muss, sonst würde es verfallen, wenn man es nicht macht. Deshalb wird geklotzt statt gekleckert, deshalb wird noch schnell das Geld ausgegeben, auch wenn es nicht immer sinnvoll oder notwendig gewesen wäre."

Knut Schreiter, Bund der Steuerzahler Sachsen

Wie im Fieber wird im Winter Geld für den Bau ausgegeben, obwohl das zahlreiche Kosten nach sich zieht. So geht etwa die Überwinterung der Baustellen ins Geld und auch für die erforderlichen Nachbesserungen der mangelhaften Straßen fallen Kosten an. Und wer zahlt das?

"Der Leidtragende des Ganzen ist natürlich der Steuerzahler, der die Chose damit doppelt und dreifach zahlt."

Knut Schreiter

Solange also Steuergelder im "Dezemberfieber" in den Straßenbau gesteckt werden, können sich die Bürger über die qualitativen und finanziellen Nachteile des "Nikolausasphalts" ärgern.

Eine Straße
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Ursachen und Folgen des "Nikolausasphaltes"

Zusätzlich zum Schnee behindern auch Baustellen weiterhin den Verkehr. Und das, obwohl Nässe und Kälte für den Straßenbau nicht gut sind. Wieso wird der Asphalt dann verlegt?

11.12.2012, 20:15 Uhr | 06:03 min

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2012, 22:18 Uhr

5. Thomas:
Das Problem liegt in der Natur insbesondere der kommunalen Haushalte. Wird ein städtischer Haushalt erst im Juli/August rechtskräftig, dann kann ich erst dann mit Ausschreibung und Bau beginnen. Also kann im II. Quartal auch kein Geld umgesetzt werden.
12.12.2012
13:12 Uhr
4. Alf:
Den o.a. Zitaten ist nichts hinzuzufügen, außer, dass das wahrscheinlich sogar so gewollt ist. Mehr Instandhaltungserfordernisse = mehr Aufträge = mehr Geld in den Firmenkassen. Das ist staatlich geplante Misswirtschaft! Und wenn es am "übrig gebliebenen Geld" hängt - na, dann plane man doch bitte sehr zukünftig in Jahresscheiben von April - März, da kann man dann im März das übrig gebliebene Geld sinnvoll mit Aufträgen verteilen.
12.12.2012
10:15 Uhr
3. Loqman :
Dafür sind die Pensionen sicher, und das ist doch alles, worauf es ankommt. Intelligenz ist - wie die Qualitätsreife von Gemüse - kein Erfordernis. Eine intelligente Lösung bestünde ja darin, die jahreszeitlich in der besten Qualität unmöglich zu erstellende Leistung im Dezemberwahn vielleicht zu bestellen - was den Vorteil der Preis- und zugleich der Arbeitsplatzgarantie hätte - und die Ausführung für den witterungsbedingt besser geeigneten Zeitraum im Folgejahr zu vereinbaren. Das Geld könnte zwischenzeitlich auf ein Anderkonto ausbezahlt werden - um der Kameralistik zu genügen! Aber dafür muß man wohl weltfremd sein.
12.12.2012
09:50 Uhr
2. Otto Werner:
Das erinnert mich ganz stark an meine langjährige bauleitende Tätigkeit in einem VEB Bau. Erst Planungs-Chaos, dann Termindruck. Dazu noch die Forderung: Spare mit jedem Pfennig, koste es was es wolle! Ein Hoch auf die Nachfolger!
12.12.2012
09:50 Uhr
1. Ulrich Wilke:
Dieser Jahresendausgebekrampf erinnert mich an die DDR: da ging im Dezember beispielsweise der Kaderleiter durch die Abteilungen eines Betriebes und mahnte: "Euer Krankenstand ist zu niedrig. Wenn das so bleibt, kürzen wir euch nächstes Jahr den Sozialfonds." Hier und heutzutage denken die Kommunalpolitiker ähnlich: "Da die Straßenbaubetriebe 5 Jahre garantieren, trifft mich die Verschwen= dung nicht mehr. Und nach mir die Sintflut!"
12.12.2012
08:02 Uhr

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