Umschau | 17.07.2012 | 20:15 Uhr : Wie die DDR-Küche zurückkehrt
In der DDR wurde nicht nur traditionell gekocht, sondern auch eigene Küchenkreationen entwickelt. Einige davon waren sehr beliebt, gerieten aber nach dem Ende der DDR in Vergessenheit. Nun erlebt die ostdeutsche Küche im Stillen eine Renaissance.
In der Leipziger Szenekneipe "Skala" gibt es seit Monaten ein wöchentlich wechselndes Gericht namens "Schulspeisung". Auf die Speisekarte kommen nach Auskunft von Koch Tobias Tamhayn nicht nur Jägerschnitzel, sondern auch Spirelli mit Wurstgulasch, Spinat und Ei, Leber mit Zwiebel und Apfel oder Saure Nierchen. Der geringe Preis lockt vor allem viele Studenten, aber auch ältere Gäste kommen, die dann oft sagen: "Das hab' ich ewig nicht gegessen". Auch die Kantine der Verbundnetz Gas AG, die vor 1990 ein Volkseigener Betrieb war, hält an Vorwende-Traditionen fest. Regelmäßig gibt es hier heute wieder regelmäßig ostdeutsche Küchentage. Dann werden Gerichte wie sächsische Flecke, Quark mit Kartoffeln und Leberwurst, Königsberger Klopse oder Nudeln mit Wurstgulasch angeboten. Passend dazu gibt es nicht etwa ein Dessert, sondern - Kompott. Und das kommt bei den Kantinengästen an: "Man hat dadurch auch wieder ein Kindheitsgefühl. Dadurch isst man auch am Ende immer wieder das gleiche", erklärt eine VNG-Mitarbeiterin
Psychologe: Ost-Essen weckt positive Gefühle der Vergangenheit
Die Renaissance der DDR-Küche hat einen guten Grund, wie der Ernährungspsychologe Dr. Thomas Ellrott erklärt. Das beobachtet er auch an sich selbst: "Wenn ich mal ein Stück Kuchen esse, dann esse ich meistens einen Streuselkuchen. Und das hat seinen Grund. Streuselkuchen ist nämlich ein ganz besonderer Kuchen. Den hat nämlich immer meine Oma gebacken, und zwar gleich blechweise." So, wie das bei ihm mit dem Streuselkuchen funktioniere, so funktioniere das bei anderen Menschen natürlich mit anderen Lebensmitteln, erklärt er. Nach seiner Meinung bringt das Jägerschnitzel bei den meisten positive Empfindungen zurück. Das könne etwa der Zusammenhalt unter Freunden sein, die Unbeschwertheit der Schulzeit, aber auch allgemein Erinnerungen an eine entschleunigte Zeit. All das rufe man mit dem Jägerschnitzel heute ab.
DDR-Küche selbst gemacht
Wer nicht warten möchte, bis das Lokal um die Ecke auch die "Schulspeisung" einführt, kann es zu Hause selbst versuchen. Hilfestellung gibt u. a. die Leipziger Kochschule "Lukullust". Dort gibt es demnächst den Kurs "So kochte der Osten". Einen wahren Schatz an Ost-Kochrezepten hat der Leipziger Buchverlag für die Frau gesammelt. Die klassischen DDR-Kochrezepte gibt es im ostdeutschen Kochbuchklassiker "Wir kochen gut". Nach Angaben der Verlagsleiterin Christa Winkelmann gibt es die "Mutter aller ostdeutschen Kochbücher" seit 50 Jahren. Zum Jubiläum gab es die 50. Auflage. "Auch weit über 100.000 Exemplare nach der Wende gedruckt und verbreitet. Natürlich verkaufen wir diese guten Bücher mit Osttradition vor allem in Ostdeutschland, aber wir haben auch sehr viele Leser in den alten Bundesländern. Da muss ich allerdings einschränkend sagen, das sind dann meist ausgewanderte Ostler", sagt Christa Winkelmann.
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