Umschau

Umschau | 25.09.2012 | 20:15 Uhr : Mitteldeutsche Weltmarktführer leiden unter Produktpiraterie

Mit kreativen Ideen und innovativen Produkten behaupten sich einige mitteldeutsche Firmen auf dem Weltmarkt. Doch immer wieder kommt es vor, dass andere ihre Erfolgsrezepte kopieren. Der Kampf gegen Plagiate ist ein schwieriges Unterfangen.

Hochgiftiges Quecksilber einzusparen, war das Ziel der Firma Geratherm, als sie vor 15 Jahren ein neuartiges Thermometer entwickelte. Heute sind Fieberthermometer ohne das gefährliche Schwermetall Realität und werden aus dem thüringischen Geschwenda in alle Welt exportiert. Technische Grundlage dieses Erfolgs ist eine besondere Mixtur auf der Basis von Gallium. Sie konnte das Quecksilber überflüssig machen und wurde von den Entwicklern in weiten Teilen der Welt durch Patente geschützt.

Geschwenda beherbergt noch einen weiteren Weltmarktführer. Es ist das Kunststoff- und Holzverarbeitungswerk KHW. Seine Spezialität sind Schlitten. Besondere Modelle aus Kunststoff, unter anderem für Kleinkinder und Behinderte, sind mehrfach für ihr Design ausgezeichnet worden. Weltweit verkauft kein anderer Hersteller so viele Kunststoffschlitten wie KHW.

Millionenverluste durch Kopierer

Doch die beiden Spitzen-Firmen verbindet ein Problem: Ihr Erfolg ruft Nachahmer auf den Plan, die ihre mühsam und kostspielig entwickelten Produkte eins zu eins kopieren. Oft verursachen ihnen Konkurrenten aus Osteuropa oder China mit Plagiaten erhebliche Einbußen. Nach Schätzungen von KHW-Geschäftsführer Ralf Groteloh liegt der dadurch entstehende Umsatzverlust seines Unternehmens jährlich bei ein bis zwei Millionen Euro.

Der Nachweis der Produktpiraterie ist allerdings schwierig. Ein chinesischer Großhändler bietet zum Beispiel im Internet Kopien des Erfolgsschlittens aus Thüringen an. Weil die Mindestabnahme jedoch bei 1.000 Stück liegt, ist es sehr teuer, ein Beweisstück zu erstehen.  

Qualitätsunterschiede

Die Kopien werden nicht nur in Fernost abgesetzt, sondern finden auch ihren Weg auf den heimischen Markt. Auf einer großen Internetplattform bietet ein deutscher Händler einen gefälschten Schlitten für 34,83 an – das Original kostet mehr als 50 Euro. Ein Schnäppchen für den Kunden sind solche illegalen Plagiate jedoch nicht. Denn beim Vergleich von Original und Fälschung zeigen sich erhebliche Qualitätsunterschiede. So besteht bei dem Plagiat durch scharfe Kanten und überstehende Schrauben sogar ein Verletzungsrisiko. Eine Prüfung durch den TÜV, wie sie das Thüringer Original absolviert hat, würde der chinesische Doppelgänger nicht bestehen.

Kampf gegen Plagiate teuer und aufwendig

Auch Thermometerhersteller Geratherm leidet unter rücksichtslosem Ideenklau. 15 Millionen Euro hat die Entwicklung der quecksilberfreien Galliumfüllung verschlungen. Noch hat sich diese Summe nicht amortisiert. Trotz Patentschutz schädigen auch hier Plagiate den Umsatz. Doch der Kampf gegen Produktpiraten ist teuer: 200.000 Euro wenden die Geschwendaer jährlich auf, um Fälschern das Handwerk zu legen. Das gestaltet sich jedoch auch hier mitunter schwierig. Von einem chinesischen Gericht etwa bekam man im Zuge einer Klage den wohlmeinenden Ratschlag, man solle doch stolz auf die Qualität der Raubkopien sein und mit deren Hersteller kooperieren. Damit waren 30.000 Euro Verfahrenskosten in den Wind geschossen.

Flucht nach vorn

Ein weiteres Problem besteht darin, die Piratenware wenigstens aus Europa fernzuhalten. Zwischenhändler sitzen in Spanien, Italien, Tschechien und vielen anderen Ländern. Alle 28 EU-Länder in ihren 23 Amtssprachen zu veranlassen, die Fälschungen abzufangen, ist ein enormer Aufwand. Das Thüringer Unternehmen tritt darum mit Kreativität die Flucht nach vorne an. Aktuelle Innovationen wie Ohrthermometer oder kontaktlose Fieberthermometer sollen weiterhin den Erfolg am Weltmarkt sichern. Mit kostenaufwendigen und letztlich kaum durchsetzbaren Patentverfahren will man sich hingegen künftig zurückhalten.

Dreiste Nachahmer

Auch die benachbarten Schlittenbauer besitzen Schutzrechte auf das Design ihrer Produkte – zwar nicht in China, wohl aber in der EU. Das hindert illegale Nachahmer dennoch nicht. Selbst auf Messen begegnen Hersteller wie KHW immer wieder Plagiaten ihrer eigenen Produkte an Ständen ausländischer Konkurrenten. Ein besonders dreister Kopierer brachte es sogar fertig, mit geklauten Werbefotos des Originalherstellers auf sich aufmerksam zu machen. Auch wenn dieser Stand auf Veranlassung eines eingeschalteten Anwalts vom Zoll geschlossen wurde, bleibt der Kampf gegen Produktpiraten und Markenfälscher ein Kampf gegen Windmühlen. Auf 50 Milliarden Euro jährlich schätzt das Bundeswirtschaftsministerium die Schäden deutscher Firmen durch Ideendiebstahl.

Umschau_Industrieplagiate
Umschau

Mitteldeutsche Unternehmen wehren sich gegen Plagiate

Nicht immer können Firmen ihre Urheberrechte einfach durchsetzten. In einigen Ländern werden die Klagen gegen Plagiatsfirmen sogar abgeschmettert.

25.09.2012, 20:15 Uhr | 07:34 min

Zuletzt aktualisiert: 25. September 2012, 22:39 Uhr

1. Lutz Frost:
Sehr gehrtes Team, schon lange frage ich mich, wo bei diesem Problem die Verantwortung unserer Regierung bleibt. Die bisherigen Wirtschaftsminister haben doch in dieser Frage nur heiße Luft abgelassen. Solche Produkte sollten mit hohen Einfuhrzöllen belegt werden, die den Verkaufswert unserer geschützten Produkte übersteigen. Gleiches könnte auch bei Produkten erfolgen, deren Produktion ins Ausland verlagert wurde um mehr Profit zu erzielen. Da hätte der Finanzminister eine Einnahmequelle mit der er nicht den Geldbeutel der kleinen Leute durch fadenscheinige Steuern leermachen muß. Mit freundlichem Gruß Lutz Frost
25.09.2012
20:49 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen.
Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK