Umschau

Umschau | 27.09.2011 | 20:15 Uhr : Nebenjob: Hure – Studenten im Rotlichtmilieu

Jede dritte Studentin kann sich Prostitution als Nebenjob vorstellen. Fast vier Prozent der Studenten in Berlin arbeiten aktiv im Rotlichtmilieu. Viele lockt das schnelle Geld und unbewusst auch Anerkennung.

Prostitution

Petra führt ein Doppelleben, von dem niemand etwas weiß. An den Abenden ist sie hin und wieder als Prostituierte tätig -in einem so genannten Laufhaus am Stadtrand von Dresden. Seit drei Jahren mietet sich die 23-jährige hier mehrmals im Monat in ein Zimmer ein. Mit dem Geld der Freier finanziert sie ihr Studium an einer medizinischen Fachschule. Ihre Eltern können sie nicht unterstützen. Petra erzählt: "Ich habe vor, es bis zu meiner Examensarbeit zu machen. Ich war Pizzabote, ich hab gekellnert, ich habe in einer Eisdiele gestanden. Das war aber alles viel zu wenig Geld. Es hat zum Überleben nicht gereicht." Ihr Ziel ist ein ganz normales bürgerliches Leben als selbstständige Zahntechnikerin. "Natürlich wünscht man sich als junge Frau irgendwann Kinder, eine wunderschöne Hochzeit, am besten mit einem Traumprinzen auf dem weißen Pferd. Aber diese Illusion habe ich schon lange verloren", beschreibt sie ihren Zustand.

Nach dem Studium Absprung nicht geschafft

Auch die heute 28-jährige Julia hat während des Studiums angefangen, ihre Ausbildung mit Prostitution zu finanzieren. Auch ihr Kalkül war: ziemlich schnell ziemlich viel Geld verdienen. "Beim ersten Mal war ich natürlich total aufgeregt. Er war sehr nett, sah auch gut aus, so Anfang 40. Und in dem Moment, wo er mir dann den Umschlag gegeben hat, das war schon ein tolles Gefühl", erinnert sich die junge Frau. Heute ist sie Webdesignerin und hat immer noch den Nebenjob im Rotlichtgewerbe. Nun tut sie das, um sich das ein oder andere leisten zu können. Sie verdient in einer Nacht 700 Euro.

Typ "Studentin" sehr beliebt bei Freiern

Julias Dienste werden über die Website einer Escort-Agentur angeboten. Dort wird ihre Hauptbeschäftigung immer noch mit "Studium" angegeben. Das hat auch einen guten Grund, erklärt die Agenturchefin Stefanie: "Die Marke Studentin verkauft sich deswegen so gut, weil der Mann ein ganz bestimmtes Bild von einer Studentin hat: Und die ist nun mal jung, schön, natürlich, nicht so berechnend, was das Honorar dann betrifft. Mann hat das Gefühl, man tut auch noch was Gutes, man unterstützt die Jugend in der Ausbildung."

Prostituierte kompensieren fehlende Liebe

Eine Frau sitz auf einem Stuhl
Psychotherapeutin Astrid von Friesen

Aber es ist nicht nur das schnelle Geld, was die junge Akademikerin reizt. Sie sucht auch immer ein gewisses Maß an Bewunderung. "Man kriegt ganz viel Komplimente, man wird supertoll und nett behandelt, man kriegt total viel Aufmerksamkeit. Ich muss sagen, es ist doch auch gut fürs Ego, weil man natürlich bewundert wird", berichtet Julia. Psychotherapeutin Astrid von Friesen kennt solche Äußerungen. Sie hat bei ihren Studien festgestellt, dass Prostituierte im Luxusbereich häufig nach dieser Aufmerksamkeit suchen. "Oft hat es mit der Mutterproblematik zu tun, dass dieser Mensch nicht genügend Zuwendung, Lob, Anerkennung von der eigenen Mutter bekommen hat. Das heißt, er sucht diese Anerkennung immer wieder beim Sexualpartner und versucht, damit seine Kinderwunde zu heilen, was natürlich nicht funktioniert", erklärt die Psychotherapeutin.

Psychische Probleme mit Doppelleben

Beide Frauen führen ein geheimes Doppelleben. Für Petra scheint das kein Problem zu sein. Sie sagt: "Wenn ich mein Zimmer im Bordell betrete, dann bin ich eine andere Person. Ich gebe mich anders, ich spreche anders mit den Gästen. Und ich vergesse eigentlich alles, was mit Uni, Familie usw. zu tun hat. Das ist, als wenn ich schizophren wäre." Nach Meinung der Psychotherapeutin Astrid von Friesen ist dieser Zustand nicht gesund. Das belegen auch Ergebnisse der Befragung zur Prositution von Studenten in der Hauptstadt. 60 Prozent der befragten Rotlicht-Studenten klagen über Probleme in der Partnerschaft und psychische Belastungen. Und 58 Prozent fürchten sich vor gesundheitlichen Risiken.

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2011, 16:46 Uhr

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