Umschau-Quicktipp | 17.07.2017 Ärztliche Behandlungsfehler: Was können Betroffene tun?

Bis zu 170.000 Behandlungsfehler passieren jedes Jahr in Deutschland, schätzt das Bundesgesundheitsministerium. Wie viele es genau sind, weiß niemand, denn viele Betroffene wissen nicht, an wen sie sich wenden können oder scheuen den langen, steinigen Weg, gegen Ärzte und Krankenhäuser vorzugehen. Sollten Sie den Verdacht haben, falsch behandelt worden zu sein, können Sie sich Unterstützung holen. Zunächst muss Ihnen durch eine falsche Behandlung ein objektiv messbarer Schaden entstehen. „Einfach nur zu sagen, 'ich fühle mich falsch behandelt' oder 'die Ärzte und Pfleger im Krankenhaus waren unfreundlich oder zu langsam', das reicht auf keinen Fall, um es als ärztlichen Behandlungsfehler darzustellen“, sagt Anne-Katrin-Wiesemann, Rechtsreferentin der Verbraucherzentrale Sachsen. Und auch wenn es Ihnen gesundheitlich nach einer Behandlung schlechter geht als vorher, müssen Sie beweisen, dass das an einem schuldhaften Verhalten des Mediziners oder Krankenhauses liegt. Und das ist schwierig. So wurden im vergangenen Jahr von 15.000 unabhängigen Gutachten zu vermuteten Behandlungsfehlern gerade einmal 4.100 Fälle tatsächlich als Behandlungsfehler bestätigt.  

Das ist ein Behandlungsfehler

Tablette, Spritzen und Geldscheine
Bildrechte: IMAGO

Verstößt ein Mediziner eindeutig gegen die zum Zeitpunkt der Behandlung anerkannten Regeln und Standards der Wissenschaft, dann ist das ein Behandlungsfehler. Das kann eine falsche Diagnose durch oberflächliche Untersuchung sein, ebenso eine falsche Dosierung von Medikamenten. Auch unzureichend geschultes Personal im Krankenhaus, Hygienemängel oder ein schlecht abgestimmtes Behandlungskonzept können im Schadensfall als Behandlungsfehler gewertet werden. Verursacher sind dabei nicht nur Ärzte, sondern auch Schwestern, Hebammen, Pfleger und nach neuer Gesetzesregelung auch Heilpraktiker und Psychotherapeuten. Werden Sie schlecht oder unverständlich über Chancen und Risiken einer Behandlung aufgeklärt, kann auch das als Behandlungsfehler gewertet werden, wenn Sie mit den Folgen der Behandlung unerwartete Probleme haben.

Bei Verdacht: Handeln Sie!

Gerade mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen fällt es schwer, einen juristischen Kampf auf sich zu nehmen. Sie sind in der Beweislast und haben scheinbar eine verschworene Gemeinschaft von Medizinern gegen sich. Aber so ist es nicht. Der Gesetzgeber hat in den vergangenen Jahren die Rechte der Patienten gestärkt. Krankenhäuser und Ärzte müssen Ihre Behandlungsakten im Zweifel uneingeschränkt herausgeben und sämtliche Behandlungen genau protokollieren. Das macht es Ihnen und unabhängigen Gutachtern leichter, Ihre Behandlung und eventuelle Fehler nachzuvollziehen. Wichtig ist, dass Sie im Ernstfall nicht auf den Kosten für teure Nachbehandlungen, jahrelange Therapien und benötigte Hilfsmittel sitzen bleiben. Haben Sie den Verdacht, dass Sie falsch behandelt wurden, sprechen Sie möglichst schnell mit dem betroffenen Mediziner oder Krankenhaus. Die sind versichert und könnten eventuelle Kosten übernehmen. Der Nachweis über einen wirklichen Behandlungsfehler ist zwar schwierig. Sie haben aber starke Partner an Ihrer Seite, die Ihnen helfen.  

 Ansprechpartner Nummer 1 – die Krankenkasse

Liegt ein Behandlungsfehler vor, der bei Ihnen einen behandlungswürdigen Schaden hinterlässt, entstehen dadurch Kosten. Gesetzliche und private Krankenkassen versuchen ihre Ausgaben niedrig zu halten. „Deshalb unterstützt man Sie bei Verdacht auf Behandlungsfehler und der Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen bei den Kassen in der Regel sehr gut. Die gesetzlichen Kassen sind dazu sogar verpflichtet“, so Anne-Katrin-Wiesemann von der Verbraucherzentrale. In der Praxis sammelt die Krankenkasse mit Ihnen alle notwendigen Unterlagen, hilft Ihnen beim Ausfüllen von Anträgen. Dann wird Ihr Fall dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung, kurz MDK, vorgelegt. Dort begutachten unabhängige Fachärzte Ihren Fall und schätzen ein, ob ein Behandlungsfehler vorliegt oder nicht. Das alles ist für gesetzlich Versicherte kostenlos. Gibt der MDK Ihrem Verdacht Recht, können Sie von Mediziner oder Krankenhaus Schadenersatz, Behandlungskosten und Schmerzensgeld verlangen. Da das in den wenigsten Fällen freiwillig gewährt wird, können Sie nun klagen. Mit einem Gutachten des MDK haben Sie gute Chancen.

Ansprechpartner Nummer 2 – die unabhängige Patientenberatung

Patientin und Arzt
Bildrechte: IMAGO

Kostenlose Beratung bietet ebenfalls die unabhängige Patientenberatung Deutschlands UPD. Sie können sich dazu im Internet, an der Hotline oder auch von Experten in den Beratungsstellen helfen lassen. Diese Beratung kann auch anonym erfolgen. Auch bei der UPD wird Ihr Fall genau untersucht und Sie bekommen Hilfe bei einer berechtigten Schadensersatzforderung.

Ansprechpartner Nummer 3 - die Landesärztekammer

Beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler können Sie sich auch an die Landesärztekammern und Landeszahnärztekammern wenden. Diese beauftragen dann wiederum Gutachter oder Schlichtungsstellen. Allerdings darf dazu der jeweilige Fall noch nicht vor Gericht sein und nicht länger als fünf Jahre zurückliegen. Auch ist fraglich, ob die Gutachter hier wirklich unabhängig agieren. Hinzu kommt, dass die Schlichtersprüche nicht bindend sind. Selbst wenn Ihnen also der Schlichter recht gibt, kann die Haftpflichtversicherung des Arztes oder Krankenhauses trotzdem eine Zahlung an Sie verweigern.

Extremfall Strafanzeige

Da ein ärztlicher Behandlungsfehler in der Regel auch eine Körperverletzung darstellt, können Sie Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft stellen. Vorteil: Der Staatsanwalt muss ermitteln, um die Anzeige zu beweisen oder zu widerlegen. Diese Ermittlungen sind für Sie kostenlos. Allerdings müssen Sie sich auf zusätzliche Untersuchungen und Befragungen als Zeuge vor Gericht einstellen, auch ohne Erfolgsgarantie.

 Halten Sie durch!

Ist keine außergerichtliche Einigung möglich, dann holen Sie sich rechtliche Unterstützung von einem Anwalt.  Im Idealfall werden die Kosten dafür von Ihrer Rechtsschutzversicherung übernommen. Erkundigen Sie sich am Anfang bei Ihrem Versicherer über die Bedingungen. Je größer Schaden und Kosten, desto länger kann sich ein Prozess hinziehen. Dazu unsere Rechtsreferentin: „Die Versicherer der Gegenseite geben in der Regel Gegengutachten in Auftrag. Das kann den Prozess verzögern. Außerdem wird genau geforscht, ob nicht Ihre Lebensweise, also Rauchen, Alkohol und Übergewicht, einen Beitrag zum Schaden geleistet haben. Das kann belastend werden.“ Lassen Sie sich nicht zermürben und versuchen Sie, bis zum Ende durchzuhalten.

Das steht Ihnen an Entschädigung zu

Alle Kosten, die Ihnen durch den Behandlungsfehler und einen daraus resultierenden Schaden entstehen, müssen vom Verursacher ersetzt werden. Das können zusätzliche Behandlungskosten und Hilfsmittel sein, aber auch entgangenes Gehalt, Fahrt- und Betreuungskosten und so weiter. Auch Schmerzensgeld können Sie geltend machen. Dessen Höhe richtet sich nach dem Schaden. Eine einheitliche Regelung dazu gibt es nicht, aber mit der Celler Schmerzensgeldtabelle eine gewisse Orientierung.

Die Verjährungsfrist

Ein Behandlungsfehler und seine Folgen müssen sich nicht sofort bemerkbar machen. „Wenn Sie zum Beispiel ein künstliches Hüftgelenk implantiert bekommen, das sich nach fünf Jahren plötzlich lockert, kann auch das immer noch auf einen Fehler zurückzuführen sein“, erklärt Anne-Katrin-Wiesemann von der Verbraucherzentrale Sachsen. Deshalb beginnt die dreijährige Verjährungsfrist nicht mit Datum der Behandlung, sondern am Ende des Jahres, in dem Ihnen der Behandlungsfehler auffällt. Wurden Sie also 2010 an der Hüfte operiert und Sie bekommen im September 2014 Probleme mit dem Implantat, die auf einen Behandlungsfehler zurückgehen, dann können Sie bis zum Jahr 2017 Ersatzansprüche geltend machen. Spätestens 30 Jahre nach einer Behandlung verjähren aber alle Ansprüche.

Fazit

Um gegen Behandlungsfehler und ihre Folgen vorzugehen, brauchen Sie Kraft und einen langen Atem. Am besten schließen Sie rechtzeitig eine Rechtsschutzversicherung ab. Kostenlose Beratung und gegebenenfalls Gutachten bekommen Sie bei ihrer Krankenkasse. Unterstützung bieten auch unabhängige Institutionen und private Initiativen. Vor Gericht brauchen Sie einen guten Anwalt.

Über dieses Thema berichtet auch MDR JUMP am Vormittag | 17.07.2017 | 9:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2017, 09:47 Uhr