Umschau-Quicktipp | 10.04.2017 Günstige Laufschuhe

Die Temperaturen steigen, jetzt sollen die Extra-Kilos aus dem Winter endlich runter. Am besten klappt das nachgewiesenermaßen mit Joggen. Dafür brauchen Sportler außer guten Laufschuhen nicht viel mehr. Doch hochwertige Modelle von Markenherstellern kosten meist deutlich über 100 Euro. Reichen fürs erste Ausprobieren vielleicht auch die günstigen Modelle, die viele Discounter und Schuhläden besonders jetzt im Frühling oft im Angebot haben? Die gibt es schon für 20 Euro. Wir fassen zusammen, was Laufexperten von den günstigen Schuhen halten.

Manche Laufexperten raten generell ab …

Schuhe eines springenden Joggers
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Sportschuhe günstig bei Discountern oder Sportausrüstern zu kaufen ist aus Sicht vieler Laufexperten keine gute Idee. Die Günstig-Modelle erfüllten meist nicht die Hauptaufgabe eines Sportschuhes: Die Sprünge beim Laufen abzufedern. „Da wirkt das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts auf Kniegelenke, Hüftgelenke und Wirbelsäule“, sagt Kerstin Müller. Die Ruder-Olympiasiegerin ist heute Beraterin für Gesundheitsmanagement bei der BARMER und läuft selbst. Die fehlende Dämpfung könne böse Folgen haben: „schmerzhafte Überbelastungen etwa und im Ernstfall kann es an den Gelenken sogar zu Abnutzungserscheinungen kommen“, so Müller. „Selbst für Laufanfänger mit 5- bis 10-Kilometerläufen würde ich die Schuhe nicht empfehlen“, ergänzt Dr. Robert Marshall vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der stellvertretende Mannschaftsarzt der Bundesliga-Fußballer vom Hamburger SV läuft selbt mittlere und lange Distanzen.


…für andere können die günstigen Schuhe aber Einsteiger-Modell sein
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Professor Kuno Hottenrott, Sportwissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg, möchte nicht so hart über die sehr günstigen Schuhe urteilen wie die anderen beiden Experten. Laufanfänger könnten diese Schuhe zumindest erst einmal ausprobieren: „Wenn eine normale Fußform vorliegt, kein Übergewicht und wenn man pro Woche nicht mehr als 30 Kilometer läuft – dann kann ein preiswerter Schuhe mit guter Passform und Tragekomfort geeignet sein.“ Entscheidend sei aber, die günstigen Schuhe dann maximal ein Jahr zu tragen, denn sie seien nicht so strapazierfähig wie Markenmodelle.

Zu hart, zu unelastisch, zu unbequem

Schuhe eines Läufers auf Rasen
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Bei sehr günstigen Laufschuhen werde häufig an der Sohle gespart, sagt Kerstin Müller: „Die ist dann meist aus einem Stück und sehr hart. Dadurch werden die Stöße nicht so gedämpft und der Druck auf den Fuß nicht so verteilt wie gewünscht.“ Mit einer sehr harten Sohle sei zudem kein flexibles Abrollen beim Laufen möglich. Diese Einschätzung stützt auch ein aktueller Test des NDR-Magazins MARKT (Stand: Januar 2017). Drei erfahrene Jogger prüften drei paar Laufschuhe in der Preisklasse von 12,99 bis 24,90 Euro. Mit keinem der Modelle waren die Läufer zufrieden. Die Schuhe seien unbequem, unflexibel und nicht ausreichend gedämpft, so die Tester.  

Beratung fehlt

Sportmediziner Robert Marshall sieht bei den sehr günstigen Modellen ein zweites, großes Problem: Die Schuhe würden beim Discounter oder im Sportgeschäft in der Regel ohne zusätzliche Beratung eines Laufexperten gekauft. Er sagt: „Einfach so einen Schuh aus dem Regal zu nehmen, wo man nicht weiß, für wen der konzipiert wurde, das ist ein Glücksspiel!“ Auf dem Sportmarkt gebe es eine ganze Reihe von Herstellern, die ihre Schuhmodelle an viele verschiedene Faktoren anpassen. So gibt es leichte und schwere Läufer, Menschen mit eher schmalen Füßen, andere mit breiteren Füßen. Manche Sportler sind eher Vorfußläufer, andere setzen zuerst mit dem hinteren Teil des Fußes auf. „Außerdem gibt es Menschen, die beim Laufen mit der Ferse einknicken. Die brauchen in dem Bereich dann eine Stabilisierung“, sagt Kerstin Müller. Kuno Hottenrott stimmt zu: „Die Beratung ist auf jeden Fall wichtig, aber die gibt es eben nur für Markenschuhe und nicht für No-Name-Modelle." Ein gut geschulter Verkäufer könne Modelle aus dem großen Angebot an Laufschuhen auswählen, die perfekt zum Fuß und auch zu den Laufgewohnheiten passen.  

Der richtige Schuh oder nur ein Modell mit sehr guter Gewinnspanne?

Wer auf ein paar Punkte achtet, bekommt im Sportgeschäft eine wirklich gute Beratung. Der Verkäufer sollte zumindest selbst viel Lauferfahrung haben. Verkäufer sollten zudem nicht nur die Vorteile der teuren Modelle nennen, sondern auch Fragen stellen. „Er sollte zum Beispiel fragen, für welche Strecken man den Schuh braucht", so Kuno Hottenrott. "Auf hartem Untergrund etwa spielt die Dämpfung eine große Rolle.“  Auch die Fragen nach dem Gewicht und nach der bisherigen Lauferfahrung sollten nicht fehlen. Ein Qualitätsmerkmal aus Sicht unserer Experten ist zudem eine Lauf-Analyse mit Kamera mit Zeitlupe auf dem Laufband. Dort habe der Berater freie Sicht auf das Laufverhalten des Käufers. „Außerdem sollte noch die Druckbelastung im Stand und unter Belastung gemacht werden“, sagt Kerstin Müller. Ausgehend von den Ergebnissen bekämen Sportler dann zwei bis drei Schuhmodelle empfohlen. „Die sollte man dann im Sportladen anziehen und ausreichend laufen. Dann merkt man schon, in welchem Schuh man sich wohlfühlt und in welchem nicht“, sagt unsere Expertin. Von Sportlern gern gegebener Tipp: Laufschuhe sollten nachmittags gekauft werden, weil sich der Fuß tagsüber ausdehnt. Nur so kann man sicher sein, dass der Schuh später auch in der Breite passt und die Zehen vorn genug Luft für den natürlichen Greif-Spreiz-Reflex beim Laufen haben.

Spartipps

Sportschuhe aus der aktuellen Saison kosten meist ab 120 Euro aufwärts. Wer sparen will, kann Schuhe der Vorsaison kaufen. Die kosten oft nur um die 80, 90 Euro und sind nicht automatisch schlechter als die aktuellen Modelle. „Es wird immer diskutiert, ob dann die Sohle schon verhärtet ist“, sagt Kuno Hottenrott. Das sei aber kein Problem, wenn der Schuh ordnungsgemäß gelagert wurde. Kerstin Müller empfiehlt die Beratung im Sportgeschäft. Dort könn man dann auf einen Schuh aus dem Vorjahr zurückgreifen. Sportmediziner Marshall hat einen weiteren Spar-Tipp: „Es gibt vor großen Laufevents wie Marathons in Leipzig oder Berlin Laufmessen. Die sind paar Tage vorher. Auch da gibt es Ausstellermodelle vom Vorjahr deutlich billiger.“ Läufer müssten auch keine Angst haben, dass Laufschuhe in der Lagerzeit verhärten.

Fazit

Discounter, Kaufhäuser und Sportgeschäfte bieten Laufschuhe zwar häufig deutlich günstiger an als Fachgeschäfte, die auf Markenmodelle setzen. Doch die günstigen Modelle sind meist nicht ausreichend gedämpft und nicht elastisch genug. Fast immer fehlt die Beratung vom Profi, der die Laufschuhe an den Körper und die Erfahrung des Sportlers anpasst. Zwei unserer Experten raten daher Laufanfängern grundsätzlich davon ab, mit günstigen Schuhen zu starten. „Wenn der Schuh drückt und nicht so flexibel ist, dann hat man keine Freude am Laufen. Dann hängt man die Schuhe schnell wieder an den Nagel und die ganzen guten Vorsätze sind weg“, sagt Kerstin Müller. Aus Sicht des Sportwissenschaftlers Kuno Hottenrott können aber zumindest manche Läufer mit den No-Name-Modellen einen Anfang wagen.

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2017, 09:08 Uhr