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Umschau | 29.05.2012 | 20:15 Uhr : Wie lange Arbeitnehmer tatsächlich arbeiten

Die Bundesregierung preist die Rente mit 67 an und stellt die Alten mit optimistischen Zahlen als Gewinner dar. Arbeitsmarktexperten sprechen von Schönfärberei. Schon jetzt arbeiten nur wenige bis zur Rente.

Ein Zentimetermaßstab, auf dem um die 67 Figuren gereiht sind.

Zwei Drittel der Bevölkerung wollen nicht erst mit 67 in Rente gehen. Sie haben Angst, die Arbeit dann nicht mehr zu schaffen, oder befürchten, gar keine Arbeit mehr zu haben und in diesem Alter auch keine mehr zu finden. Die Bundesregierung hingegen zeichnet ein ganz anderes Bild: "Die Gewinner am Arbeitsmarkt in den letzten zehn Jahren sind die Älteren gewesen", sagt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen

Die Älteren waren die Gewinner? Rentner wie Sieglinde G. sehen das anderes. Die ehemalige Sekretärin aus Zwickau hätte gerne noch länger gearbeitet, um weiter in die Rentenkasse einzahlen zu können und eine bessere Rente zu haben. Stattdessen musste sie nach 45 Arbeitsjahren mit Abschlägen vorzeitig in Rente gehen und bessert sich jetzt mit einem Minijob auf 400-Euro-Basis ihr Einkommen auf. Allerdings tut sie das nicht mehr als Sekretärin, sondern mit einer Arbeit, in der sich niemals gesehen hätte: Sieglinde G. wiegt jetzt LKW auf einem Abriss- und Bauschuttgelände.

Rententricks
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Rente mit 67 nur Schönfärberei?

Sind ältere Arbeitnehmer wirklich die Gewinner auf dem Arbeitsmarkt, wie die Politik weismachen will? Rentner wie Sieglinde G. sehen das anderes.

29.05.2012, 20:15 Uhr | 05:14 min

Gewinner oder Schönfärberei?

Ähnlich geht es auch vielen anderen Senioren, die sie regelmäßig im Seniorenbüro der Initiative 50 plus trifft. Dort wundert man sich eher über die Zahlen der Bundesregierung. Nach denen hätte sich nämlich die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen in den letzten Jahren verdoppelt. Demzufolge würden in dieser Altersgruppe immerhin noch vier von zehn arbeiten. Arbeitsmarktexperten wie Prof. Stefan Sell halten diese Zahl für Schönfärberei, um die Rente mit 67 besser vermitteln zu können.  

"In diese Quote fließen alle ein, die irgendeiner Beschäftigung nachgehen. Das heißt, ein Älterer, der einen 400-Euro-Job macht, zählt genauso viel wie jemand, der einen 40-Stunden-Job hat. Wenn wir jetzt mehr Beschäftigte haben, weil mehr Ältere mehr Minijobs machen, erhöht sich zwar die Zahl der Beschäftigten, aber das sind keine Beschäftigungsverhältnisse von denen man wirklich leben kann."

Nimmt man also Minijobber wie Sieglinde G. aus der Statistik heraus und schaut sich nur noch die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in dieser Altersgruppe an, ergibt sich ein deutlich anderes Bild: Statt vier von zehn sind es dann nur noch rund zwei von zehn, die einer Arbeit nachgehen. Bei den 64-Jährigen sind es nur noch etwa zehn Prozent. Kaum jemand arbeitet heute also bis 65 durch.

Nicht für alle steigt die Lebenserwartung

Trotzdem hält Bundesarbeitsministerin von der Leyen an der Rente mit 67 fest - und führt ein weiteres Argument an: Die Menschen würden immer älter. Das stimmt zwar, allerdings nicht für alle. Für Geringverdiener im Osten ist die Lebenszeit in den letzten Jahren sogar von rund 78 auf 74 Jahre gesunken. Altersforscher machen vor allem die wachsende soziale Unsicherheit dafür verantwortlich. Dies könne auch weitere Teile der Gesellschaft erfassen, warnt der Sozialwissenschaftler Prof. Christoph Butterwegge:

"Ich befürchte, wenn die Politik keinen grundlegenden Kurswechsel vollzieht, dass Menschen gerade im Niedriglohnsektor, der ja immer breiter wird, eine geringere Lebenserwartung haben, und dass sich dieser Trend verfestigt und möglicherweise sogar immer mehr in die Mitte der Gesellschaft ausbreitet."

Sieglinde G. lebt offenbar mit ihrem Minijob vor, was künftig für immer mehr Ältere Realität werden wird: Sie müssen mit Abschlägen in Rente gehen und können dann davon nicht leben. Schon heute geht  fast jeder zweite Neurentner wegen der Arbeitsmarktsituation früher in Rente - und muss dafür Abschläge von durchschnittlich 113 Euro pro Monat hinnehmen.  Würden für sie bereits die Rente mit 67 gelten, wären die Abschläge mit etwa 226 Euro doppelt so hoch. Prof. Stefan Sell sieht deshalb darin auch eine indirekte Rentenkürzung:

"Wir schaffen vielleicht gerade mal in zehn Jahren die Nähe zur 65, wenn wir uns Mühe geben. Wenn wir jetzt von der Rente mit 67 sprechen, dann hat das in meinen Augen nur einen Sinn, die Belastungen der Renten zu drücken, das heißt, es ist ein Rentenkürzungsprogramm."

Darum muss sich auch Rentnerin Sieglinde G. ihren Lebensunterhalt aufbessern. Und sie macht sich schon Gedanken, was passieren wird, wenn sie ihren Minijob körperlich nicht mehr ausüben kann.

Zuletzt aktualisiert: 30. Mai 2012, 10:19 Uhr

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