Umschau

Umschau | 14.08.2012 | 20:15 Uhr : EU-Recht bringt Rettungsdienst-Mitarbeiter in Not

Die Beschäftigten im Rettungsdienst haben eine verantwortungsvolle Aufgabe. Das sollte angemessen entlohnt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wegen der EU-Richtlinie zum Vergaberecht sollen die Dienste nämlich regelmäßig von den Landratsämtern und Kreisfreien Städten ausgeschrieben und an den günstigsten Anbieter vergeben werden. Die Folge ist ein Preiskampf, der zu Lasten der Rettungsdienst-Mitarbeiter geht, denn ihnen drohen drastische Lohneinbußen.

Rettungsdienst eilt mit Fahrtrage

Mindestens 1.100 Rettungssanitätern und -assistenten in Mitteldeutschland drohen in den nächsten Jahren Kündigungen oder Lohneinbußen. Das ergaben Recherchen der "Umschau". Die Ursache für die drohende Kündungswelle liegt in der EU-Vergaberichtlinie 2004/18/EG, die auch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen betrifft. Danach müssen Landkreise und kreisfreie Städte auch Rettungsdienstleistungen regelmäßig ausschreiben. Nach MDR-Recherchen planen 13 Landkreise und kreisfreie Städte die Ausschreibungen des Rettungsdienstes bis 2016 oder haben damit schon begonnen. Auf die Umfrage bei den 47 Landkreisen und kreisfreien Städten machten 28 Angaben zu den Ausschreibungen.

Gewerkschafter sieht drohendes Lohndumping

Der zuständige ver.di-Landesbezirksleiter Thomas Voß befürchtet, dass der Wettbewerb mit Niedrigangeboten geführt wird, sodass die bisherigen Rettungsdienste die neuen Verträge nicht bekommen könnten und ihre Mitarbeiter entlassen müssen. Seine Erfahrung: "Dann läuft es so, wie schon aus anderen Branchen bekannt. Die Entlassenen bekommen Angebote von den Billiganbietern, zu schlechteren Konditionen zu arbeiten. Häufig sind es extra für den neuen Wettbewerb gegründete Billig-Tochtergesellschaften der bisherigen Rettungsdienstanbieter", so Voß. Das heißt, die Mitarbeiter machen die gleiche Arbeit, gegebenenfalls sogar beim alten Arbeitgeber, bekommen aber weniger Geld und möglicherweise Sozialleistungen. Auch Anwalt und Branchenkenner Bernd Spengler hat beobachtet, "dass die Rettungsdienste, gerade in den Neuen Bundesländern, mit neu gegründeten Tochtergesellschaften das Personal überführen, um noch günstiger anbieten zu können und damit die Ausschreibung zu gewinnen." Zusätzlich drängen private Anbieter auf den Markt.

Günstige Angebote zu Lasten der Arbeitnehmer

Die Weste eines Reddungsdienst-Mitarbeiters des Arbeitersamariterbunds
Die Rettungsassistenten des Arbeitersamariterbunds Halberstadt bekommen den neuen Wettbewerb schon zu spüren.

Die Auswirkungen dieses Wettbewerbs haben bereits die Rettungsassistenten vom Arbeitersamariterbund (ASB) in Halberstadt zu spüren bekommen. Allen wurde gekündigt und gleichzeitig jedem ein Änderungsvertrag angeboten. Sie dürfen, wenn sie wollen, bei der ASB-Tochter, der gemeinnützigen Gesellschaft für Rettungsdienst mbH, weiterarbeiten. Die neue Regelarbeitszeit soll 48 Stunden pro Woche betragen. Dafür gibt es mit beispielsweise 1.700 Euro brutto deutlich weniger Geld als beim ASB. Die ältesten Mitarbeiter hatten vorher bis zu 2.700 Euro. Die ASB-Rettungsassistenten haben Angst: "Manche haben noch einen Kredit aufs Haus. Aber wir müssen eben wettbewerbsfähig sein, wurde uns gesagt", erklärt einer der Betroffenen, der nicht namentlich genannt werden will. Schon jetzt lägen sie weit unter dem Tarif des öffentlichen Dienstes. Hinzu kämen viele unbezahlte Überstunden. Der ASB in Halberstadt wollte sich dazu nicht äußern.

Anwalt: Kommunen können Tariflohnniveau fordern

Anwalt Bernd Spengler
Anwalt Bernd Spengler hat zahlreiche Kündigungsschutzklagen von Rettungsassistenten auf dem Tisch

Dieses Beispiel ist für den Anwalt Bernd Spengler kein Einzelfall. Er hat zahlreiche Kündigungsschutzklagen von Rettungsassistenten auf dem Tisch. Er spricht von "Lohndumping". Aus seiner Sicht könnten die Landkreise und Kreisfreien Städte das verhindern. "Sie können festlegen: Eine gewisse Form der Tarifbindung muss sicher gestellt sein. Sie können auch festlegen: Ich will nur Anbieter, die mindestens Tariflohn zahlen", so Spengler.

Michael Werner
Michael Werner ist im Landkreis Harz für die Vergaben zuständig.

Im Landkreis Harz, an dessen Ausschreibung sich der ASB Halberstadt beteiligt, sieht man das jedoch anders. In Bezug auf eine Festlegung einer Tariftreue bzw. einer Orientierung am Tarifvertrag erklärt der zuständige Mitarbeiter im Landratsamt, Michael Werner: "Sie können nicht alles fordern in einer Ausschreibung. Sie müssen dem Wettbewerb freien Lauf lassen." In den Landratsämtern hat man offenbar Angst vor juristischen Auseinandersetzungen mit den Wettbewerbern.

Notärzte befürchten sinkende Qualität

Die Notärzte, die unmittelbar mit den Rettungsdienstmitarbeitern zusammenarbeiten, befürchten, dass unter diesem Wettbewerb die Qualität des Rettungsdienstes leiden könnte. Dr. med. Michael Burgkhardt, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands, meint: "Wenn es nur noch um den günstigsten Preis geht, dann kann das zu Qualitätsverlusten beim Rettungsdienst führen."

Bundespolitik könnte Problem mittelfristig lösen

Eine mittelfristige Lösung zeichnet sich nun auf Bundesebene ab. Erst kürzlich hat der Deutsche Bundesrat einem Vorschlag zugestimmt, in dem gefordert wird, den Rettungsdienst in den Ausnahmekatalog der EU-Wettbewerbsrichtlinie aufzunehmen. Er sei schließlich keine Kurierdienstleistung, sondern "Kernaufgabe der Daseinsvorsorge." Damit würde der Zwang zur Ausschreibung wegfallen. Nach Meinung vieler Rettungsassistenten ist das naheliegend und gerecht. "Wir transportieren ja nicht irgendwelche Waren. Wir sind für die Erst- und Notfallversorgung zuständig. Bei uns im Kreis kommt noch hinzu, dass wir oft keinen Notarzt dabei haben und auf uns allein gestellt sind. Wir haben eine Verantwortung für uns, den Kollegen und den Patienten", sagt einer von ihnen. Der Beschluss des Bundesrates kommt für die meisten Beschäftigten im Rettungsdienst zu spät. Eine Gesetzesänderung könnte noch Jahre dauern. Doch in diesem Jahr, so wird befürchtet, könnte es bei den deutschen Rettungsdiensten zu einer Kündigungswelle kommen.

ein Rettungssanitäter
Umschau

EU-Richtlinie lässt Rettungsassistenten zittern

Eine EU-Verordnung wirbelt die Rettungsdienstbranche durcheinander. Für die angestellten Rettungsassistenten könnte sie ein großes Problem werden - wenn sie es nicht schon ist.

14.08.2012, 20:15 Uhr | 06:57 min

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2012, 07:51 Uhr

10. M.Paul:
Die werden sich noch gewaltig umsehen, wenn es irgendwann keine RA's mehr gibt, die überhaupt noch im RD arbeiten.... Alles muss selber gezahlt werden, um überhaupt erstmal als RA arbeiten zu dürfen und dann wenns ums bezahlen geht, heißt es nö nö.... so billig wie möglich..... ich hab gott sei dank gemerkt, dass der RD in Deutschland eine Katastrophe ist.... und jetzt einen Job gefunden, wo man gescheid bezahlt wird... Goodbye RD
16.08.2012
17:47 Uhr
9. Franzi Durchblick:
... die Qualität sinkt dabei nicht, weil der Mitarbeiter mit Herzblut dabei sind. Aber der gesundheitliche Zustand wird katastrophal. Solche Zustände machen jeden Mitarbeiter krank!!! Sozial ins abseits gedrängt und dem ausgeliefert zu sein. Es sind nicht nur die Politiker schuld, sondern auch diejenigen, die sich diese Politik zu nutzen machen. An dieser Situation verdienen.
16.08.2012
11:52 Uhr
8. Metzger Matthias:
Ich arbeite seit 20 Jahren im Rettungsdienst und Krankentransport. Das Problem, das ich sehe ist, dass die so genannten HiOrg`s andere Sparten wie Essen auf Rädern, Altenheime, BFD, SEGen usw. mitfinanzieren müssen. Die HiOrgs bekommen eine sogenannte Pauschalzahlung der Krankenkassen und das Wirtschaften unterliegt ja den HiOg`s. Wenn die nicht richtig wirtschaften, muß einer büßen und das sind immer die kleinen Mitarbeiter.
16.08.2012
09:42 Uhr
7. Michael:
Deswegen arbeite ich als Rettungsassistent im Krankenhaus!!""
16.08.2012
09:16 Uhr
6. Jörg Hrdlika:
Warum muß die Krankenbeförderung und der Rettungsdienst überhaupt vergeben werden? Wenn die Organisationen, die sich Hilfe, Menschlichkeit und Nächstenliebe auf die Fahnen geschrieben haben, die Leistungen zu ihrem Preis nicht mehr anbieten können, dann sollen sie es doch im Interesse der Beschäftigten lassen. Alle Mitarbeiter könnten auch direkt bei der Kommune angestellt sein und müssten nicht alle vier Jahre um ihren Arbeitsplatz fürchten. Doch ASB und Co. wollen unbedingt den Rettungsdienst. Warum?
16.08.2012
00:18 Uhr
5. D. L.:
In Sachsen wurde gerade das Rettungsdienstgesetz geändert. Auch hier hat der Gesetzgeber es leider versäumt, klare Richtlinien für die Vergabe festzulegen. Jedoch haben die Landkreise trotzdem genügend Spielräume dafür Sorge zu tragen, dass die Ausschreibungen nicht auf dem Rücken der Mitarbeitenden im Rettungsdienst ausgetragen werden. Nicht nur Tariflohn ist dabei zu berücksichtigen, sondern auch die aktive Mitwirkung im Katastrophenschutz oder die Verpflichtung zur Übernahme der bisherigen Mitarbeiter einer Rettungswache. Im MDR-Bericht wird übrigens suggeriert, die Johanniter würden keinen Tarif bezahlen. Dies ist falsch. Alle Mitarbeitenden werden nach AVR bezahlt.
15.08.2012
20:55 Uhr
4. A. S.:
Man kann nur hoffen, dass unsere Kanzlerin bzw. Regierung neben Griechenland und Co auch die Daseinsfürsorge im Blick hat. Da dies allerdings nicht so schnell der Fall sein wird, muss man leider hoffen, dass die meisten Kollegen den Arsch in der Hose haben, die Zähne zusammenbeißen und zu den Konditionen nicht anfangen und damit das System in diesen Regionen einfach zusammenbricht. Leider haben in der Tat viele Verpflichtungen, aber wenn Ihr diese mit den neuen Konditionen eh nicht erfüllen könnt, bleibt lieber zu Hause. Bitte versteht mich nicht falsch, aber bevor ich für einen solchen Hungerlohn so eine Verantwortung auf mich lade, bleib ich lieber zu Hause. Wie dem auch sei. Den jungen flexiblen Kollegen sei nur geraten: Verlasst das sinkende Schiff so schnell Ihr könnt und lernt was Ordentliches. ;) Und den alten Hasen: Macht es nicht zum Dumpinglohn...
15.08.2012
15:56 Uhr
3. christian wiegandt:
ich arbeite auch im RD seit 14 jahren und wir sind jetzt schon unterbezahlt für die Verantwortung, die wir tragen müssen. aber jetzt noch weniger bezahlen, um irgendwelche dubiose fremdanbieter in unser land zu lassen, die keinerlei skrupel haben, unqualifiziertes personal einzustellen, die für 6 euro arbeiten zu lassen und unsere tollen bundesländer dies auch noch zulassen, weil sie kein arsch in der hose haben, sich dagegen zu wehren. hoffe es trifft mal so einen beamter, der hilfe braucht und es kommt billigpersonal, wo nichtmal mehr richtig für den notfall ausgerüstet ist und keinerlei kompetenz hat. kann deutschland sich nicht mehr gegen die skupellose politik der EU wehren?
15.08.2012
14:20 Uhr
2. Markus Marquardt:
Uns fehlt halt die Lobby ... Wer setzt sich schon gern mit dem Rettungsdienst auseinander ... aber wehe, wenn er gebraucht wird und nicht innerhalb von 2 Sekunden da ist. Qualität kostet halt Geld ....
15.08.2012
14:08 Uhr
1. Remigius Segieth:
Ich arbeite im Rettungsdienst und in der Krankenbeförderung seit über 13 Jahren, und zwar in einer Großstadt. Am Anfang war natürlich alles toll und super. Jetzt jedoch kann ich nur vom Gegenteil sprechen. Stundenlohn liegt bei 6-7 € die Stunde bei einer 48 Stundenwoche. Es gibt natürlich Zuschläge, die aber einen Mitarbeiter an die Firma binden. Wehe, wenn man krank ist oder 1 Woche Urlaub hat. Man merkt sofort die Einbußen auf dem Konto. Zwischen 100 und 200€, die man weniger hat. Dazu kommen noch sehr lange Schichten von 12 Stunden und mehr und Wechselschichten. Das ist letztendlich familienfeindlich.... Das Abenteuer Leben ist ein unmenschlicher Raub der Freiheit.
15.08.2012
08:24 Uhr

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